Feiner mit dem Pferd kommunizieren mit Yoga

Feiner mit dem Pferd kommunizieren mit Yoga

,,Wir kommunizieren immer – ob wir wollen oder nicht. Dabei wissen wir oft gar nicht, was wir sagen, denn: Unser Körper plaudert über unsere verborgenen Gedanken und Gefühle, lange bevor sie uns bewusst werden. Yoga kann uns helfen, unser Innerstes wahrzunehmen und...
Diese drei Dinge stehen der Harmonie zwischen Mensch und Pferd im Weg

Diese drei Dinge stehen der Harmonie zwischen Mensch und Pferd im Weg

Hast du manchmal das Gefühl, dass etwas zwischen dir und deinem Pferd steht? Oder beobachtest du bei anderen vielleicht gute Ambitionen, aber eine ernüchternde Praxis? Wir wollen doch alle ein echtes, partnerschaftliches Miteinander (zumindest ist das ziemlich wahrscheinlich, wenn du auf diese Seite gefunden hast :)) – warum haben wir das denn nicht einfach? Diese Frage treibt mich wohl wie keine zweite, und das wird wohl auch mein Leben lang so bleiben. Meine aktuellen Top 3 Gründe, warum es zwischen Mensch und Pferd nicht harmonischer zugeht:

  1. Die Tatsache, dass die meisten von uns nicht gelernt haben, konstruktiv und bewusst mit den eigenen Gedanken und Emotionen umzugehen und dadurch wirklich präsent, authentisch und kongruent aufzutreten und so auch: Uns wirklich zu verbinden.
  2. Die Überzeugungen, die wir im Bezug auf die Pferde haben und insbesondere der hartnäckige Glaube an ihr Dominanzverhalten, welches wir dann – wissentlich oder unwissentlich – auf unser Verhältnis zu ihnen übertragen.
  3. “Harmonie mit dem Pferd” bedeutet für viele Reiter in letzter Instanz nicht Partnerschaft und Kommunikation, sondern vor allem absolute physische und mentale Verfügbarkeit – ein Tier, mit dem sie jederzeit und ohne Gegenwehr machen können, was sie wollen. Und möglichst so, dass das auch noch gut aussieht. Dabei “übersehen” sie oft das Feedback ihrer Pferde, solange sie können. Und das ist verständlich. Denn wenn wir dem Pferd eine richtige Meinung zugestehen, könnte das bedeuten, dass wir uns schlecht fühlen und/oder unser Verhalten ändern müssen. Und das ist immer erstmal unangenehm. Also: Sind wir wirklich bereit, auch ihre “Neins” zu akzeptieren und nicht automatisch als Trainingsherausforderung zu begreifen und “wegzutrainieren”? Unsere Ambitionen (“Was machst du denn so mit deinem Pferd?”) und die Gestaltung der gemeinsamen Zeit an ihre Vorlieben anzupassen? Auch das ist ein Punkt, der in vielen Fällen noch zwischen kühnen Harmonie-Träumen und der Realität steht. 

In letzter Zeit habe ich mich wieder sehr mit dem Thema Verhaltensforschung beschäftigt. Die Wissenschaft hat hier einige Erkenntnisse, die der landläufigen Interpretation von Pferdeverhalten in vielen Punkten widersprechen (Stichworte, u.a.: Fütterung, Sozial/-Bindungsverhalten, Stressverhalten, und eben: Rangordnung und “Dominanz” – und ich glaube wirklich, dass das ein ganz zentrales Missverständnis ist, übrigens auch für den Kontakt unter Menschen… Aber das führt hier zu weit). 

Die Ergebnisse von zahlreichen Studien spiegeln in vielen Punkten tatsächlich mein Gefühl wider und ich glaube, dass hier seeeeehr viel Lernpotenzial für uns Pferdemenschen und damit direktes Lebensverbesserungspotenzial für die Pferde liegt. 

Das Thema Pferdeverhalten ist auch deshalb so spannend, weil es zwar schon viele “handfeste” Informationen gibt, sie uns aber nicht von der Selbstverantwortung entbinden. Die Erfahrungen der Wissenschaft führen meist nicht zu den “einfachen” Antworten, die wir so gerne hätten (sicher ein Grund, warum sie nicht immer populär sind), sondern sind (im Idealfall) neutrale Puzzlestücke, kumulierte Erfahrungen, die wir mit unserer eigenen Sicht auf die Welt abgleichen können.

Warum? Die Beobachtung von Verhalten (von Tieren, aber auch Menschen) führt meist schnell zu Interpretationen. “Ha, jetzt hat meine Stute den Wallach wieder in seine Schranken verwiesen!” Wir meinen etwas zu sehen und stricken einen Kontext um unsere Beobachtungen. Das Problem dabei: Dieser Kontext entsteht in uns und unterliegt unseren Filtern – aus unseren Gedanken, Emotionen, Prägungen und Erfahrungen. Das Individuum (Pferd oder Mensch) kann etwas völlig anderes gedacht, gefühlt, gemeint haben, und doch ziehen wir aus unseren Interpretationen Schlüsse und handeln entsprechend. Abgekürzt: Die Art, wie wir denken und fühlen beeinflusst unseren Umgang mit anderen Menschen und Tieren.  Und je öfter wir diese Bewertungsmechanismen erwischen und hinterfragen, desto näher kommen wir auch neuen Sichtweisen, neuen Antworten und damit: unseren Pferden, in all ihren individuellen Ausdrucksformen. 


Und so hängen meine Top 3 letztlich zusammen. Meine Erfahrung ist: 

Jeder Weg, der uns dahin führt, 

– dass wir uns selbst besser kennenlernen (man könnte auch sagen: erkennen), 

– dass wir einen gesunden Abstand zu unseren Filtern finden und 

– dass wir lernen, ehrlich zu uns selbst zu sein,

führt uns auch näher zu unseren Pferden. 

Aus diesem Grund coache ich auch immer mehr Pferdemenschen, arbeite mit ihnen an Emotionen, Antreibern und Themen, die weit vom Stall entfernt liegen, weil es sie insgesamt präsenter, authentischer und greifbarer für ihre Pferde macht – und beide dadurch näher zusammenführt (mental, emotional und auch körperlich). Wir kommen ja nun mal immer als ganze Menschen zum Pferd, mit allem, was uns so begleitet.

Aber zurück zum Verhalten: Für die FEINE HILFEN durfte ich vor einer Weile einen Artikel über das Bindungsverhalten von Pferd und Mensch schreiben und über die Frage, wie Freundschaft zwischen beiden möglich istDer Text beruht auf dem Workshop „Freundschaft mit Pferden“, den ich letztes Jahr mit den beiden Verhaltensforscherinnen Jessie Sams und Emily Kieson (vom MiMer Centre für Pferde-Menschen-Bildung und -forschung) durchgeführt habe. Der Artikel kam sehr gut an und ist nun hier für dich abrufbar. Ich würde mich freuen, wenn er dazu beiträgt, dass wir unsere Augen etwas weiter öffnen für die Möglichkeiten, die es zwischen Pferden und Menschen noch gibt.

“Das ist ja schön und gut”, magst du sagen. “Aber bei meinem Pferd ist das anders, glaube ich…” Damit bist du nicht allein. Um die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen und den Diskurs über das Thema Pferdeverhalten insgesamt weiter zu fördern, haben Emily, Jessie und ich uns neulich etwas Neues ausgedacht: Wir liefern Antworten auf deine konkreten Fragen zum Verhalten deines Pferdes. Aus meinen Gesprächen mit Emily und Jessie kann ich dir schon sagen: Du wirst eher keine kurzen, einfachen Antworten bekommen, aber solche, die zum Nachdenken anregen und dein Verständnis erweitern. Also: Du hast Fragen zum Thema Pferdeverhalten? Dann füll uns einfach dieses Formular aus.
 

Unsere Vision: Wir erstellen einen Pool aus Verhaltensfragen und -antworten, die wir nach und nach beantworten und aus denen wir dann alle gemeinsam lernen können – hier im Newsletter und auch in Artikeln und/oder in Webinar-Formaten… je nachdem, wieviel ihr wissen wollt.

Bitte beachte: Je nachdem, wie groß der Zulauf ist, kann ich dir nicht versprechen, dass wir uns um jede einzelne Anfrage sofort kümmern können, aber wir werden sie alle sichten, ggf. einzelne Erkenntnisse zusammenfassen und die Antworten dazu nach und nach auf jeden Fall liefern. 

Wir sind mega gespannt und freuen uns auf eure Fragen!

Friendships with horses!?

Friendships with horses!?

Would you say that you have a friendship with your horse? And: would your horse say that too? Behavioral science is much further here than most horse owners and we can learn a lot from it. About misunderstandings and myths, due questions and opportunities around the relationship with our horse.

Imagine you have a good friend named Tina. You haven’t seen Tina in a while and invite her over for coffee and cake. Tina brings her newborn baby with her and hands it over carefully: “Would you like to hold her?” Of course you do. While the coffee is brewing, you scoot closely together on your kitchen bench, you look at each other and start bringing each other up to date on your life and all mutual subjects. Then you get up to get the homemade apple pie you made for the occasion. Tina is thrilled, loves it and asks you for the recipe. You spend a wonderful afternoon together and blissfully part ways in the evening with the good feeling that you have further strengthened your friendship.

What do you do to strengthen the bond with your horse?

Identifying as “horse people” we like to consider our horses our friends, too. What do you do to strengthen the bond with your horse? Being the humans that we are, we of course tend to do the very same things: We go up to the horse and pet it. If we want to be extra friendly, we may feed one or two extra treats or we prepare an extra delicious bowl of Sunday mash. We are looking to find the horse’s gaze and make eye contact. We touch it some more. We speak to it in a friendly manner. We “give him a day off” from time to time. We clean it extra thoroughly and maybe even try out this new massage technique that we have read about. We are working through our list of friendly acts as we know them. The thing is: horses are not humans. For horses, these gestures, with luck, are decently nice, with less luck, are uncomfortable and crowding. Because horses lead friendships very differently than humans.

Dr. Emily Kieson and Jessie Sams from the MiMer Center for horse-human education and research in Sweden have spent years researching how horses really feel in our care. What different types of training and handling feel like to them. And whether and how a friendship between horse and human can really be conducted – especially if other factors such as training and riding also play a role.

“Unlike dogs, we don’t usually think of horses primarily as companions, but rather as a partner or even ‘tool’ that we do something with: ‘What are you doing with your dog?’ hardly anyone would ask while the question ‘What are you doing with your horse?’ is perceived as normal”, says Kieson. And that’s the way it is: Most horses are “used” by us in a way – the focus is mostly on riding, training, the mutual tasks. The friendship that most riders would probably state that they’d want is welcome as a side effect but often has a stale aftertaste. Would Tina be your friend if the time you spent with one another are, in addition to many gestures that are not particularly meaningful to you (see above), primarily based on her telling you what to do? With your obedience (or let’s say: your “cooperativity”) being the condition for the “friendly” way of being around each other? If Tina were your boss, you might tolerate this as long as you are okay with quite traditional management techniques – but does Tina also become your friend acting this way …? And why should it be any different with horses?

It is time for us to learn to better interpret communication and attachment behavior, and to understand what role we want to play in our horses’ lives.

It is time for us to learn to better interpret communication and attachment behavior, and to understand what role we want to play in our horses’ lives. Fortunately, it is slowly seeping through in equestrian circles that we don’t have to be the horse’s “boss” in order to successfully handle them. However, as far as I know, hardly any rider knows that horses are completely oblivious to the hierarchical thinking that we put them under. Horses do not think in terms of dominance hierarchies or rank, there are no higher or lower ranked horses and there’s also no “boss” among them, to which everyone is subordinate. “Rather, herds of horses are a complex network of individuals and individually designed two-way relationships. In human care, rare resources also play a key role in observable behavior: space and food. There are horses that need more space around them than others – sometimes more than is available to them in total – and defend their space quite vehemently against most other horses. There are horses that are better at securing food and keeping others away from it. This creates behavior that may be interpreted as dominant. But it is not about hierarchies, not about the relationship of the horses to each other, not about character traits and about securing a status, but about current behavior and the scarce resource of feed, ” says Dr. Emily Kieson.
“Leaders among horses, for example in unknown situations or new resources, become leaders because other horses follow them, because enough other horses consider them to be a good leader in the respective situation – not because they previously positioned themselves as leaders to have.”

The stress that we observe in the herds does not arise because “horses just are like that”, but from human management in the past or present. I know – letting these ideas marinate and looking at the behavior of our horses under this new filter feels a bit like we are deliberately trying to break our heads from the inside. At least, that’s how I felt after decades of seeing horse behavior differently. But what opportunities does it offer to get to know the depths of horse behavior?

So how do horses develop friendships? The individual two-way relationships in the herds form through time spent together, mutual observation and consistency in behavior towards one another. Each horse is a little different in its communication and behavior, so no pair of horses is like the other. Horses usually communicate with each other through their entire bodies and are masters of strategic positioning. Friendly horses often like to stand close to one another and move together. The mutual grooming (allogrooming), which we often interpret as a clear sign of horse friendships, is not necessarily part of every friendship. In addition, it is often observed after stressful situations, so that it can be assumed that it is indeed a stress reduction behavior that occurs more frequently in managed environments than in the wild.

Positive contact between horses, that with horses is always mutual, takes place only on the basis of trust and a common communication. If one horse goes out of contact, it ends. “Horses perceive very precisely how the other horses behave in their environment at all times and react accordingly. This also creates trust – they pay attention to one another and respond to each other, ” Jessie Sams states. One-sided touches are usually negative and very short-term. Under natural circumstances, horses use them in short instances to set boundaries – usually the horses understand quickly and permanently. Stressed horses and, for example, early weaned horses show this aggressive behavior much more often. Also important to consider: A horse would never touch or hunt a friend in a negative way.

And even with the apple pie we couldn’t really score if Tina were a horse – at least not really. “While friend horses like to share their space with each other, sharing food does not play a role in bonding behavior,” Jessie Sams says. No wonder: In the world out of which our horses come, there is plenty of food. Of course horses like to eat, especially when they are hungry (which they are more often than we tend to give them credit for). But they don’t combine the eating experience with the “giving hand”. “As soon as the taste is gone, so is the association with the feeding hand,” says Kieson, describing her somewhat sobering insights. So our horses actually don’t like us anymore if we feed them more. Too bad, actually. Or: Good. Because that means that we do not need food in order to be perceived by our horses as better friends. We can simply meet them for what we are: other beings on (mostly) friendly missions.

But how friendly is this mission in the horses’ eyes? “The answer to this question is quite complex – it varies from human-horse pair to human-horse pair and certainly also over time and in different situations,” says Jessie Sams. Basically, it is good to even ask yourself this question. To answer it you need not only knowledge of horse behavior and communication, but also observations of the respective horse in different situations.

When we watch horses we usually like to label their behavior right away. We interpret what we see according to our own tendencies as well as cultural and personal learning experiences. Yet the more we dig into the drawers that are already created in our minds in order to make sense of what we see, the less open we are to alternative interpretations. And therefore: To what’s actually happening. So: Just take some time and watch your horse, without wanting to interpret the behavior right away. How does the horse behave in different situations? What does it look like when it is tense, how does the behavior change once it relaxes again? What about other horses? And here, it is actually very enriching if you do not try to answer this question by means of an alleged ranking, but rather simply observe the horse in interaction with other horses. You will probably find that your horse behaves very differently towards some horses than towards others. And that the context plays an important role. What suggests a friendship and what an antipathy? Horse behavior is very nuanced and looks a little different in every herd and on every horse.

The better we get at understanding the quiet language of our horse’s movement, the deeper the dialogue with our horse can get.

If we know and can classify the range of behavior of the horse and know our own individual horse well, it is easier to read its behavior towards us. The better we get at understanding the quiet language of our horse’s movement, the deeper the dialogue with our horse can get. If we assume that horses build bonds over a lot of time and shared space, synchronous movements and – at some point – shared experiences: How can we shape everyday life with the horse so that the bond can deepen? How can you allow some “friendship time” beyond riding, in which we can really collect “friendship points” with our horse?

For us riders, this usually requires no less than to rethink almost all of our behaviour and thoughts about our horse: If we really want to focus on friendship, we have to practice letting go of our goals (at least for the moment). Get away from the desire to manipulate the horse’s behavior in any way and achieve a certain result. To remember and, even more difficult, to be willing to accept it when the horse says “no”. Spending unplanned time together.

And we have to ask ourselves honestly whether the training as we are currently doing it promotes friendship or is contrary to it. “Every training is behavioral manipulation. But not every training feels the same for the horse,” Jessie Sams says. To dig deeper here, it not only makes sense to learn about stress behavior and the different forms of stress, but also to break down my training technique and understand: When do I work with negative and when with positive reinforcement, for instance? Are there any truly relaxed phases? Situations in which the horse can (co-)decide? Are there moments of defense, flight or freezing? How does my horse behave in training? What does it really like, what less? How do I behave in the horse’s eyes? Are our touches mutual and positive or consistently very one-sided? When does it really feel like “softness”, an inner harmony between horse and human? And at what instant do I end the training situation?

All these questions can bring us closer to our horse, step by step. The more we become aware of what we do with the the animal, how we spend our time together, what experiences it makes with us and the better we know our individual horse, the easier it is to develop our relationship positively. Not overnight, but in a slow, rewarding process. All of this takes courage. Courage to admit that we may presently rely more on techniques and aids than on trust in our horse and our relationship with it. Courage to experience that not everything works like in the movies from the very start, no matter how much we think we already know about horses. Courage to recognize that we have not always acted like a friend to our horse in the past. But it brings us closer to our goal of having a real friendship with our horse. And isn’t that what we all got into this for in the first place?

This article was originally published in German in the magazine “Feine Hilfen”, issue no. 43. For the German version see here.

Freundschaft mit Pferden!?

Freundschaft mit Pferden!?

Würdest du sagen, dass du eine Freundschaft mit deinem Pferd hast? Und, ebenso wichtig, aber schwieriger zu beantworten: Würde dein Pferd das auch sagen? Die Verhaltenswissenschaft ist hier deutlich weiter als die meisten Pferdebesitzer und wir können viel von ihr lernen. Über Missverständnisse und Mythen, fällige Fragen und Chancen rund um die Beziehung zu unserem Pferd.

Stell dir vor, du hast eine gute Freundin namens Tina. Du hast Tina schon eine Weile nicht gesehen und lädst sie zu Kaffee und Kuchen ein. Tina bringt ihr Neugeborenes mit und reicht es dir vorsichtig rüber: “Magst du mal halten?” Natürlich willst du. Während der Kaffee kocht, setzt ihr euch dicht nebeneinander auf deine Küchenbank, du schaust in Tinas so vertraute Augen und ihr beginnt, euch gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen: Über eure Leben und alle gemeinsamen Themen. Dann stellst du den selbst gebackenen Apfelkuchen auf den Tisch. Tina ist begeistert und fragt direkt nach dem Rezept. Ihr verbringt einen tollen Nachmittag zusammen und geht abends selig auseinander, mit dem guten Gefühl, eure Freundschaft noch weiter gestärkt zu haben. 

Als Pferdemenschen sehen wir ja auch unsere Pferde gern als Freunde. Was tust du, um die Freundschaft mit deinem Pferd zu stärken? Als Menschen, die wir sind, neigen wir natürlich dazu, ähnlich vorzugehen, wie mit Tina oben. Wir gehen auf das Pferd zu und streicheln es. Wenn wir extra freundlich sein wollen, füttern wir vielleicht das ein oder andere extra Leckerlie oder wir bereiten ein liebevoll dekoriertes Sonntags-Mash zu. Wir suchen den Blick des Pferdes. Wir streicheln es. Wir sprechen freundlich mit ihm. Wir “geben ihm einen Tag frei”. Wir putzen es besonders gründlich und probieren vielleicht sogar diese neue Massage-Technik aus, von der wir gelesen haben. Kurzum: Wir arbeiten unsere Liste freundschaftlicher Gesten ab, wie wir sie kennen. Alles sehr nett – aus Menschensicht. Das Problem ist nur: Pferde sind keine Menschen. Für Pferde sind diese Gesten mit Glück okay, mit weniger Glück unangenehm und übergriffig. Denn Pferde führen Freundschaften sehr anders als Menschen. 

Dr. Emily Kieson und Jessie Sams vom MiMer Centre in Schweden forschen bereits seit Jahren daran, wie sich das Pferd in unserer Obhut wirklich fühlt. Welche Umgangs- und Trainingsformen wie wirken. Und ob und wie eine Freundschaft zwischen Pferd und Mensch gelingen kann – zumal, wenn auch andere Faktoren, wie das Training und das Reiten eine Rolle spielen. 

“Anders als Hunde halten wir Pferde meist nicht primär für ihre Kameradschaft, sondern als Sportpartner oder sogar ‘Werkzeug’ um etwas Bestimmtes mit ihnen zu tun: ‘Was machst du mit deinem Hund?’ würde kaum jemand fragen, während die Frage ‘Was machst du mit deinem Pferd?’ als normal empfunden wird,” so Kieson. Und es ist nun mal so: Die meisten Pferde werden von uns Menschen “genutzt”. Im Fokus steht das Reiten, das Training, die gemeinsamen Aufgaben. Die Freundschaft, die sich die meisten Reiter durchaus wünschen, darf sich gern als Nebeneffekt einstellen. Ist das nicht auch nur fair, bei all dem Geld und der Zeit, die der Mensch investiert? Sie hat aber oft einen schalen Beigeschmack.

Wäre Tina auch deine Freundin, wenn euer Umgang miteinander vor allem darauf basiert, dass sie dir sagt, was du machen sollst? Neben ein paar für dich vor allem unbedeutenden Gesten (siehe oben)? Wäre Tina weiterhin deine “Freundin”, wenn dein Gehorsam (oder sagen wir: deine Kooperativität) Bedingung für den “freundschaftlichen” Umgang ist? Wenn Tina deine Chefin wäre, ließe sich das noch tolerieren – sofern du mit solchen recht “traditionellen” Führungsmethoden klarkommst. Aber wird Tina dadurch auch zu deiner Freundin…? Würdest du sie von Herzen zu deinem Geburtstag einladen? Und warum nur sollte das bei Pferden anders sein? Es ist an der Zeit, dass wir das Kommunikations- und Bindungsverhalten unserer Pferde besser sehen und interpretieren lernen. Und uns klar darüber werden, welche Rolle wir im Leben unseres Pferdes spielen wollen. 

Welche Rolle wollen wir im Leben unserer Pferde spielen?

Glücklicherweise sickert in Reiterkreisen langsam durch, dass wir doch nicht der “Chef” des Pferdes sein müssen, um erfolgreich mit ihm umzugehen. Weniger bekannt ist, dass Pferden das Hierarchiedenken, das wir ihnen oft unterstellen, vollkommen abgeht. Pferde denken nicht in Rangordnung, es gibt keine ranghöheren oder rangniedrigen Pferde und auch unter ihnen keinen “Chef”, dem alle unterstellt sind. Vielmehr sind “Pferdeherden ein kompliziertes Geflecht aus Individuen und individuell gestalteten Zweier-Beziehungen. In menschlicher Obhut ist ihr Verhalten zudem maßgeblich geprägt durch die raren Ressourcen: Platz und Futter. Es gibt Pferde, die brauchen mehr Platz um sich herum als andere – und manchmal auch mehr, als ihnen insgesamt zur Verfügung steht. Diese Pferde verteidigen ihren Raum ziemlich vehement gegenüber den meisten anderen Pferden. Manche Pferde, sind auch besser darin, sich Futter zu sichern und andere davon fernzuhalten. Sie haben gelernt, dass aggressives Verhalten zu einer Futterbelohnung führt. Das dadurch entstehende Verhalten wird oft als dominant interpretiert.

“Es geht dabei jedoch nicht um Hierarchien, nicht um das Verhältnis der Pferde zueinander, nicht um Charaktereigenschaften und um Sicherung eines Status, sondern um situatives Verhalten und um die knappe Ressource Futter,” so Dr. Emily Kieson. “‘Anführer’ unter den Pferden, etwa in unbekannte Situationen hinein oder zu neuen Ressourcen, werden zu solchen, weil andere Pferde ihnen folgen. Weil genug andere Pferde sie in der jeweiligen Lage für einen guten Anführer halten – nicht, weil sie sich zuvor als Anführer positioniert haben.” Der Stress, den wir in den Herden beobachten, entsteht also nicht durch dadurch “das Pferde eben so sind” – sondern durch unsere Haltungsformen. 

Ich weiß – dieses Wissen einsickern zu lassen und das Verhalten unserer Pferde fortan unter diesem neuen Filter zu betrachten, fühlt sich ein bisschen an, als würden wir uns willentlich den Kopf brechen. So ging es mir zumindest, nachdem auch ich jahrzehntelang Pferdeverhalten ganz anders gesehen habe. Aber was bietet es für Chancen, die Tiefen und die Bandbreite des Pferdeverhaltens kennenzulernen?

Pferde formen enge Freundschaften untereinander.

(C) Xenia Bluhm

Wie führen Pferde Freundschaften? 

Die individuellen Zweier-Beziehungen in den Herden formen sich durch gemeinsam verbrachte Zeit, gegenseitige Beobachtung und Konsistenz im Verhalten zueinander. Jedes Pferd ist etwas anders in seiner Kommunikation und seinem Verhalten, dadurch gleicht auch kein Pferde-Paar dem anderen. Pferde kommunizieren zumeist über ihren gesamten Körper miteinander und sind Meister der strategischen Positionierung. Befreundete Pferde stehen oft gern eng zusammen und bewegen sich gemeinsam. Das gegenseitige Fellkraulen, das wir so oft als eindeutiges Zeichen für Pferdefreundschaften interpretieren, findet nicht in jeder Freundschaft statt. Außerdem wird es oft nach Stresssituationen beobachtet, so dass angenommen werden darf, dass es sich um ein gezieltes Stressabbauverhalten handelt, das in menschlich geschaffenen Umgebungen auch häufiger vorkommt, als in freier Natur. 

Positive, d.h. bei Pferden auch immer: gegenseitige, Berührung findet unter Pferden ohnehin nur auf Grundlage von Vertrauen und einer gemeinsamen Kommunikation statt. Geht ein Pferd aus dem Kontakt heraus, endet der Kontakt. “Pferde nehmen zu jeder Zeit sehr genau wahr, wie sich die Pferde in ihrer Umgebung verhalten und reagieren entsprechend. Auch dadurch schaffen sie Vertrauen – sie achten aufeinander und gehen aufeinander ein.,” so Jessie Sams. Einseitige Berührungen sind meist negativ besetzt und sehr kurzfristig. Pferde nutzen sie, um die eigenen Grenzen zu setzen, was von Natur aus meist schnell geht und dann grundsätzlich erledigt ist. Gestresste Pferde und bspw. auch früh abgesetzte Pferde zeigen dieses aggressive Verhalten aber deutlich häufiger. Auch wichtig zu bedenken: Befreundete Pferde berühren einander niemals in negativer Weise oder jagen sich (außer im Spiel).

Und auch mit dem Apfelkuchen könnten wir nicht wirklich punkten, wenn Tina ein Pferd wäre – zumindest nicht im Sinne der Freundschaft selbst. “Während befreundete Pferde gerne ihren Raum miteinander teilen, spielt das Teilen von Nahrung unter Pferden keine Rolle für die Bindung zueinander,” so Jessie Sams. Kein Wunder: In der Welt, aus der unsere Pferde kommen, ist ja auch reichlich Nahrung da. Natürlich fressen Pferde gerne, zumal, wenn sie hungrig sind (was sie generell tatsächlich öfter sind, als wir ihnen zugestehen). Aber sie verbinden die Fresserfahrung nicht mit der “gebenden Hand”. “Sobald der Geschmack weg ist, ist es auch die Assoziation mit dem Fütternden,” so schildert Kieson ihre Erkenntnisse. Kein Pferd mag uns also umso, je mehr wir es füttern. Schade, eigentlich. Oder: Gut. Denn das heißt, dass wir kein Futter brauchen, um von unseren Pferden als bessere Freunde wahrgenommen zu werden. Wir können ihnen einfach begegnen, als das was wir sind: Andere Wesen in (zumeist) freundlicher Mission.

Aber wie freundlich ist diese Mission in den Augen des Pferdes? “Die Antwort auf diese Frage muss sehr differenziert betrachtet werden – sie variiert von Mensch-Pferd-Paar zu Mensch-Pferd-Paar und sicher auch im Zeitablauf und in unterschiedlichen Situationen”, so Jessie Sams. Grundsätzlich ist es gut, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Um sie zu beantworten, braucht es nicht nur Kenntnisse über Pferdeverhalten und -kommunikation, sondern auch Beobachtungen des jeweiligen Pferdes in unterschiedlichen Situationen. 

Wir sollten üben, unsere Pferde wirklich zu sehen.

Was wir lernen dürfen, ist Pferdeverhalten zu sehen, ohne es zu interpretieren. Denn das was tatsächlich stattfindet, und unsere Interpretation dessen (die auch auf unseren eigenen Lernerfahrungen und Prägungen beruht) sind zwei paar Schuhe.

Daher: Nimm dir einfach mal die Zeit und beobachte dein Pferd, möglichst ohne das Verhalten direkt einordnen zu wollen. Wie verhält sich das Pferd in unterschiedlichen Situationen? Wie sieht es aus, wenn es angespannt ist, wie verändert sich das Verhalten, wenn es wieder entspannt? Wie steht es zu anderen Pferden? Und hier ist es tatsächlich sehr bereichernd, wenn man diese Frage nicht versucht, über eine vermeintliche Rangordnung zu beantworten, sondern das Pferd wirklich einfach in der Interaktion mit anderen Pferden zu beobachten. Vermutlich wirst du feststellen, dass dein Pferd sich manchen Pferden gegenüber sehr anders verhält als anderen. Und dass der Kontext eine wichtige Rolle spielt. Was lässt auf eine Freundschaft schließen, was auf eine Antipathie? Pferdeverhalten ist sehr nuanciert und sieht in jeder Pferdeherde etwas anders aus. 

Wo beginnt die Freundschaft mit Pferden?

(C) Xenia Bluhm

Wenn wir das Verhaltensspektrum der Pferde grundsätzlich kennen und einordnen können und wissen, wie unser eigenes Pferd kommuniziert, lässt sich auch sein Verhalten uns gegenüber leichter lesen. Je besser wir darin werden, die leise Sprache der Bewegung unseres Pferdes zu verstehen, desto tiefer wird der Dialog, in den wir mit unserem Pferd gehen können. Wenn wir davon ausgehen, dass Pferde Bindungen über viel gemeinsam verbrachte Zeit und geteilten Raum, über synchrone Bewegungen und – irgendwann – über gemeinsame Erfahrungen aufbauen: Wie können wir den Alltag mit dem Pferd so gestalten, dass sich die Bindung vertiefen kann? Wie lässt sich vielleicht jenseits des Reitens etwas “Freundschaftszeit” einräumen, in der wir wirklich “Freundschaftspunkte” bei unserem Pferd sammeln können? 

Für uns Reiter erfordert das meist nicht weniger als ein Umdenken in unserem Verhalten und unseren Gedanken über unsere Pferde: Wenn wir die Freundschaft wirklich in den Mittelpunkt rücken wollen, müssen wir üben, unsere Ziele (zumindest für den Moment) loszulassen. Wegkommen von dem Wunsch, das Verhalten des Pferdes in irgendeiner Weise manipulieren zu wollen und ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Zu merken und, noch viel schwieriger, zu akzeptieren, wenn das Pferd auch mal “nein” sagt. Tatsächlich unverplante Zeit mit ihm zu verbringen. 

Und wir müssen uns ehrlich fragen, ob das Training, so wie wir es momentan gestalten, die Freundschaft fördert oder im Gegensatz zu ihr steht. “Jedes Training ist Verhaltensmanipulation. Aber nicht jedes Training fühlt sich für das Pferd gleich an,” ordnet Jessie Sams ein. Um hier tiefer zu graben, macht es nicht nur Sinn, sich mit dem Stressverhalten und der Wirkungsweise von unterschiedlichen Stressformen auseinanderzusetzen, sondern auch die eigene Trainingstechnik herunterzubrechen und zu verstehen: Wann arbeite ich z.B. mit negativer und wann mit positiver Verstärkung? Gibt es entspannte Phasen? Situationen, in denen das Pferd (mit-)entscheiden darf? Gibt es Momente der Abwehr, der Flucht oder des Einfrierens? Wie verhält sich mein Pferd im Training? Was mag es wirklich, was weniger? Wie verhalte ich mich wohl in den Augen des Pferdes? Sind unsere Berührungen gegenseitig und positiv oder durchgängig sehr einseitig? Wann fühlt es sich wirklich nach “Softness”, nach einer inneren Harmonie zwischen Pferd und Mensch an? Und in welchen Momenten beende ich die Trainingssituation? 

All diese Fragen können uns unserem Pferd Schritt für Schritt näher bringen. Je bewusster wir uns werden, was wir mit dem Pferd tun, wie wir die gemeinsame Zeit verbringen, was für Erfahrungen es mit uns macht und je besser wir unser Pferd kennen, desto leichter lässt sich unsere Beziehung positiv entwickeln. Nicht von heute auf morgen, aber in einem langsamen, lohnenswerten Prozess. Das alles erfordert unseren Mut. Mut, uns einzugestehen, dass wir uns vielleicht mehr auf die Techniken und Hilfsmittel verlassen, als auf das Vertrauen in unser Pferd und unsere Beziehung zu ihm. Mut zuzulassen, dass nicht von vornherein alles läuft wie im Film. Mut zu erkennen, dass wir uns in der Vergangenheit vermutlich nicht immer freundschaftlich verhalten haben. Aber es bringt uns unserem Ziel näher, eine echte Freundschaft zu unserem Pferd zu haben. Und sind wir dafür nicht ursprünglich alle mal angetreten? 

– Dieser Artikel ist in der FEINE HILFEN, Ausgabe 43, erschienen. Die englischsprachige Version findest du hier. –

Das Wunder unter dem Tisch – Die Füße des Reiters

Das Wunder unter dem Tisch – Die Füße des Reiters

Wusstest du, dass die Natur deine Füße für viel Größeres vorgesehen hatte, als sie nur in engen Schuhen herumzutragen? Und dass sich Anspannung in den Füßen auf den gesamten Körper und Reitersitz überträgt? Zeit für einen neuen Blick auf und einen neuen Umgang mit unseren zwei Wunderwerken am Ende der Beine – auf dem Pferd und im Leben.

Wenn es um die Füße des Reiters geht, haben wir schnell zwei typische Sitzkorrekturen im Ohr: „Hacken tief!“ und „Fußspitzen gerade!“ (d.h. parallel zum Pferd). Ansonsten finden sie in der Reiter- und insgesamt in der westlichen Menschenwelt eher wenig Beachtung. Das ist sehr schade, weil die großartigen Fähigkeiten der Füße dabei unter den Tisch fallen (dabei dürfen wir natürlich genau dort nach ihnen suchen). Außerdem sind beide Anweisungen leider selten wirklich hilfreich. Oder hast du die Erfahrung gemacht, dass sie sich nachhaltig umsetzen lassen? Führen sie wirklich zu einem besseren, d.h. lockerer mitschwingenden, harmonischeren Sitz im Sattel?

Das Problem mit singulären Korrekturen ist ja: Die Schablonen aus der Theorie erweisen sich in der Praxis und mit Blick auf das ganze Individuum oft als suboptimal. Zumal, wenn man nur an einer Stelle feilt, ohne das Gesamtbild zu betrachten. Wenn wir also unsere Füße im Sattel korrigieren wollen, lohnt es sich, den Blick zu weiten: Auf die Gesamthaltung unseres Körpers, die Struktur unserer Füße und unsere Bewegungsgewohnheiten. Denn: So wie wir gehen, reiten wir auch. Das Gute ist, dass wir dadurch auch gleich mehr Chancen haben, unseren Körper insgesamt in eine bessere Balance zu bringen.

Nicht nur aus der Akupunktur und der Fußreflexzonenmassage weiß man: Unsere Füße haben einen direkten Draht zu unserem ganzen Körper. Wenn wir die Zehen anspannen, setzt sich diese Spannung über das Fußgelenk bis in die Waden und darüber hinaus weiter nach oben fort – das ist leicht spürbar. Ich habe eine Osteopathin, die Verspannungen im gesamten Körper fast immer über Druck auf bestimmte Punkte in den Füßen löst. Wenn wir beim Reiten also mit verspannten Schultern, festen Händen oder einem blockierten Becken zu tun haben, lohnt sich immer auch der Blick auf unsere Basis: Die Füße.

Unsere Füße bestehen aus mindestens 26 Knochen, die auf komplexe Weise zusammenarbeiten. Die meisten werden von Muskeln an unseren Unterschenkeln bewegt. Um uns Energie zu sparen, funktionieren unsere Füße ein bisschen wie Sprungfedern, mit drei Gewölbebögen, die dynamisch zusammenarbeiten. Die meisten Probleme und Erkrankungen rund um den Fuß (und auch viele Schulter- und Rückenprobleme) entstehen durch ein „gesunkenes Gewölbe“ – ihre Behandlung führt über die aktive Wiederherstellung der Gewölbestruktur durch die Stärkung der Muskulatur.

Die Füße des Reiter: Stoßdämpfer, Statiker, Schaltzentrale

Die Steuerung unserer Füße nimmt in unserem Gehirn einen größeren Raum ein, als die unserer Hände. Theoretisch wären wir also in der Lage, mit unseren Füßen noch viel feinere Bewegungen auszuführen, mehr zu spüren, auch zu malen und Instrumente zu bedienen beispielsweise. Dass uns das so absurd erscheint, liegt tatsächlich nur daran, dass wir diese Wahnsinnsfunktionen unserer Füße so selten nutzen.

Unsere Füße sind außerdem maßgeblich an unserem Balance-Gefühl beteiligt. Der zentrale Balance-Punkt unseres Fußes liegt einige Zentimeter hinter dem großen Gelenk vom zweiten Zeh in einem weichen Teil der Fußsohle. In der Akupunktur gilt dieser Punkt auch als „Quelle, die die Energie vom Boden aufnimmt“. Im Yoga und anderen östlichen Philosophien stellt man sich gern vor, dass man von diesem Punkt aus „Energie atmen kann“, d.h. sie aus dem Boden aufnimmt und sie auch wieder in den Boden abgibt. Genau über diesem Punkt liegt unser Schwerpunkt, die Gelenke können sich mühelos übereinander aufrichten. Das Bewusstsein dafür lässt sich auch mit in den Sattel nehmen: Indem wir den Steigbügel unter diesem Punkt ausrichten. Das alleine hat schon Wunder für so manchen Reitersitz gebracht: Der Sitz lässt sich von hier aus besser ausrichten, wir fühlen uns mehr im Gleichgewicht.

Unser Gewicht verteilen wir im Stehen und Gehen über drei Haupt-Punkte: Den Großzehballen, den Kleinzehballen und die Ferse. Von Natur aus ist unser Gang darauf ausgelegt, den Fuß durch sein gesamtes Bewegungsausmaß zu führen, Muskulatur, Durchblutung und Flexibilität zu stimulieren. Weil die Muskulatur unserer Füße aber in unserem oft vorwiegend sitzenden Alltag und in engem, ungünstigem Schuhwerk kaum beansprucht wird, verliert sie irgendwann ihre Kraft. Sie kann die Fußgewölbe nicht mehr stabilisieren, und auch die Fähigkeit zur Feinadaptation – die so wichtig ist für das Reiten – lässt deutlich nach. Wir verlieren den Kontakt zu und auch die Kontrolle über unsere Füße.

Beim Reiten kommt erschwerend hinzu, dass in uns Menschen und jedem Teil unseres Körpers ja immer zugleich Genie und Steinzeitmensch steckt. Und wenn wir Angst bekommen und unsere Instinkte übernehmen, folgen unsere „schlauen“ Füße auch nur den Anweisungen unseres Nervensystems: Mit einem Greif- bzw. Festhaltereflex. Die eingerollten Zehen sind unter Reitern sogar sehr verbreitet, in Stress-Situationen, beim Galoppieren und manchmal auch durchgängig. Und sie führen über feste Fußgelenke (die dadurch ihre Stoßdämpfer-Funktion einbüßen) zu einer Anspannungskette im gesamten Sitz.

Gleiches ist der Fall, wenn wir unsere Fersen bewusst herunterziehen, was übrigens nur so weit möglich ist, wie es die Achillessehne zulässt. Oder wenn wir die Füße „eindrehen“, weil der Reitlehrer das sagt. Die zusätzliche Spannung macht uns nicht nur fester in unserem gesamten Sitz, sondern kann uns sogar aus dem Sattel „heraushebeln.“ Das Ziel ist stattdessen, das Bein mit seinem natürlichen Gewicht locker aus einem gut balancierten Körper und Becken herunterhängen zu lassen – dann sinkt automatisch die Ferse nach und der Fuß schwebt auch annähernd parallel zum Pferd.

In 3 Schritten zum neuen Fuß-Gefühl

Was machen wir denn jetzt, um die Füße optimal fürs Reiten vorzubereiten? Wir bedienen uns dreier Maßnahmen:

  1. Wir entwickeln ein Bewusstsein für unseren Gang und unsere Haltung am Boden – denn beides nehmen wir mit aufs Pferd.
  2. Wir üben das Gewicht unserer Beine und Füße nach unten abzugeben, so kann die Ferse über die Schwerkraft nach unten sinken: Über das Loslassen, anstatt über das Anspannen.
  3. Wir arbeiten mit dem zentralen Balance-Punkt und beweglichen, lockeren Zehen, um ein sicheres und entspanntes Sitzgefühl herzustellen.

Durch diese Maßnahmen richten wir den Fuß ebenfalls ganz natürlich annähernd gerade aus.

Yoga-Übungen für die Reiterfüße

Wer diese Seite kennt, ahnt es bereits: Wir bedienen uns aus der potenten Trickkiste des Yoga. Das eignet sich schon deshalb wunderbar, weil man die eigenen Füße beim Yoga überhaupt mal zu Gesicht bekommt – denn Yoga praktizieren wir barfuß.

Unten findest du einzelne Übungen mit Beschreibung und Bild. Eine ausführliche Yogastunde (90 Minuten) für die Füße des Reiters findest du hier. Sie war Bestandteil meines Kurses “Yoga für Reiter” im vergangenen Frühjahr und beinhaltet alle unten beschriebenen Übungen – und natürlich noch einige mehr. 🙂

  1. Tadasana – Die Berghaltung, mit Fokus auf den Fuß

Warum?

In Tadasana, der Mutter aller Yoga-Standhaltungen, ist dein Schwerpunkt am Höchsten. Dadurch lässt sich hier besonders gut das Stehen üben, und das jederzeit und überall (z.B. auch an Bushaltestellen oder beim Putzen des Pferdes).

Wie geht das?

Aufrecht stehen, die Füße hüftgelenksweit. Der zweiten Zeh bildet eine Linie mit der Ferse.

  1. Alle zehn Zehen haben, spreizen. Dann zunächst den Ballen des großen Zehs ablegen, danach den Ballen des kleinen Zehs und zuletzt die Ferse ablegen. Zum Schluss die Zehen entspannt ablegen. Drei Wiederholungen.
  2. Verteile dein Körpergewicht gleichmäßig auf alle drei Punkte in ihrer Fußsohle (wie in Schritt 1: Großzehballen, Kleinzehballen sowie die Ferse).
  3. Fühle, wie das Fußbett aktiver wird und du dich allein dadurch noch mehr aufrichten kannst? Falls nicht, kannst du bei gleichbleibender Gewichtsverteilung zusätzlich dein inneres Fußgelenk anheben.
  4. Bleib hier für zehn Atemzüge. Aufmerksamkeit auf dein Fundament richten.

 

  1. Der Zehensitz (Vadrasana)

Warum?

Diese Haltung wird auch als „Zehenbrecher“ bezeichnet. Keine Angst – obwohl es sich so anfühlen mag, brechen hier keine Zehen. Aber die Haltung ist sehr sinnvoll, gerade um Reitstiefel-Füßen einen belebenden Reiz zu geben. Die Muskeln und Faszien der Füße werden gedehnt und geöffnet und die Zehenmuskulatur trainiert.

Wie geht das?

  1. Komm in den Vierfüßlerstand. Bring deine Knie und Füße zusammen.
  2. Stell deine Zehen auf und setz das Gesäß ausatmend vorsichtig auf die Fersen ab.
  3. Übe mit dem Körpergewicht Druck auf die Zehen aus, bis du eine Dehnung in den Zehengelenken spürst.
  4. Wenn ein aufrechter Sitz hier undenkbar scheint, lehn dich leicht nach vorne oder setz dich sogar die Hände vor dich auf, um die Zehen zu entlasten. Finde die für dich richtige Variation.
  5. Bleib hier für eine Minute und lös dann mit einem Seufzen die Übung auf.

  1. Stuhl-Haltung (Utkatasana) – Variation „Skispringer“

Warum?

Mit niedrigem Körperschwerpunkt üben wir, das Gewicht auf die Zehen und dann auf die Fersen zu verlagern (und sich insgesamt mehr über die Füße auszubalancieren), damit die Fersen nicht runtergezogen werden müssen, sondern natürlich tief hängen. Das ist eine wunderbare Übung, um sich im Sattel sicher über die Zehenballen ausbalancieren zu können und das Gewicht der Fersen schwer nach unten sinken zu lassen.

Wie geht das?

  1. Mit hüftgelenksweit aufgestellten Füßen stehen.
  2. Die Beine beugen, den Po nach hinten schieben und den Oberkörper auf den Oberschenkeln fast oder ganz ablegen
  3. Die Arme nach hinten strecken, dabei die Hände nach außen drehen, so dass die Daumen nach oben zeigen. Den Rücken jetzt langziehen, den Po weiter nach hinten schieben. Du solltest deine Zehenspitzen hier gut sehen können, sonst schieb die Knie zurück.
  4. Verlagere nun atmend dein Gewicht nach vorne, bis die Fersen fast von der Matte abheben. Dann pendele nach hinten, bis die Zehen fast abheben.
  5. Wenn du hinten bist, lass ausatmend die Fersen noch etwas tiefer in den Boden sinken. Verlagere dein Gewicht dann wieder nach vorne. Wiederhole diese Bewegung und pendele dich sich nach und nach in einer gefühlten Mitte ein, bei gleichmäßiger Belastung von inneren und äußeren Zehenballen sowie der Ferse.
  6. Findest du dein Gewicht etwa über dem oben beschriebenen zentralen Balancepunkt, kurz hinter dem Ballen des zweiten Zehs, wieder?
  7. Dann verweile doch noch ein paar Atemzüge hier. Wenn du magst, kannst du dir vorstellen, dass du mit der Einatmung über diesen Punkt Energie aus dem Boden ziehen kannst und du sie ausatmend über genau den Punkt wieder an die Erde abgibst. Verwurzel dich damit noch tiefer.
  8. Nimm dieses Gefühl mit in den Sattel.

 

  1. Gebundene Winkelhaltung (Supta Baddha Konasana) mit Zehengriff

Warum?

Der „gebundene Winkel“ ist eine tolle Übung für Reiter, weil sie entspannt und die Hüftgelenke sowie die inneren Oberschenkel dehnt. Außerdem lässt sich hier wunderbar auf die Füße gucken und ihnen etwas Zuwendung schenken.

Wie?

  1. Setz dich sich auf den Boden, den Rücken möglichst aufgerichtet.
  2. Beug die Beine und leg die Fußsohlen gleichmäßig gegeneinander, so dass die Außenkanten auf dem Boden liegen.
  3. Zieh die Füße sanft so nah zu sich heran, wie es angenehm möglich ist. Richte den Rücken mithilfe des Zugs an den Beinen oder Füßen die Wirbelsäule noch einmal auf und genieß die Länge.
  4. Greif nun mit der linken Hand nach dem rechten Fuß und verschränk Zehen und Finger ineinander. Wiederhole dasselbe mit der rechten Hand und dem linken Fuß. Dehne die Zehen auf diese Weise auseinander.
  5. Entscheide, ob du aufrecht sitzen bleiben oder den Oberkörper sanft nach vorne sinken lassen magst.
  6. 5-10 Atemzüge halten, gerne dabei die Zehen etwas massieren. Wenn du magst, beende die Übung mit einer ausgiebigen Massage der gesamten Füße.

Was den Füßen sonst noch gut tut

  • Lauf ab und zu barfuß, gerne auch auf unterschiedlichen Böden und spüren die Fußbewegungen hinein.
  • Gönnen dir eine Fußmassage – gerne auch durch dich selbst. Du kannst hier nichts falsch machen, sondern tatsächlich nur gewinnen!
  • Achte auf die Passform deiner Schuhe – auch beim Reiten. Achte darauf, dass die Zehen nicht zusammengedrückt werden und sich bewegen können. Und dass das Fußgelenk zwar stabilisiert wird, aber beweglich bleibt.
  • Nutze Treppen zum Fußtraining: Wadenmuskulatur streichen lassen: Strecke ihre Sehnen, indem du dein Gewicht mit jeder Stufe einmal in die frei schwebende Ferse sinken lässt.

Bewusstseins- und Lösungsübungen für die Füße beim Reiten

  1. Lenke die Aufmerksamkeit während deines nächsten Ritts einmal bewusst auf die Füße: Belastest du beide Steigbügel gleichermaßen? Belastest du einen Teil deiner Füße besonders? Fühlt sich das Fußgelenk weich, frei und federnd an?
  2. Nimm die Füße aus den Steigbügeln. Kreise die Füße in den Gelenken und ziehe abwechselnd die Zehen heran und schiebe sie weg. Kippe deine Füße abwechselnd ein paar mal nach innen und außen. Und schüttele die Füße zum Schluss aus als wolltest du deine Schuhe abschütteln.
  3. Nimm die Füße dann wieder in die Bügel. Spreize alle zehn Zehen in deinen Stiefeln und verteile dein Gewicht über die gesamte Breite beider Füße, so dass auf dem großen Zeh genauso viel Gewicht liegt wie auf dem Kleinen. Gelingt dir das?
  4. Stell dir vor, dass du mit deinen Zehen die Tonleiter auf einem Klavier spielst. Mach dies solange, bis du dein Gewicht gleichmäßig auf allen Zehen verteilen kannst. Nun kann auch dein Fußgelenk weich sein.
  5. Wenn du das Gefühl hast, dass du die Füße anspannst oder die Fersen hochziehst, versuche einmal, in deine Fußgelenke zu atmen. Mit jeder Einatmung werden sie weiter und freier (du kannst dir auch vorstellen, dass sie aufleuchten wie Glühbirnen), mit jeder Ausatmung werden sie weicher, federnder und sinken vielleicht sogar etwas tiefer.

 

– dieser Text ist der FEINE HILFEN, Ausgabe 42, erschienen –

 

„Wir müssen die Pferde verstehen lernen“ – Interview mit Mark Rashid

„Wir müssen die Pferde verstehen lernen“ – Interview mit Mark Rashid

– In gekürzter Form ist das Interview bereits in der FEINE HILFEN, Ausgabe 38, erschienen. Hier bekommt ihr einmal den “Director’s Cut”: die ausführliche Fassung, die ich euch aufgrund ihres hohen Informationsgehalts nicht vorenthalten möchte. 🙂 – For the English version, click here.

Mark Rashid ist mit Büchern mit Titeln wie „Der auf die Pferde hört“, „Der die Pferde kennt“ und „Denn Pferde lügen nicht“ bekannt geworden. Die Kommunikation mit Pferden ist das Thema, das ihn seit Jahrzehnten fasziniert und in dem er seit Jahren neue Impulse in die Pferdewelt bringt. Ich habe mit ihm über die Hindernisse gesprochen, die er zwischen Menschen und Pferden sieht, und den Weg zueinander. Außerdem hat er mir erzählt, wie ihm die japanische Kampfkunst Aikido dabei hilft, ein besserer Horseman zu sein. Viel Spaß mit dem Interview!

„Die meisten Pferde wollen lernen und richtig reagieren. Aber wir müssen es ihnen so erklären, dass sie es verstehen können.“ – Mark Rashid

Daniela Kämmerer (DK): Das ist ein bekanntes Zitat von dir. Was meinst du damit? Was für Bedingungen müssen wir schaffen, damit das Pferd uns verstehen kann?

Mark Rashid: Das Allerwichtigste ist, dass wir unsere Pferde außerhalb ihres sympathischen Nervensystems halten. Nur so können sie uns verstehen und lernen. Das sympathische Nervensystem aktiviert instinktives Verhalten wie Kampf, Flucht oder die Freeze-Reaktion, eine Schockstarre. Wenn das Pferd Angst hat oder sich nicht sicher fühlt – aus welchem Grund auch immer – werden diese instinktiven Verhaltensweisen automatisch aktiviert, und ein Lernen wird unmöglich.

Wenn wir das Stressniveau jedoch maximal niedrig halten, lassen wir die Pferde in ihrem parasympathischen Nervensystem, dem Ruhe-, Verdauungs- und Entspannungssystem. Pferden fällt es ungleich leichter, Informationen aufzunehmen und zu verstehen, wenn sie in einem entspannten, neugierigen Zustand sind, als wenn sie gerade nervös oder angespannt sind.

DK: Das ist ja bei uns nicht anders. Und trotzdem beobachtet man im Training auch oft stressige Szenen. Du positionierst dich schon Langem gegen dominante Trainingsformen und gebrauchst stattdessen den Begriff „Passive Führung“. Was genau steckt für dich hinter diesem Konzept und welchen Einfluss hat es auf unseren Umgang mit dem Pferd?

Mark Rashid: Eines der größten Probleme im Pferdebereich ist, dass die Menschen lernen wollen, wie sie das „Alpha-Pferd“ sein können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jedes Pferd sich einen Menschen angucken kann und weiß, „Pffft, das ist kein Pferd.“ Außerdem wird der Begriff der Führung unter Pferden oft falsch verstanden.

“Der Begriff der Führung unter Pferden wird oft falsch verstanden.” – Mark Rashid

Pferdeherden werden durch zwei unterschiedliche Dynamiken gesteuert. Die erste ist die Herdendynamik in einer tatsächlich wild lebenden Herde. Die zweite ist die Dynamik unter unseren domestizierten Pferden. Ich hatte das Glück, mit wild lebenden Pferden auf der ganzen Welt arbeiten und sie beobachten zu dürfen, und die Herdendynamiken sind immer dieselben: Alle Pferde verhalten sich grundsätzlich sehr ruhig, außer während der Decksaison. Denn das Hauptziel einer Pferdeherde ist, wie bei jeder anderen Tierart auch, die Fortpflanzung. Darüber hinaus ist es für die Pferde wichtig, sich ruhig zu verhalten, da sie ja die Aufmerksamkeit von Raubtieren nicht auf sich lenken wollen. Das heißt unnötiger Energieaufwand, unnötige Bewegung werden weitestgehend vermieden.

Die Dynamik innerhalb der Herden sieht ebenfalls immer ähnlich aus. Nehmen wir beispielsweise an, wir haben eine Herde mit einem Hengst und neun Stuten. Unter diesen Stuten sind drei ranghoch, drei in der Mitte der Rangordnung und drei rangniedrig. Die drei am oberen Ende sind normalerweise in diese Position hineingeboren worden, weil ihre Mutterstuten die gleiche Rolle hatten, ebenso bereits ihre Großmütter usw., und auch ihre Töchter werden irgendwann ziemlich genau denselben Platz in der Herde einnehmen. Am unteren Ende der Rangordnung passiert genau dasselbe: Es gibt die unteren drei, und ihre Fohlen werden wieder als die unteren drei geboren werden usw..

Am meisten Bewegung gibt es unter den mittleren drei Stuten. Dabei handelt es sich normalerweise um Stuten, die noch relativ neu in der Herde sind, die vielleicht von einem Hengst mitgebracht wurden, der die Herde inzwischen verlassen hat (normalerweise würde sie dann mit ihm gehen, aber nicht immer), und die daher keinen festen Platz haben. Hier kommt es manchmal, nicht sehr oft, zu Auseinandersetzungen unter den Stuten, die der Hengst dann aber beendet, wenn sie ausarten.

Das heißt aber, diese echten Rangordnungsrangeleien und -kämpfe, von denen wir Menschen oft sprechen, existieren in einer natürlichen Herde nicht. Jeder kennt seinen Platz, da er gewöhnlich bereits hineingeboren wird. Und wenn doch mal einer kämpft, dann zur Decksaison und dann meist der Hengst.

In der Wildness gibt es keinen Grund, sich um Futter oder Wasser zu streiten, denn es ist immer genug für alle da. Eigentlich gibt es gar keinen richtigen Grund für Auseinandersetzungen.

Wenn wir aber auf domestizierte Herden schauen, sieht es ganz anders aus. In den allermeisten Fällen dreht sich die Herdendynamik nicht mehr um Fortpflanzung, sondern um Futter. Denn hier herrscht meist ein Mangel, weil wir z.B. nur zu bestimmten Tageszeiten füttern. Und hier kann man dann die Kämpfe beobachten: Zu den Futterzeiten beginnen die Pferde nun, einander zu verjagen.

Allerdings ist oftmals der „Jagende“ gar kein Pferd, das sich durch besonders großes Selbstbewusstsein auszeichnet. Vielmehr ist es oft genau dieses Pferd, das den Kopf verliert, wenn der Rest der Herde weggeführt wird, das sich bei Ausritten leicht erschreckt usw.. Aber was wir sehen, ist: Er verjagt die anderen Pferde, also muss er wohl der Chef sein. Wenn in Wirklichkeit eher das Gegenteil der Fall ist.

Ein Großteil des Pferdetrainings basiert also auf einem falschen Verständnis von Herdendynamik: Dass du nämlich das Alpha-Pferd sein musst, das all die anderen herumschubst. In der Realität sind Pferde ganz anders gestrickt. Ihr natürlicher Zustand ist die Ruhe.

Und weil ihr Gehirn anders beschaffen ist als unseres, können sie bestimmte Konzepte nicht verstehen, die für uns selbstverständlich sind. Eines davon ist das Konzept von „Respekt“. Oft hört man Leute sagen „Das Pferd muss mich respektieren“, dabei verfügt es gar nicht über den Teil unseres Gehirns, der diese Form des abstrakten Denkens möglich macht. Unsere Pferde verstehen das Konzept von „Respekt“ einfach nicht. Und so gibt es so manche Dinge, die wir im Pferdetraining zu tun versuchen, die aber einfach nicht funktionieren. Je besser wir verstehen, wie das Tier Pferd tickt, je mehr Empathie wir für seine Natur entwickeln können, desto leichter wird der Umgang mit ihm.

Mein Freund Dr. Steven Peters sagt immer: „Wir versuchen mit dem Pferd von Frontallappen zu Frontallappen zu kommunizieren, das Problem ist aber, dass Pferde gar keinen Frontalhirnlappen haben.“ Der Frontallappen (oder auch präfrontale Cortex, Anm.d.R.) ist der Teil unseres Gehirns, der uns zu Menschen macht, in dem unser Sprachzentrum sitzt und die Fähigkeit abstrakt zu denken, der uns bis zum Mond hat reisen lassen usw.. Pferde haben diesen Teil eben nicht. Wenn wir uns das nicht bewusst machen, entstehen schnell Probleme.

(C) Crissi McDonald

DK: Wir sehen die Welt also durch unseren menschlichen Filter und dieser zeigt bestimmte Bestandteile nicht. Was können wir Menschen denn von den Pferden lernen, vielleicht auch für die Kommunikation untereinander?

Mark Rashid: Ich glaube fest daran, dass Pferde eine unendliche Menge an Informationen für uns bereithalten. Wie viel wir daraus lernen, hängt davon ab, wie offen wir sind.

DK: Welche Qualitäten sollte ein guter Pferdemensch deiner Meinung nach denn mitbringen? Was können wir tun, um unseren Pferden näher zu kommen?

Mark Rashid: In der Pferdewelt hat mir immer etwas gefehlt. Die Trainer, die ich beobachtet habe, haben oft gute Dinge gesagt, aber mir fehlte etwas auf tieferer Ebene. Dies habe ich im Aikido gefunden. Im Aikido leben meine Lehrer das, was mir bei vielen Pferdeleuten gefehlt hat. Es nennt sich “mizu no kokoro,” was soviel heißt wie „ein Geist wie ein stilles Gewässer“.

“Im Aikido sucht man ‘einen Geist wie ein stilles Gewässer.'”

Wenn du dir einen See an einem klaren, frühen Morgen anschaust, siehst du eine perfekte Reflektion der Umgebung. Wenn du nun kleine Steine in den See wirfst, werfen diese kleine Wellen und das Bild verschwimmt. Das Trainingsziel in vielen asiatischen Kampfkünsten ist einen Geist zu entwickeln, der ist wie dieser stille, klare See am Morgen. Wenn nämlich dein Geist ruhig ist, kannst du die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Nicht verschwommen und nicht gefärbt. Wenn du im Pferdetraining verstehst, wie Pferde als Tiere ticken und sie tatsächlich mit einem ruhigen Geist sehen kannst, so wie sie sind, hilft das der Kommunikation enorm.

Es gibt Leute, die sagen „Mein Pferd hat mich abgebuckelt.“, obwohl es doch eigentlich so ist: Ihr Pferd hat gebuckelt und sie sind heruntergefallen. Das Pferd hat ihnen das nicht „angetan“. Aber wir sind vielfach geneigt, das Pferd verantwortlich zu machen. Das Pferd tut uns nicht mit Absicht etwas an. Pferde reagieren direkt auf die Art und Weise, wie sich sie gerade fühlen, es gibt für sie keine Trennung zwischen Fühlen und Handeln. Wenn wir das nicht beachten, entstehen Probleme.

Mein Kampfsport-Training hat meine Arbeit mit Pferden deutlich weitergebracht, weil es mich schult, andere Perspektiven einzunehmen. Und es lohnt sich natürlich, Menschen genauso zu behandeln.

DK: Es geht also nicht nur um innere Ruhe, sondern letztlich darum, unsere besonderen, „höheren“ Denkfähigkeiten sinnvoll einzusetzen, oder? Den Filter, den wir unterbewusst gebrauchen, bewusst zu erweitern und so unseren Kontakt mit anderen Menschen und auch Pferden, eine tiefere, bedeutungsvollere Ebene zu verleihen, als wenn wir einfach nur reagieren? Wie spannend, dass du das durch den Kampfsport gefunden hast, den viele Leute ja eher mit Karate Kid und Gewalt verbinden.

Mark Rashid: Ja. Am Ende geht es mir sowohl im Kampfsport als im Pferdetraining aber um inneren Frieden. Das ist das Ziel. Aikido bedeutet übersetzt „Weg der Harmonie“. Der Gründer O Sensei glaube fest daran, dass wenn wir inneren Frieden finden, wir uns mit dem Universum verbinden können. In einem Angriff wirst also im Grunde nicht du angegriffen, sondern das Universum. Damit ist der Angreifende schon besiegt, bevor er losgelegt hat, denn das Universum ist nicht besiegbar. Und das lässt sich auf jede Situation übertragen. Es geht darum, ruhig zu bleiben und dein Ego aus dem Spiel zu lassen.

“Im Kampfsport wie im Pferdetraining geht es am Ende um inneren Frieden.”

In Bezug auf Pferde hat mir das einfach geholfen zu verstehen, dass Pferde einfach manchmal machen, was Pferde machen, ohne dass es etwas mit mir zu tun hat. Ich kümmere mich einfach um das, was ich vor mir sehe und tue das so ruhig und „soft“ wie ich kann. Und „so soft wie ich kann“ heißt nicht immer so „soft wie ich gerne wäre“, aber es ist so soft, wie ich in dem Moment sein kann. Wenn ich von innen her ruhig bin, kann ich die Energie nach Bedarf hoch oder herunterfahren, ohne dass meine Emotionen involviert werden.

DK: “Softness” ist ein weiterer Begriff, den du viel gebrauchst. Wie definierst du diesen?

Mark Rashid: Für mich ist „Softness“ die Bereitwilligkeit und die Mühelosigkeit, die im Zusammenspiel zutage tritt, wenn zwei Individuen einander wirklich verstehen und vertrauen, seien es wir mit unseren Pferden oder auch zwei menschliche Individuen.

DK: Was steht dem denn im Wege? Welche Rolle spielt beispielsweise unsere eigene muskuläre oder auch emotionale Anspannung dabei?

Mark Rashid: Unsere eigene physische und/oder emotionale Anspannung hindern uns sehr oft daran, diese echte Softness auch von unseren Pferden zu bekommen. Emotionale Anspannung führt fast immer zu physischer Anspannung, und jeder Muskel, den wir auf dem Pferd anspannen, führt dazu, dass das Pferd denselben Muskel in seinem Körper anspannt.

Deswegen führt der Weg zu Softness im Pferd immer über die physische und emotionale Selbstkontrolle des Reiters.

Softness: Die Bereitwilligkeit und Mühelosigkeit, die entsteht, wenn zwei Individuen einander wirklich verstehen und vertrauen. Der Weg zu ihr führt über Achtsamkeit und physische und emotionale Selbstkontrolle.

DK: Das klingt schlüssig – aber auch schwierig. Was machst du denn um dich und dein Pferd „softer“ zu bekommen?

Mark Rashid: Die Antwort ist ziemlich simpel. Ich versuche einfach, bei allem, was ich tue, soft zu sein, nicht nur, wenn ich bei meinen Pferden bin. Mein Glaube ist, dass wahre Softness nichts ist, was man an- und abschalten kann. Sie begleitet dich immer oder sie tut es nicht. Ein solches Maß an „Selbst-Softness“ zu entwickeln, benötigt Zeit, Geduld und Übung – nicht nur mit Pferden und anderen Menschen, sondern auch mit uns selbst.

DK: Wie haben die vielen Jahre der Aikido-Praxis und die Arbeit mit Pferden die Art verändert, wie du deinen eigenen Körper behandelst? Hast du das Gefühl, dass die Entscheidungen, die du für dich triffst, auch fernab von den Pferden, einen Einfluss auf deinen Umgang mit ihnen hast?

Mark Rashid: Im Aikido gilt: Je mehr Kraft du benutzt, desto leichter tust du dir oder jemand anderem weh. Als engagierter Übender lernst du also schnell, wie man sich mit einem Reiz, einem Bewegungsfluss oder einer Technik bewegt, anstatt gegenan zu kämpfen. Wenn man diese Fähigkeit erstmal entwickelt hat, wird es sehr leicht, sie ins tägliche Leben zu übertragen.

Und in Bezug auf die Entscheidungen, die ich für mich im Alltag treffe und die meinen Umgang mit Pferden beeinflussen: Aus meiner Sicht gibt es keine Trennung zwischen den beiden. Die Art, wie ich meinem Alltag und wie ich meinen Pferden begegne, sind ein und dasselbe.

DK: Das ist sehr inspirierend. Du übst dich also im Umgang mit Pferden während jedes Moments deines Alltags. Gibt es trotzdem etwas, dass du tust um dich auf die Zeit mit den Pferden vorzubereiten? Irgendwelche Übungen oder Rituale?

Mark Rashid: Als ich mit Aikido begonnen habe, habe ich gemerkt, dass ich vor und während Prüfungen immer sehr nervös wurde. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass meine Nervosität daher kam, dass ich die Techniken zwar gelernt haben, sie aber nicht wirklich internalisiert habe. Sie waren nicht Teil von mir. Ich wusste etwas musste sich verändern. Mein Trainingspraxis musste so sehr Teil meiner Person werden, dass es keine Trennung mehr gibt zwischen meinem Training und der Art wie ich mein Leben lebe. Ich musste es also ernster nehmen. Also begann ich, jede Trainingsstunde so ernst zu nehmen, als handelte es sich um eine Prüfung. Als dann tatsächlich meine nächste Prüfung anstand (und jede die darauf folgte), fühlte ich mich sicher genug in meinen Fähigkeiten und meinem Wissen, um ohne den leisesten Anflug von Nervosität durch die Prüfung zu kommen.

Genauso halte ich es auch mit dem Umgang mit Pferden. Jedes Mal, wenn ich mit einem Pferd arbeite, sehe ich es als Prüfung an. Um mich auf die Prüfung vorzubereiten, gehe ich alles in meinem Leben genauso an, wie ich mit den Pferden sein möchte. Aus diesem Grund muss ich mich selten, aktiv auf die Pferde vorbereiten. Es passiert einfach.

(C) Crissi McDonald

DK: Bleiben wir ruhig nochmal einen Moment beim Aikido. Du unterrichtest auch spezielle „Aikido for Horsemen“ Workshops. Welche Parallelen und Gemeinsamkeiten siehst du in den beiden Disziplinen? Und was ist wichtiger: Gefühl oder Technik?

Mark Rashid: Nun, beides funktioniert gut, wenn du von innen und außen soft bist. Die Aikido-Techniken funktionieren einfach besser, wenn du soft bist, und Pferde kann man irgendwie auch ohne Softness bewegen, aber es geht einfach besser, wenn du soft bist.

“Man kann Pferde auch ohne Softness bewegen, aber es geht einfach besser, wenn du soft bist.” – Mark Rashid

Das Erlernen von Techniken ist wichtig, aber längst nicht so wichtig, wie die Verbindung. Ich habe schon Reiter gesehen, die nicht viel konnten, aber eine großartige Verbindung mit ihrem Pferd hatten und es daher alles für sie getan hat. Ich habe auch schon Reiter gesehen, die ihr ganzes Leben geritten sind und die an ihrem Pferd ziehen, schieben und drücken. In Aikido funktionieren die Techniken ohnehin, es steht und fällt aber mit der Softness, ob wir dabei jemandem wehtun oder ihm nicht wehtun. Es gibt auch solche Techniken, bei denen du am Ende in die gleiche Richtung schaust wie dein Gegner, du siehst die Welt aus ihrer Perspektive. Im Aikido geht es vor allem darum, eine friedliche Lösung in eine potentiell gefährliche Situation zu bringen. Im Umgang mit Pferden tun wir oft dasselbe.

Im Aikido habe ich beobachtet, dass die, die richtig gut sind, auch ständig üben. Auch das ist eine Parallele zu guten Pferdeleuten und Reitern.

DK: Welche Rolle spielt Achtsamkeit dabei?

Mark Rashid: Bei allem, was wir bisher besprochen haben, geht es darum, achtsam zu sein. Es geht um Achtsamkeit und Selbstkontrolle.

DK: …Und welche die Atmung?

Mark Rashid: Die gehört immer dazu.

DK: Gibt es Unterschiede zwischen jungen, unerfahrenen Pferden und älteren, „verrittenen“ oder falsch trainierten Pferden? Woher weiß ich, ob unser Pferd vielleicht doch zu den wenigen gehört, die nicht kooperieren wollen?

Mark Rashid: Der Hauptunterschied zwischen jungen, rohen Pferden und älteren, die vielleicht unglückliche Erfahrungen gemacht haben, ist, dass junge Pferde erst sehr wenig Geschichte mit Menschen haben, so dass wir meist eine weiße Leinwand gleichen. Pferde die unglücklich trainiert worden sind, bringen diese Geschichte mit. Das heißt, oft müssen wir erstmal einen Weg finden, ihnen ein besseres Gefühl zu ihrer Vergangenheit zu geben, bevor wir mit irgendeiner Form von Training oder Neu-Training beginnen können.

DK: In deinem Buch „Finding the missed path“ unterscheidest du zwischen „Problempferden“ und Pferden, die sich problematisch verhalten. Was meinst du damit?

Mark Rashid: Im Pferdetraining geht es meist darum, ein Problem zu finden, dass wir lösen können, anstatt etwas Gutes zu finden und darauf aufzubauen. Ich finde es wichtig, hier den Blick etwas zu weiten. Natürlich hilft es, wenn wir verstehen, wie Pferde denken. Ansonsten ist das erste, was ich tue, wenn ein Pferd sich problematisch verhält, die physischen Ursachen abzuklären bzw. auszuschließen: Den Körper, die Zähne, die Hufe, die Ausrüstung usw.

Und dann finde ich in der Tat wichtig zu verstehen, dass es sich nicht um ein gefährliches Pferd handelt, sondern um gefährliches Verhalten. Das sind zwei verschiedene Dinge. In all den Jahren meiner Arbeit habe ich vielleicht ein oder zwei Pferde gesehen, die tatsächlich gefährliche Pferde waren. Ich habe aber viel gefährliches Verhalten gesehen.

Der Blick aus der Vogelperspektive lohnt sich hier wirklich: Ist es wirklich das Pferd oder ist es das Verhalten? Weil wenn es nur das Verhalten ist, kann man damit umgehen. Wenn wir ein Pferd aber erstmal in die Schublade „Problempferd“ gesteckt haben, kommen wir da nur schwer wieder heraus. Und auch das Pferd kommt dort schwer wieder heraus.

Man sieht das auch häufig bei Pferden, die eine schwere Geschichte haben. Die Menschen tragen diese Geschichte immer weiter mit sich rum, „er wurde früher misshandelt“. Aber er wird heute nicht misshandelt und wir müssen heute mit ihm arbeiten. Wenn wir mit ihm arbeiten, als wäre er ein misshandeltes Pferd, wird er immer ein misshandeltes Pferd bleiben. Aber wenn du mit ihm so arbeitest, wie du mit ihm arbeiten möchtest, wirst du mit ihm so arbeiten können. Auch wenn wir es gut meinen, ist es einfach immer wieder wichtig, mit etwas Abstand auf die Situation zu schauen.

Wir machen uns all diese Gedanken, erfinden Geschichten, während das Pferd nur so etwas denkt wie „Ich wünschte, ich würde mich einfach besser fühlen.“ 

Deine Geschichte mit deinem Pferd beginnt heute. Die Vorgeschichte, die er mitbringt, ist nicht Teil Eurer Geschichte. Denn sie ist ihm egal, denke ich. Wir machen uns all diese Gedanken, erfinden Geschichten, während das Pferd nur so etwas denkt wie „Mann, ich wünschte, ich würde mich einfach besser fühlen.“ Wenn es Pferden nicht gut geht, wollen sie einfach, dass sie sich besser fühlen. Wenn wir ihnen dabei helfen, werden sie sich besser fühlen und besser sein. Pferde sind wie Wasser, sie nehmen immer den Weg des geringsten Widerstands. Wenn sie sich nicht gut fühlen, wollen sie sich einfach besser fühlen und danach fühlen sie sich auch besser.

Wenn wir uns nicht gut fühlen, fühlen wir uns „…wirklich nicht gut!“, und dann müssen wir  jemandem erzählen, dass wir uns nicht gut fühlen. Und dann rufen wir vielleicht noch unsere Mutter an und erzählen ihr, dass wir uns nicht gut fühlen, treten vielleicht in eine Gruppe ein, um das Problem zu besprechen und zwei Jahre später fühlen wir uns vielleicht immernoch nicht besser… Pferde sind nicht so. Wenn es ihnen nicht gut geht, wollen sie sich einfach besser fühlen. Und wenn es ihnen dann besser geht, geht es ihnen wieder besser. Es ist gut, wenn wir uns selbst und dem Pferd einfach den Gefallen tun, und sie so behandeln, wie wir möchten, dass sie sich fühlen und von dort aus weitersehen. Eigentlich ist es recht simpel.

DK: Welche Rolle spielen die Hilfsmittel, die wir für die Arbeit mit den Pferden auswählen?

Mark Rashid: Ich beschränke mich für gewöhnlich auf Sattel, Trense, Halfter, Führseil und hin und wieder einer Doppellonge. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass ich mit einem oder zwei dieser Dinge eigentlich immer das kommunizieren kann, was ankommen soll.

DK: Und was würdest du Reitern raten, um unabhängiger von ihren Hilfsmitteln zu werden?

Mark Rashid: Ich denke, dass die meisten Leute überrascht wären, wieviel sie mit beinahe nichts erreichen können. Die besten Hilfsmittel für die Arbeit mit Pferden haben sie immer dabei: Ihren Körper und ihren Geist. Wenn sie diese beiden zu kontrollieren lernen, verlieren andere, physische Hilfsmittel an Bedeutung.

“Ich denke, dass die meisten Reiter überrascht wären, wieviel sie mit beinahe nichts erreichen können.” – Mark Rashid

DK: Zum Schluss: Gibt es eine Sache, die sich am häufigsten zwischen Pferd und Reiter drängt? Etwas, dass wir alle verändern sollten?

Mark Rashid: Ja, wir tun zu viel. Zu viele Hilfen, zu viel Druck, zu viel Bein, zu viel Bewegung im Sattel. Das Pferd muss all das irgendwie ausgleichen, das erschwert ihm das Lernen. Viele Reiter benutzen fünf Hilfen um ihr Pferd zu wenden, wenn sie das Pferd doch eigentlich nur bitten müssten, zu wenden.

Egal, wo auf der Welt ich unterrichte: Mit fast allen Reitern übe ich als eines der ersten Dinge, weniger zu tun. Und fast immer sieht man sofort eine positive Veränderung im Pferd.

Wir tun als Reiter konsequent zu viel.

(C) Crissi McDonald

DK: Wow. Warum, meinst du, ist dieses „Zuviel“ so weit verbreitet?

Mark Rashid: Wir lernen das so. Ich habe mich schon mit sehr renommierten Trainern darüber unterhalten, warum sie tun was sie tun, und die Antwort klang wie aus einem Lehrbuch. Und wenn ich sie gefragt habe was sie tun, wenn all das nicht funktioniert, sagen sie oft „Nun, dann musst du mehr davon tun.“ Lauter werden, größer werden, stärker werden. So haben sie das gelernt.

Und solange das was sie tun gut funktioniert, haben wenige Leute das Bedürfnis, etwas zu verändern. Mich reizt es aber besser und besser zu werden, also übe ich es ständig. Mein großes Ziel ist, mich am Ende des Lebens für so wenige Dinge wie möglich entschuldigen zu müssen.

DK: Was würdest du einem wohlmeinenden Pferdebesitzer empfehlen, um seinen oder ihren Weg zu finden im Dschungel der unterschiedlichen Pferdetrainer, Ideen und Methoden?

Mark Rashid: Hier würde ich gerne eine Analogie heranziehen. Sagen wir, wir haben einen großen Holzblock. Und wir wollen einen Globus daraus formen. Wir würden also wohl als erstes die Ecken abschlagen. Damit haben wir dann die Form des Holzes verändert, aber auch neue Ecken geschaffen. Also schlagen wir wiederum diese Ecken ab, wieder mit dem Ergebnis, dass wir mehr Ecken haben als vorher. Jedes Mal, wenn wir die Ecken abschlagen, schaffen wir uns damit neue Arbeit. Das Gute daran ist jedoch: Wir kommen unserem Ziel langsam näher und wir werden immer besser darin, Holz zu hacken.

Wir alle sind irgendwo in diesem Prozess. Meine Empfehlung: Fangen Sie an zu suchen. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind genau da, wo Sie sein wollen: Toll. Wenn Sie etwas verändern und besser werden wollen: Suchen Sie. Das was Sie suchen, muss nicht in der Pferdewelt zu finden sein. Sie können es beim Bogenschießen, beim Paartanz, beim Yoga finden oder wie ich in der Kampfkunst. Es kann alles sein, was Körper und Geist irgendwie zusammenbringt.

Finde die Prinzipien, die sich für dich richtig anfühlen und beginne, nach ihnen zu handeln. Dann wird alles viel einfacher. Es geht nicht wirklich um die Techniken, es geht darum die richtigen Prinzipien zu finden und anzuwenden. Und sei dabei ehrlich zu dir und deinem Pferd.

“Es geht nicht wirklich um die Techniken, es geht darum, die richtigen Prinzipien zu finden und anzuwenden.” 

Wenn Sie das berücksichtigen, wird nach und nach alles klarer und Sie werden immer weiter lernen können.

DK: Was war das letzte, was du über Mensch-Pferd-Kommunikation gelernt hast?

Mark Rashid: Das, was ich zuletzt lernen durfte und äußerst nützlich fand, waren die Erkenntnisse über die chemischen Vorgänge im und die Funktionsweise des Gehirns des Pferdes von Dr. Steven Peters, Autor des Buchs „Evidence Based Horsemanship“.

DK: Was ist dein Lieblingswort, entweder in „Menschensprache“ oder in der Kommunikation mit Pferden?

Mark Rashid: Mein Lieblingswort ist „Hmmm.“ Dabei handelt es sich um meine unwillkürliche Reaktion, wenn ein Pferd oder ein Mensch etwas tut, was ich nicht erwartet habe.

DK: Möchtest du noch etwas loswerden?

Mark Rashid: Nur danke, dass du mit dem Interview an mich gedacht hast.

DK: Wie können die Menschen mehr über dich und deine Arbeit erfahren?

Mark Rashid: Wir haben eine Webseite www.markrashid.com, eine Facebook-Seite „Considering The Horse, Mark Rashid“ sowie ein Online-Klassenzimmer über Facebook: „Considering the Horse, Mark Rashid Classroom“.

Vielen Dank, lieber Mark, für dieses inspirierende Interview.

Weiterführende Informationen: 

Wenn du dich für Marks Trainingsphilosophie interessierst, könnte der 2-tägige-Workshop mit seiner Assistentin Amanda Barton im September in Brunsbüttel etwas für dich sein.

Und wenn du mehr zum Thema Pferdeverhalten lernen möchtest, schau dir doch mal das Online-Seminar mit Emily Kieson und Jessie Sams an, das ich Mitte Juni organisiere. Hier lernst du, basierend auf neuesten Forschungsergebnissen, wie Pferde tatsächlich ticken – und wie wir mit ihnen eine tiefe, positive Beziehung aufbauen können.

Reiten ohne “Knick in der Hüfte” – mit Yoga

Reiten ohne “Knick in der Hüfte” – mit Yoga

– dieser Text ist in der FEINE HILFEN erschienen, Ausgabe 41, daher “sieze” ich euch hier auch 🙂 – Hat Ihnen schonmal jemand gesagt, dass sie auf dem Pferd „in der Hüfte einknicken“? Wenn ja, sind Sie nicht allein – das Problem ist weit verbreitet. Warum...
“Zuerst das Pferd?”- Warum Selbstfürsorge auch für Reiter wichtig ist

“Zuerst das Pferd?”- Warum Selbstfürsorge auch für Reiter wichtig ist

Was wäre, wenn wir für unser eigenes Wohlergehen dieselben Maßstäbe setzen würden, wie für das unserer Pferde? Wir wären produktiver, weniger krank, zufriedener und: Bessere Reiter.

Als Reiter haben wir gelernt, das Pferd an erste Stelle zu stellen. Sorgfältig mischen das Futter zusammen, organisieren ihre Bewegung, achten darauf, dass sie ausreichend Zeit in ihrer Herde haben und halten Ställe und Ausläufe sauber. Wenn unsere Pferde einmal etwas steif, müde, oder einfach „nicht ganz in Ordnung“ wirken, passen wir die Bedingungen möglichst sofort darauf an.

Doch wenn wir selbst etwas müde aufwachen, ein bisschen steif oder Schmerzen haben – passen wir unser Arbeitspensum an, machen vielleicht die ein oder andere Pause mehr…? Nehmen wir uns genug Zeit für unsere (anderen) sozialen Kontakte? Beschäftigen wir uns wirklich damit, was wir brauchen und welches “Futter” uns guttut? Und bewegen wir uns so, wie es unser Körper braucht um langfristig gesund zu bleiben? Die Frage, wie gut wir uns eigentlich um uns selber kümmern, ist unter Reitern eher unpopulär. 

Kümmern wir uns um unsere eigenen Bedürfnisse annähernd so gut wie um die unserer Pferde?

Die Frage „Kümmerst du dich um dich?“ würden die meisten von uns dabei vermutlich bejahen. Wenn wir jedoch gefragt werden: „Auf welche Art und Weise kümmerst du dich um dich?“ wird es etwas schwieriger. „Self care“, zu Deutsch: Selbstfürsorge, ist ein Begriff, der in den sozialen Medien inzwischen allgegenwärtig ist. Oft verbunden mit Selfies von selig lächelnden Frauen in Wellness-Oasen oder meditierend in sonnendurchfluteten Mohn-Feldern. Wem das zu fern von seinem Alltag ist, den kann ich zu gut verstehen. Und wem es schwerfällt, sich die Zeit zu nehmen, eine regelmäßige Routine für etwas zu entwickeln, das man nur für sich, ohne sonstigen direkt erkennbaren Sinn macht, auch. Wir alle laufen mit so langen To-Do-Listen herum, dass es schwer ist, Dinge wie ein Schaumbad zu priorisieren.

Aus dem Wunschdenken, eine Art Superwoman zu sein, die mühelos die Welt rettet, ohne selbst viel zu brauchen, komme ich auch. Seit meiner Kindheit habe ich mich aufopferungsvoll um so viele Pferde wie möglich gekümmert, irgendwann sind dann noch Freunde, Familie, ein Partner und mehrere Jobs dazu gekommen, für die ich mich auch verantwortlich fühle, die meine Aufmerksamkeit brauchen und meine Kraft. Jahrelang bin ich mit all dem sehr freigiebig umgegangen, ohne Pausen und ohne mir Gedanken zu machen, wo ich dabei bleibe.

Bis mein Körper die weiße Fahne gehisst und mir zu verstehen gegeben hat, dass es so nicht weitergeht. Nachdem mich mehrmals hintereinander harmlose Infekte komplett außer Gefecht gesetzt hatten, begann ich, die Warnungen meines Umfelds, ich würde Gefahr laufen, mich selbst aufzugeben und auszubrennen, etwas ernster zu nehmen. Ich begann, mich mehr mit mir und meinen Motiven sowie mit dem Thema Selbstliebe und -fürsorge zu beschäftigen und erste zögerliche Schritte in diese Richtung zu unternehmen.

Was heißt denn das eigentlich, „Selbstfürsorge“? Für mich bedeutet es, darauf zu achten, was ich brauche, um mich gut zu fühlen, entspannt und präsent sein zu können. Zu merken, wenn meine Ressourcen schwächer werden und sie aufzuladen, bevor sie leer sind. Mich zu entspannen und Mitgefühl mit mir, meinen Grenzen und Schwächen zu haben. Mich immer wieder zu fragen: Was brauche ich gerade? Mit anderen Worten: So nett, wie ich es zu anderen sein möchte, auch zu mir zu sein. Gute Selbstfürsorge ist der Schlüssel zu einem längeren, ausgewogenen Leben, aktiviert es doch das parasympathische Nervensystem, das Ruhe-System im Körper, lindert dadurch Stress und hilft dem Körper, sich zu regenerieren und gesund zu bleiben. Außerdem hilft sie uns, uns zu konzentrieren und dadurch produktiver zu sein. Sie ist also rundum sehr sinnvoll eingesetzte Zeit.

Warum fällt das also so schwer? Wie viele andere, hielt auch ich früher Dinge wie Selbstliebe und Selbstfürsorge für egoistisch und narzisstisch. Spätestens bei näherer Betrachtung ist dies aber denkbar weit gefehlt. Vielmehr beginnt die Art, wie wir mit anderen umgehen, bei uns selbst. Wenn wir großzügig und liebevoll zu uns sind, fällt es uns leichter, auch anderen ihre Fehler nachzusehen. Und: Wir müssen uns um uns selbst kümmern, damit wir überhaupt die Ressourcen haben, uns um andere zu kümmern. Dabei ist es wie mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug, die man sich laut der Sicherheitshinweise immer selbst zuerst aufsetzen soll: Wir können niemandem helfen, solange wir selbst keine Luft bekommen.

Je besser atmen können, desto mehr können wir helfen.

Die nötige Grundhaltung der Selbstliebe, die für die Selbstfürsorge notwendig ist, wird uns auf unserem Weg jedoch selten mitgegeben. In den Familien und auch in der Arbeitswelt mangelt es an guten Vorbildern. Im Gegenteil: Die heutige Arbeitskultur macht Fleiß, aber auch Stress und Verausgabung zum Status-Symbol. Und auch in Bezug auf unsere Freizeit haben wir beigebracht bekommen: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Es ist nur leider so, dass wir mit „der Arbeit“ heutzutage nie fertig werden.

Selbstfürsorge ist in erster Linie eine Frage der Haltung – nicht der zeitlichen Ressourcen. Denn sie sieht für jeden anders aus. Früher dachte ich, dass ich mich dafür auf die Couch legen muss und gar nichts tun darf. Und ich war frustriert, dass ich dafür einfach nie Zeit gefunden habe und mir „Nichtstun“ auch am Feierabend schwerfällt. Heute weiß ich: Das ist einfach nicht das Richtige für mich. Stattdessen kann ich auch in meinem aktiven Tag Momente finden, um zu mir zu kommen, meine Selbstfürsorge ist oft eher aktiv, in Form von Yoga oder einem Spaziergang. Wenn ich diese Momente bewusst zur Entspannung und Selbstfürsorge nutze.

Selbstfürsorge ist eine Frage der Haltung – und erlernbar

Hier ein paar praktische Tipps, die mir bis heute helfen, Selbstfürsorge zu leben:

  • Nutze die Zeit beim Pferd bewusst für dich. Die Natur kann helfen, uns zu erden, Momente des Innehaltens und der bewussten Wahrnehmung zu finden. Die Zeit im Stall eignet sich dafür wunderbar. Fühle die warme Pferdenase auf der Hand, genieße der Blick über die Weiden. Nimm dir die Zeit, den Raubvogel, der seine Kreise über die Felder zieht, zu beobachten. Wenn du etwas Glück in den kleinen Momenten findest, fühlst dich gleich etwas erholter.
  • Entspann dich. Das ist oft leichter gesagt als getan. Selbst wenn nicht viel Zeit für Entspannung zu bleiben scheint – es ist wichtig, dass wir herauszufinden, was uns entspannt. Das mag für den Einen ein langes, heißes Bad sein, für den Nächsten eine kurze Meditation oder die Lieblingsmusik. Auf die Schnelle helfen auch oft ein paar tiefe Atemzüge oder ein Mini-Stretching. Egal was es ist: Um körperlich und geistig fit zu bleiben, ist es wichtig, regelmäßig (d.h. mehrmals täglich) kurze Inseln der Entspannung zu schaffen. Und genug zu schlafen!
  • Beweg dich. Beim Reiten arbeiten wir nur mit unserem Teil unseres Körpers. Da jeder von uns aber ein Gesamtkunstwerk ist, zu dem jeder Pinselstrich, jeder Teil, einen wichtigen Beitrag leistet, brauchen wir all unsere Muskeln stark und beweglich, um gesund zu bleiben. Am Besten bewegen wir also unterschiedliche Teile unseres Körpers regelmäßig und das, wichtig, mit dem Ziel der Selbstfü Die vielen geleisteten Arbeiten und gelaufenen Kilometer im Stall zählen hier also nur dann dazu, wenn wir dabei die Intention haben, uns damit etwas Gutes zu tun. Betrachten wir die Stallarbeit in erster Linie als Arbeit, sollten wir sie durch positiv empfundene Bewegung ausgleichen. Durch ganzheitliche Bewegungskonzepte wie Yoga oder Qi Gong können wir zusätzlich unseren Geist ansprechen. Mir hat insbesondere das Yoga sehr geholfen, zur Ruhe zu kommen und ein Gefühl für Teile meines Körpers zu entdecken, die ich vorher gar nicht kannte.
  • Fühl dich. Wenn du mal wieder so tief im Alltag steckst, dass du vergisst, dass du einen Körper hast, nimm dir einen Moment, um dich selbst zu berühren. Das kann eine kleine Hand- oder Schultermassage sein, die Hand, mit der du deinen Herzschlag fühlst, vielleicht kennst du sogar Akupressur-Punkte die dir helfen können. Für mich ist „Hände eincremen“ inzwischen ein kleiner Wellness-Moment geworden, den ich gerne nutze, wenn ich mich mal wieder zu verlieren scheine. Berührung wirkt stresslindernd – auch die eigene. Und gerade die hilft uns, zu uns zu kommen.
  • Bau dir einen gesunden Körper. Während wir unseren Pferden möglichst gesunde, nährstoffreiche Futtermittel bereitstellen, nehmen wir das bei uns selbst oft nicht so genau. Dabei brauchen auch wir eine gesunde, ausgewogene Ernährung, um leistungsfähig und gut drauf zu sein. Was du heute isst, ist morgen Teil deines Körpers. Lerne zu fühlen, was du brauchst und dir guttut. Nimmst du dir die Zeit, auch während des Tages zu essen oder zu trinken, wenn dein Körper es braucht? Selbstfürsorge heißt, dass ich gesunde Lebensmittel in den Tag integriere und vorplane, um sicherzustellen, dass ich jeden Tag mit ausreichend nahrhaften Lebensmitteln versorgt bin.
  • Mach Spaß zur Priorität. Selbstfürsorge heißt herauszufinden, was dir Spaß macht und ernstgemeinte Versuche zu unternehmen, das in deinen Tag oder wenigstens deine Woche zu integrieren. Such dir täglich etwas auf, dass du dich freuen kannst. Das kann ganz einfach sein: Etwa abends ein gutes Buch zu lesen oder mit einem lieben Menschen zu Abend zu essen. Und finde Gelegenheiten, zu lachen – auch das entspannt direkt.
  • Beobachte deinen Energiehaushalt. Wenn du dich abends „leer“ fühlst, frag dich: Was war zu viel, welche Situationen und Menschen haben so viel Kraft gekostet? Selbstfürsorge bedeutet zu merken, wann der Akku leerer wird und Maßnahmen zu ergreifen, das Pensum herunterzufahren, das richtige Maß zwischen „zu viel“ und „nicht genug“ zu finden.
  • Setze klare Grenzen. Vielleicht das Schwierigste an der Selbstfürsorge: Ein „Ja“ zu den eigenen Bedürfnissen heißt oft auch „Nein“ zu den Wünschen und Bedürfnissen anderer. Egal, ob es die Freundin ist, das Kind, der Mann, die Nachbarin, der Chef oder auch das Pferd (jenseits der Grundversorgung natürlich). Dass die ersten „Neins“ schwer fallen, ist ganz normal. Es braucht etwas Übung, die eigenen Grenzen zu erkennen und dann einzuhalten. Meiner Erfahrung nach schadet das ein oder andere „Nein“ zuviel am Anfang nicht. Und mit der Zeit wird es immer leichter, die eigenen Grenzen zu wahren – und vermutlich werden sie auch immer weniger angegriffen. Interessant ist nämlich zu beobachten: Wenn wir uns selbst mehr Respekt schenken, wird auch unser Umfeld immer respektvoller mit uns umgehen.
  • Nimm wahr, wie du mit dir selbst spricht. Die britische Therapeutin Marissa Peer schreibt: „Die wichtigsten Worte deines Lebens sind die, die du zu dir selbst sprichst.“ Die Art, wie du mit dir sprichst und über dich denkst, hat eine wahnsinnige Wirkung. Unsere Wahrnehmung der Welt entsteht in unserem Kopf. Wenn wir denken, dass wir einen schlechten Tag haben werden, werden wir ihn vermutlich auch bekommen. Wenn wir denken, dass uns etwas stresst, stresst es und direkt umso mehr. Was denkst du über deine Zeit? Deine unterschiedlichen Rollen? Über dich selbst? Deine Gesundheit? Wichtiger als die Veränderung unserer Gewohnheiten, ist die Veränderung unserer Gedanken. Und dazu müssen wir sie erst einmal wahrnehmen.
  • Lerne zu nehmen. Selbstfürsorge heißt nicht nur, dass man sich selbst etwas Gutes tut. Es geht auch darum, zuzulassen, dass andere etwas für uns tun. Zu verstehen, dass es okay ist, auch mal etwas anzunehmen, kann eine der wichtigsten Lektionen auf dem Weg zur Besserung sehen. Und sie erlaubt auch anderen, das gute Gefühl des Gebens zu erfahren.

Wie fang ich an?

Die gelebte Selbstliebe kann also ganz unterschiedliche Gesichter haben, und jeder sollte für sich selbst herausfinden, was ihm hilft und was passt. Dabei lohnt es sich, ein paar Dinge zu berücksichtigen:

  • Halt es einfach. Im Laufe der Zeit wirst du lernen, was für dich funktioniert und automatisch mehr Formen der Selbstfürsorge in dein Leben integrieren.
  • Selbstfürsorge passiert nicht einfach so, sondern sollte etwas geplant werden. Trage dir Termine für dich in den Kalender ein und informiere auch andere darüber, um deine Verbindlichkeit zu erhöhen. Suche im Alltag aktiv nach Möglichkeiten der Selbstfürsorge.
  • Wichtig ist, dass wir Selbstfürsorge immer bewusst ausführen. Mit anderen Worten: Wenn du etwas nicht als Selbstfürsorge siehst, du etwas nicht machst, um dir selbst etwas Gutes zu tun, wird es auch nicht den positiven Nutzen der Selbstfürsorge haben. Mach dir bewusst was du tust, warum du es tust und welche Ergebnisse es gibt.
  • Lerne, das Selbstfürsorge keine Belohnung ist, sondern ein wichtiger Teil des Prozesses. Das heißt: Nimm dir die Zeit, gut zu essen, dich ausreichend zu bewegen, dich gut zu fühlen und, um Gottes Willen, auch auf Toilette zu gehen, wenn es erforderlich ist. Auch wenn du gerade beschäftigt bist und nicht erst danach.

Den Anspruch, den ich an das Wohlergehen meines Pferdes habe, habe ich heute zunehmend auch an mein eigenes und ich muss feststellen: Ich bin besser in allem. Ich bin gesünder, zufriedener und entspannter, nehme noch eher die Bedürfnisse anderer wahr und komme trotzdem weiterhin gut „voran“ in Leben. Und auch meinem Pferd fühle ich mich näher als zuvor. Es hatte ja nie Ziele für uns, wie ich sie habe. Meinem Pferd ist egal, wie viel ich in 24 Stunden leisten kann. Mein Pferd glorifiziert weder Stress noch Leistung. Aber es fühlt, dass ich ihm ein viel angenehmerer Partner bin, wenn ich entspannt und ausgeruht bin, wenn mein Körper und mein Geist sich vollständig auf unsere gemeinsamen Momente konzentrieren können.

Wenn wir uns besser fühlen, hat am Ende unser gesamtes Umfeld etwas davon, auch unsere Pferde. Ich halte Selbstfürsorge daher inzwischen für unsere Pflicht – uns selbst, aber vor allem unseren Lieben gegenüber.

Liebe Reiter, wir sind stolz darauf, wie wir uns um unsere Pferde kümmern. Es ist Zeit, dass wir dasselbe für uns tun. Unsere Pferde werden es uns danken.

– Dieser Text ist in der FEINE HILFEN Nr. 34 erschienen. –

Die Schiefe des Reiters – Yoga für mehr Gleichgewicht im Sattel

Die Schiefe des Reiters – Yoga für mehr Gleichgewicht im Sattel

– Dieser Text ist, in leicht abgeänderter Form, in dem Magazin FEINE HILFEN, Ausgabe 40, erschienen –

Nicht nur unsere Pferde sind schief, wir sind es auch. Doch das ist kein Grund zur Verzweiflung, sondern eine schöne Möglichkeit für die neugierige Selbsterkundung und Bewusstseinsschärfung.

Ich versuche, meine Yogakurse für Reiter sehr positiv zu gestalten. Ich möchte, dass es allen gut geht, und dass jeder Teilnehmer die Übungen und Varianten findet, die ihm helfen, Körper und Geist spürbar in Balance zu bringen. Die Momente, in denen die gute Stimmung zu kippen droht, sind am ehesten diejenigen, in denen die Teilnehmer an ihre eigenen Grenzen stoßen. Zum Beispiel, wenn eine asymmetrische Übung sich auf einer Seite weniger gut anfühlt: „Oh nein, was ist das denn, die andere Seite ging doch viel einfacher!“- „Das ist meine schlechte Seite!“- „Auf der Seite kann ich das nicht!“

Dass die Schiefe des Pferdes real ist, man aber konstruktiv mit ihr arbeiten kann, ist glücklicherweise gelernt und akzeptiert. Aber wie steht es um unsere eigene „Schiefe“? Gehst du mit dieser ebenso gleichmütig und positiv um? Bei uns ist ja eher das Gegenteil der Fall: Wenn wir feststellen, dass wir selbst schief sind, frustriert uns das leicht – wie immer, wenn unser Körper nicht so will, wie unser Kopf. Wir idealisieren die perfekte Symmetrie und wünschen uns Perfektion. Doch was ist, wenn unsere Definition von „perfekt“ hier das eigentliche Problem ist? Wenn unperfekt eigentlich total perfekt, weil von der Natur so vorgesehen, ist?

Der Mensch verliert seine ureigene Symmetrie bereits als Embryo, in dem Moment nämlich, wo links neben dem späteren Brustbein das Herz entsteht. Und obwohl unsere spätere äußere Hülle die Hoffnung auf Symmetrie erweckt (sofern wir gesund sind, haben wir immerhin zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen, einen mittigen Mund, eine mittige Nase etc.), ist diese spätestens auf den zweiten Blick relativ. Überall gibt es kleine Unregelmäßigkeiten, ein etwas niedrigeres Ohr, einen etwas kräftigeren Arm etc. Und wenn wir ins Innere des Körpers schauen, nimmt die Asymmetrie noch weiter zu: Unsere inneren Organe wirken eher effizient verstaut als symmetrisch angeordnet. Und auch das Gehirn ist asymmetrisch, obwohl es zwei Hälften besitzt. Hinzu kommt, dass die allermeisten von uns eine klare Lieblingsseite haben, in 90 % der Fälle ist das die rechte. Sprich: Wir sind so asymmetrisch und doch funktional perfekt, wie fast alles in der Natur.

Es gilt unsere eigenen Asymmetrien (an) zu erkennen 

Es ist wichtig zu verstehen, dass unsere natürlichen Asymmetrien ebenso unproblematisch sind, wie die des Pferdes. Konstruktiver als nach perfekter Symmetrie zu streben ist es daher, einen Zustand von Balance anzupeilen – und die kommt auch von innen. Wenn wir uns annehmen können, wie wir sind, lebt es sich leichter. Und das erleichtert es uns nicht zuletzt auch, positive Veränderungen dort zu erzielen, wo es möglich ist. Wer seine eigenen Stärken, Schwächen und Möglichkeiten in Bezug auf die linke und rechte Seite kennt, kann sein Pferd besser verstehen. Wir können ihm empathischer begegnen, wenn es unseren Signalen nicht so reibungslos folgen kann, wie wir uns das wünschen würden. Und wer sich nicht selbst geißelt, weil er z.B. in der linken Hüfte immer wieder einknickt, reitet direkt entspannter – und besser. Also: Nicht verrückt machen, wenn wir uns „verrückt“ fühlen, sondern neugierig wahrnehmen und dann konstruktiv damit arbeiten.

Denn was uns tatsächlich irgendwann aus dem Gleichgewicht wirft, ist das „Augen verschließen“, die Nicht-Beachtung unserer Haltungs- und Bewegungsmuster, gerade in Verbindung mit unserem oft sehr einseitigen Lebensstil. Wenn wir unsere Taschen jahrzehntelang unbewusst immer auf unserer Lieblingsseite tragen, mit rechts (oder links) Zähne putzen, tippen, schreiben, werfen, heben, auf einer Seite schlafen, führt das irgendwann nämlich doch zu Problemen: Die Asymmetrie verstärkt sich und geht dann von Händen und Armen durch den ganzen Körper. Wenn bestimmte Körperteile dadurch auf Dauer nicht genügend benutzt werden, kann das zu Fehlhaltungen, Muskelverspannungen und daraus folgend auch zu Schmerzen führen. Probleme mit der Schulter, Rücken, Hüfte und Knie sind die Folge. Nach und nach verschiebt sich dadurch der gesamte Körperschwerpunkt, bis eines Tages unser Pferd plötzlich ganz woanders hingeht, als wir es zu lenken meinen.

Was also tun? Um den Körper in Balance zu bringen, braucht es erstmal vor allem (eine nicht wertende) Selbstbeobachtung und Bewusstseinsschulung. Wie fühlt sich mein Körper an? Wann entstehen Schmerzreaktionen? Welche Gedanken und Emotionen verursachen Anspannung im Körper? Je besser wir all diese Fragen beantworten können, desto besser können wir uns selbst immer wieder in ein Gleichgewicht bringen. Es gilt zu üben, den Körper wahrzunehmen und so auch das Gefühl für die weniger genutzte Körperhälfte wiederherstellen. Für all das ist Yoga wie geschaffen, aber es gibt natürlich auch andere bewusste Bewegungsformen, die hier Wunder wirken können.

Durch neugierige Selbsterforschung zu mehr Balance

Wenn wir den Körper gezielt durch vielseitigere Bewegungen, Dehnungen und Drehungen führen, als wir sie ihm im Alltag selten bieten, erhöhen wir nach und nach seine Kraft, die Beweglichkeit und auch unser Körperbewusstsein. Das „Hineinfühlen“ in einzelne Körperpartien und den Körper insgesamt hilft uns, einen besseren Kontakt zu ihm herzustellen. Und wenn wir dabei noch bewusst atmen, führt das insgesamt zu einer Reduzierung von Erschöpfung und Stress und somit wiederum zu einer Entspannung der Muskulatur. Auf dieser Grundlage können dann neue Bewegungsmuster und ausgleichende Körperstrukturen entstehen. Von innen heraus.

Denn genauso wenig, wie wir das Geraderichten des Pferdes dadurch erreichen, dass wir es fest in einer Position halten, sondern dadurch, dass wir dauerhaft und ausgewogen mit ihm an der nötigen Kraft und Flexibilität arbeiten, um beide Hinterbeine gleichmäßig einzusetzen, können wir uns selbst nicht „zurechtbiegen“ um Dysbalancen auszugleichen. Beim Pferd wie bei uns führt der Weg über eine längere Zeit des Lösens von verkürzten und verengten Muskeln, Sehnen, Bändern und faszialem Gewebe und der Kräftigung die schwachen Strukturen. So stellen wir nach und nach eine gleichmäßige Verteilung der Arbeit in allen benötigen Muskelgruppen und damit eine Balance in der Bewegung her.

Zum Glück kann ich mich inzwischen darauf verlassen, dass meine Teilnehmer nach einer Weile des Yoga-Übens begeistert berichten, dass nun auch ihre schwächere Seite deutlich besser „funktioniert“, dass sie sich dort langsam sicherer und kontrollierter fühlen und sie ihre Bewegungen ähnlich fein regulieren können, wie auf ihrer stärkeren. Sie erzählen, dass ihre Pferde sich unter ihnen deutlich gleichmäßiger auf beiden Händen bewegen und alle möglichen Probleme plötzlich in Luft auflösen. Die vielen positiven Geschichten dazu helfen mir, meinen Teilnehmern auch durch die zäheren Momenten zu helfen. Wohlwissend, dass wir alle auf einem Weg sind, auf dem „perfekt“ und „unperfekt“ kaum voneinander zu trennen sind, dass wir mit einem Mehr an Bewusstsein aber immer einen Schritt weiter sind.

Übungen für mehr Balance im Sattel

Achte ganz bewusst auf die Unterschiede zwischen den beiden Seiten. Wenn du die Übungen bewusst ausführst, wirst du nicht nur unterschiedliche Spielräume auf beiden Seiten bemerken, sondern auch fühlen, wie der Körper sich durch kleine Anpassungen jeweils etwas anders ausbalanciert.

Die gesamte Sequenz als Video findest du hier:

Die Übungen im Einzelnen

1. Zwischenübung: Fühlen im Fersensitz (Vajrasana)

Fersensitz

Setz dich jeweils zwischen den folgenden Übungen immer wieder kurz mit gebeugten Knien auf die Füße. Fühle: Welche Seite des Gesäßes, welches Bein, welcher Fuß, fühlt sich schwerer an? Zu welcher Seite verlagere ich mein Gewicht? Dann an dieser Seite mit den Händen die Gesäßmuskulatur seitlich unter dem Körper hervorziehen, so dass die andere Gesäßhälfte schwerer zum Liegen kommt. Einen Moment das Gefühl von Balance fühlen. Beobachten, wie sich das Gefühl in dieser Übung nach jeder der folgenden Übungen verändert.

2. Die Pyramide (Parsvottansana)

Wofür?

Streckt die Wirbelsäule und die Rückseite der Beine. Hilft dem Reiter, sich gleichseitig im Brustraum aufzurichten und die Rückseite lang zu halten. Bringt Bewusstsein für die Position des Beckens und übt, dieses gerade zu halten. Bringt Stabilität und Flexibilität in die Hüften und somit ein „langes Bein“ im Sattel.

Wie?

  1. Aus dem Stand einen großen Schritt zurücktrete. Hinterer Fuß quer, vorderer gerade.
  2. Hinter dem Rücken die gegenüberliegenden Ellbogen greifen. Das Becken weiterhin gerade ausrichten. Das Steißbein etwas nach unten senken und die Dehnung im Oberschenkel des hinteren Beines fühlen. In die seitlichen Rippen atmen und den Brustkorb heben.
  3. Mit geradem Rücken den Oberkörper langsam nach vorne und unten beugen, der Kopf ist in Verlängerung der Wirbelsäule.
  4. Weiter nach vorne unten beugen, soweit es angenehm ist. Hier ein paar Atemzüge bleiben. Vom Kopf aus nach vorne strecken, die Dehnung in der Rückseite des vorderen Beines fühlen. Dieses ggf. leicht anbeugen.
  5. Jetzt den Oberkörper loslassen und weiter über das Bein sinken lassen, Arme lösen und nach unten hängen lassen, ggf. den vorderen Fuß greifen. Den richtigen Punkt zwischen „zuviel“ und „nicht genug“ Dehnung finden. Ggf. das vordere Bein zwischendurch leicht beugen und wieder strecken. Mindestens 3 Atemzüge halten.
  6. Dann wieder Ellbogen hinter dem Körper greifen, den Rücken gerade ziehen und den Oberkörper wieder heben.

Seite wechseln, wiederholen. Am Ende zwei bis drei Atemzüge ruhig stehen und nachspüren.

3. Gestreckte Winkelhaltung (Parsvakonasana)

 

Wofür?

Klingt langweilig ist aber ein echtes ein Geschenk: Die Übung dehnt und öffnet den gesamten Körper, fördert die Balance und Ausdauer, macht die eigene Kraft spürbar und setzt ungeahnte Energie frei.

Wie?

  1. Aus dem Stand ausatmend das linke Bein nach hinten in einen Ausfallschritt führen. Hinteren Fuß quer, der vordere zeigt gerade nach vorne. Die Fersen sind auf einer Linie.
  1. Das rechte Knie beugen, bis der Oberschenkel parallel zum Boden ist und das Knie einen rechten Winkel formt. Achte darauf, dass das Knie direkt über dem Fußgelenk ist und nicht über den Fuß hinausragt. Die hintere Fußaußenkante fest erden.
  2. Arme zur Seite ausstrecken und den Oberkörper aus der Hüfte nach rechts führen, so dass du den rechten Unterarm auf dem rechten Oberschenkel ablegen (oder, schwieriger: Die rechte Hand neben dem rechten Fuß auf die Matte stellen) kannst. Die linke Hand streckst du nach oben. Die Schultern stehen senkrecht übereinander.
  3. Wirbelsäule in die Länge strecken und den Brustkorb nach vorn führen. Die Schulterblattspitzen streben Richtung Hüfte, um Platz zwischen Schulter und Ohr zu schaffen. Hebe dich aus der rechten Schulter heraus und schiebe dein Knie aktiv nach hinten, damit es nicht nach innen kippt.
  4. Blick zum linken Daumen drehen und fünf Atemzüge hier bleiben.
  5. Einatmend aufrichten, Seite wechseln.

 

4. Kopf-zum-Knie-Haltung (Janu Shirsasana) 

Wofür?

Hilft, Verspannungen im Rücken zu lösen. Es wird jeweils immer eine Beinrückseite, eine Körperseite sowie der Rücken gedehnt. Die Beckenmuskulatur wird gelöst. Die Haltung strafft die Bauchmuskeln, regt die Verdauung an, massiert die inneren Organe und entspannt das Nervensystem.

Wie?

  1. Mit ausgestreckten Beinen am Boden sitzen. Wenn der untere Rücken rund wird, auf eine Decke setzen. Die Oberschenkelmuskeln sind angespannt.
  2. Linkes Knie beugen, so weit wie möglich nach hinten führen und nach links außen sinken lassen. Fußrücken vor dem Schambein ablegen. Der Winkel sollte größer als 90 Grad ggü. dem rechten Bein sein. Der Oberkörper ist gestreckt und gerade, der Kopf in Verlängerung der Wirbelsäule.
  3. Über das gestreckte rechte Bein drehen. Die Zehen ranziehen. Und dann den Rücken möglichst gerade lassen und nach vorne absinken. Die rechte Hand außen an das rechte Bein setzen, die linke Hand an die Außenseite des Beines oder Fußes. Mit jeder Einatmung lang im Oberkörper werden, mit jeder Ausatmung etwas weiter nach vorne (weniger als nach unten) sinken lassen. Das Gewicht möglichst gleichmäßig auf beide Beine verteilen. Mindestens fünf Atemzüge verweilen.
  4. Einatmend langsam aufrichten, die Hände auf die Knie und kurz nachspüren. Seite wechseln, wiederholen.

 

5. Die Kuhgesichts-Haltung (Gomukhasana) 

Wofür?

Intensiv dehnende Übung für die Beine und die Arme. Öffnet und dehnt Hüften, Schultern und Gesäßmuskulatur. Weitet den Brustraum und streckt die gesamte Wirbelsäule. Kräftigt die Arm- und Schultermuskulatur und den Rücken.

Wie?

Teil 1: Die Beine:

  1. Mit ausgestreckten Beinen auf den Boden setzen, der Rücken ist gerade und aufgerichtet.
  2. Das linke Knie beugen und linke Bein über das rechte heben. Den linken Fuß so nah wie möglich an der rechten Gesäßhälfte ablegen.
  3. Nun beuge das untere, rechte Bein unter dem linken Bein hindurch und führe deine rechte Ferse so nah wie möglich zur linken Gesäßhälfte. Die Knie sollten nun – wenn möglich – direkt über einander liegen. Falls das nicht möglich ist, kannst du dich auch leicht erhöht auf ein Kissen oder einen Block setzen.

Teil 2: Der Oberkörper

  1. Den rechten Arm gerade nach oben strecken und den linken Arm nach unten. Beide Ellenbogen beugen, sodass die rechte Handfläche und der Handrücken der linken Hand auf dem Rücken ruhen.
  2. Hier bleiben oder vorsichtig versuchen, die Fingerspitzen zusammenzubringen. Alternativ lässt sich auch ein Gürtel, Führstrick oder Schal nehmen, Hände zu verbinden. Ob die Finger einander berühren oder ob die Arme mit einem Hilfsmittel „verlängert werden“, ändert nichts an der Qualität der Übung.
  3. Der Rücken bleibt aufrecht und gerade, das Kinn parallel zum Boden.
  4. So lange in der Haltung verweilen, wie es guttut. Die intensive Dehnung genießen. Die Übung auf der anderen Seite wiederholen.
Wie trifft man gute Entscheidungen für sein Pferd?

Wie trifft man gute Entscheidungen für sein Pferd?

So schön es ist, ein Pferd zu haben, so schwierig ist es auch, ihm in allen Belangen gerecht zu werden. Aber die Lösung des Problems liegt nicht darin, alles zu wissen oder jemandem hinterherzulaufen, der alles weiß – sondern in unserer eigenen Haltung. Dieser Text ist erstmalig in der FEINE HILFEN, Ausgabe 32 im Dezember 2018 erschienen.  Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich müsste alles wissen. Dass jemand, der sich anmaßt, andere Reiter zu unterrichten, auf all ihre Fragen rund ums Pferd zuverlässig richtige Antworten geben können sollte. Passt der Sattel? Haben die Hufe die richtige Form?  Was ist das für eine Beule? Soll ich mir dieses Gebiss kaufen? Einen baumlosen Sattel? Welche Kräuter soll ich füttern? Ist das Jakobskraut? Und passen die Gamaschen zur Satteldecke? Als Pferdebesitzer ist man mit vielen Fragen konfrontiert, man unterschätzt das. Bis man selbst in der Situation ist, plötzlich Antworten auf die unwahrscheinlichsten Fragen parat haben zu müssen. Und dann hört es nicht mehr auf. Ständig ist ein neues Thema aktuell, ständig ist man dabei, ein anderes Problem zu lösen. Gesundheit, Fütterung und Haltung bieten allesamt einen enormen Komplexitätsgrad und immer neue Probleme und Fragestellungen, die den Pferdebesitzer auf Trab halten. Und dabei sind wir noch gar nicht angekommen bei den Trainingsfragen und den Themen, die den harmonischen Umgang zweier artfremder Lebewesen miteinander betreffen. Immer soll man eine Meinung haben, immer geht es um nicht weniger als das absolute Wohl des Tieres.

Je mehr wir wissen, desto mehr müssen wir auch bedenken

Dass die Fragen und Informationen so umfassend und detailliert geworden sind, ist in erster Linie eine positive Entwicklung. Je mehr wir über Pferde wissen, desto besser können wir ihnen gerecht werden. Das ist erstmal sehr gut für die Pferde. Denkt man so. Aber Pferd ist nicht gleich Pferd, Mensch nicht gleich Mensch – und Forschungsergebnis auch nicht gleich Forschungsergebnis. Es kann sehr sehr verlockend sein, die Verantwortung abzugeben oder zumindest zu teilen. Die meisten Pferdebesitzer haben inzwischen ein Kompetenzteam aus Tierärzten, Heilpraktikern, Bodyworkern, Hufbearbeitern, Zahnärzten und Trainern, denen sie mehr oder weniger tief vertrauen. Im Idealfall teilen all diese Menschen die gleiche Meinung zu dem einen Thema, das Einem gerade auf der Seele brennt. Wahrscheinlich ist es nicht. Die Pferdewelt ist voll von unterschiedlichen Standpunkten, Traditionen, Meinungen und Erkenntnissen, und die meisten haben (oder hatten mal) einen berechtigten Kern und viele (wenn auch nicht alle) meinen es gut mit den Pferden. Auch gibt es inzwischen die unterschiedlichsten Spezialisierungen, in die man tiefer eintauchen kann. Alle sehr spannend und sicher sehr berechtigt. Aber wie kann ich als Pferdebesitzer denn nur beurteilen, was das Richtige für mich und mein Pferd ist, auch ohne ein eigenes Tiermedizin-Studium, eine Heilpraktiker- und Hufpflege- sowie diverse Trainer-Ausbildungen absolviert zu haben? Welchem Trainer ich folge? Welchem Rat von Tierärzten, Fütterungsexperten und wohl meinenden Stallkollegen? In den knapp zehn Jahren, in denen ich meine Stute habe, gab es immer wieder Momente, in denen ich der Verzweiflung recht nahe war. Und in den meisten war mein Pferd nicht mal in der Nähe. Je mehr Erfahrungen man sammelt, je mehr man weiß, sieht und hört, desto schwieriger ist es, das „Falsche“ zu ignorieren. Es wird immer deutlicher, dass eine optimale Pferdehaltung in unserer Lebenswelt kaum möglich ist, dass das Ziel des perfekten Pferdebesitzers nicht erreichbar ist. Die Verantwortung für dieses große, schöne, unschuldige Wesen, das nicht für sich sprechen kann, kann sich zwischendurch sehr schwer anfühlen. Vor allem, wenn der Druck gerade wieder zunimmt. Weil jemand etwas Kritisches gesagt hat, man etwas Neues gelesen hat oder sonst feststellt, dass man dem eigenen Pferd wohlmöglich bisher nicht so gerecht wird, wie man es gerne hätte. Wir stressen uns damit, möglichst gut zu sein in unserem Job als Pferdebesitzer. Die Krux: Die damit verbundene Anspannung, der Stress, den wir uns damit machen, schränkt uns in unserem Handlungsspielraum nur weiter ein. Wenn wir an all die falschen Entscheidungen in unserem Leben zurückdenken, werden wir vermutlich feststellen, dass sie in angespannten Momenten getroffen wurden. Je gestresster wir sind, desto weniger Optionen können wir sehen, und desto schlechter sind die Entscheidungen, die wir treffen.

Je mehr wir uns stressen, desto unwahrscheinlicher werden gute Entscheidungen

Es geht also erstmal darum, uns zu entspannen. Und darüber tatsächlich die Verantwortung anzunehmen. Für unsere Pferde. Aber erstmal: Für uns. Das mag weit hergeholt klingen, doch: Wie wollen wir denn für unsere Pferde gute Entscheidungen treffen, wenn wir das oft nicht mal für uns selbst können? Wir behandeln unseren Körper, als wäre er nur dafür da, unseren Kopf von A nach B zu tragen. Wir blenden körperliche Beschwerden aus, bis es nicht mehr geht und verlassen uns auch danach eher auf Ärzte und Medikamente, als auf unser Gefühl. Wir ernähren uns von Dingen, die mit der Natur oft nichts mehr zu tun haben. Wir übernehmen so ungern die Verantwortung für unseren eigenen Körper, ob wir uns selbst „artgerecht“ halten, ist sehr zu bezweifeln. Aber das merken wir meist nicht einmal, denn wir fühlen unsere inneren Bedürfnisse immer weniger, verlassen uns viel zu oft blind auf das einmal Gelernte und sehen neue Möglichkeiten nur schwerlich. Was für Erfahrungen bleiben uns wohl dadurch verschlossen? “Horsemanship ist die Kunst, die eigenen Bewegungen, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen in den Griff zu bekommen. Und nicht die des Pferdes”, so der amerikanische Horseman Mark Rashid. Unsere Pferde spiegeln uns, und im Umgang mit ihnen spiegelt sich oft auch unser Blick auf uns und die Welt. Was heißt das im Bezug auf die Entscheidungen, die wir für unsere Pferde treffen? Wir müssen uns selbst wieder fühlen lernen. Verstehen, wer wir sind und wie wir uns genug entspannen können, um dann mündige Entscheidungen zu treffen – auch, aber nicht nur zum Wohle unserer Pferde. Unser Gefühl und unseren gesunden Menschenverstand wieder anschalten und ihm vertrauen lernen. Auch dann werden wir hin und wieder Fehler machen – aber wir werden hinter den Entscheidungen, die wir treffen und getroffen haben, stehen und aus ihnen lernen können. Dadurch werden wir stark für neue Entscheidungen. Das ist etwas unbequemer als direkt jemand anderem die Schuld zu geben, wenn etwas schief läuft. Aber es macht uns frei und zu echten, verlässlichen Partnern für unsere Pferde. Ich habe das schmerzlich lernen müssen. Lange Zeit habe auch ich für mich selbst nur ein Mindestmaß an Verantwortung tragen wollen, mich sehr vertrauensvoll auf die „Respektpersonen“ in meinem Umfeld verlassen. Gemacht, was andere sagen, blind darauf vertrauend, dass sie schon wissen, was sie tun. Bis sie sich mal einen ganz groben Schnitzer erlaubt haben, der mich daran zweifeln ließ. In Bezug auf andere und in meiner Arbeit als Pferdetrainerin sah es jedoch ganz anders aus: Hier habe ich mich in der anderen Rolle gesehen, immer eher zu viel Verantwortung übernehmen, die anderen maximal entlasten wollen, „ich kann das schon schultern“. Beides ist gerade unter Frauen ein verbreitetes Problem, wie ich inzwischen gelernt habe. Einen besseren Umgang mit dem Fluch und Segen der Verantwortung habe ich erst in den letzten Jahren entwickelt: Durch meine immer intensivere Yogapraxis. Im Yoga übt man ständig, seinen Körper bewusst wahrzunehmen, flexibel im Körper und Geist zu sein, ein feineres Gefühl für sich und die eigenen Bedürfnisse zu bekommen und: Auch als Lehrer immer Schüler zu bleiben. All das hilft mir enorm in meinem Horsemanship, ständig entdecke ich neue Möglichkeiten. Vor allem selbst Schüler zu bleiben und Fragen daher auch mal nicht beantworten zu dürfen, war erleichternd für mich. Das ermöglicht Neugier auf den nächsten Schritt, anstatt eine Lösung zu erzwingen. Mark Rashid schreibt dazu in seinem neuen Buch „Jedes Pferd verdient eine Chance“:  „Wenn Menschen das Gefühl haben, sie müssten immer Recht haben, schränken sie ihre verfügbaren Möglichkeiten ein und zwar in dem Moment, wenn alles, was in der Vergangenheit funktioniert hat, jetzt plötzlich nicht funktioniert. Wenn dies eintrifft, können sie nur die ihnen bekannte Lösung vermehrt einsetzen oder versuchen, sie noch vehementer mit noch mehr Energie anzuwenden. Tatsächlich sollten sie dann nach etwas völlig anderem Ausschau halten.“ Das braucht Aufmerksamkeit, Flexibilität und Selbstvertrauen. Bei all dem hilft mir das Yoga, aber es gibt auch viele andere Wege, sich hier zu stärken, feiner und klarer zu werden.

Wir müssen einen Weg finden, die richtigen Eigenschaften in uns zu kultivieren

Auch unsere Pferde können uns helfen, uns weiterzuentwickeln – gerade dort, wo es am Ende um sie gehen soll: „Jede Bewegung, die wir machen, führt zu einer Reaktion des Pferdes, dazu dass das Pferd sich sichtlich besser oder schlechter fühlt. Wir müssen lernen, die feinen Reaktionen des Pferde zu beobachten und auf Basis dieser Beobachtungen gute Entscheidungen zu treffen,“ so Elsa Sinclair, eine amerikanische Trainerin, die u.a. mit dem Film „Taming Wild“ bekannt geworden ist. Er dokumentiert, wie sie ein Jahr lang ohne jegliche Hilfsmittel mit einem Mustang gearbeitet hat – und dabei vieles über sich selbst und die Arbeit mit Pferden gelernt hat (ein ausführliches Interview mit ihr finden Sie unter dem u.g. Link). Sie rät dazu, sich vor allem in der Wahrnehmung von Ursache-Wirkungszusammenhängen zu üben. Anhand der Wahl des richtigen Trainers für das Pferd gibt sie folgendes Beispiel: „Wenn Du Deinem Trainer bei der Arbeit zuschaust, siehst du dann mehr Nachdenken, Entspannung oder Spielverhalten in den  Pferden oder eher  Anspannung, Flucht oder Kampf? Die Pferde werden Dir sagen, wie sie sich fühlen. Wenn Du hinsiehst und wenn Du zuhörst.“ Ich weiß inzwischen, dass ich auch als Trainerin nicht alles wissen kann. Nicht immer befreit mich das von allen Ansprüchen, und natürlich möchte ich meinen Schülern weiterhin möglichst gut weiterhelfen, meine Erfahrungen und meine Gedanken weitergeben. Aber es erleichtert mich, auch mal etwas nicht wissen zu dürfen und uns beiden die Chance zu geben, etwas Neues entstehen zu lassen. Ich glaube, mit dieser ehrlichen, offenen und entspannten Einstellung bin ich ihnen ein deutlich besserer Wegbegleiter. Weil sie es mir ermöglicht, mehr den Weg des einzelnen Schülers zu sehen, als meine eigenen Überzeugungen. Ihn und das Pferd individuell wahrzunehmen und daraus zu handeln. Und interessanterweise kommen wir darüber auch im Training zu spannenden neuen Ergebnissen, aus denen wir beide weiterlernen. Diese Art Wachstum, dieses Aufblühen in Pferd und Mensch zu sehen, gibt mir das gute Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, auch wenn viele Fragen natürlich weiterhin offen zu bleiben. Und genauso versuche ich es auch mit meinem Pferd zu halten. Unseren Pferden auf allen Ebenen gerecht zu werden, kann eine Lebensaufgabe sein. Aber je besser wir wahrnehmen, auf unser Pferd und unsere eigene Stimme hören und vertrauen, desto leichter wird diese Aufgabe. Und wer weiß: Mit Blick auf die Lösung statt auf das Problem, kann diese spannende, herausfordernde Reise vielleicht sogar Spaß machen.

Sechs Tipps für das Treffen guter Entscheidungen:

  1. Durchatmen, wahrnehmen, im Hier und Jetzt sein Die wichtigste Voraussetzung für gute Entscheidungen: Eine entspannte Atmosphäre, möglichst wenig Stress. Dieser lässt uns nämlich regelmäßig in gewohnte Verhaltens- und Reaktionsmuster fallen und beschränkt damit unsere Sicht auf die Möglichkeiten, die wir tatsächlich haben.  Warum also nicht üben, kurz innezuhalten, bevor eine wichtige Entscheidung ansteht? Eine Pause zu machen, kurz aus der Situation herauszugehen und Abstand zu gewinnen von den Stressfaktoren? Das kann heißen, dass wir kurz die Augen schließen, 5x tief durchatmen, den Raum verlassen oder drüber zu schlafen. Es hilft uns, besser wahrzunehmen, was das Problem ist und wo wir und unsere Pferde eigentlich jetzt gerade stehen.
  2. Ziele setzen Bevor wir eine Entscheidung treffen, sollten wir uns genau überlegen, was wir eigentlich wollen. Was unser Ziel, unsere Vision ist für uns, unsere Pferde und unser gemeinsames Leben. Und was dieses wirklich unterstützt. Es macht einen Unterschied, ob wir den Grand Prix anstreben oder maximale Entspannung im Umgang mit dem Pferd vor Augen haben. Wenn wir das große Ganze vor Augen haben, fällt es leichter, auch die kleineren Faktoren angemessen zu bewerten.
  3. Den richtigen Leuten die richtigen Fragen stellen Natürlich ist es klug und richtig, andere Menschen mit mehr Erfahrung (oder etwas Abstand) um Rat zu bitten, Bücher zu lesen und sich auf bestimmten Themen von schlauen Leuten weiterbilden zu lassen. Aber wir sollten uns genau überlegen, wen wir fragen und wie wir mit den gesammelten Informationen umgehen. Auf welcher Erfahrung beruht die Meinung des anderen, welche Gründe könnten vielleicht sogar noch in seine Sicht hineinspielen, und inwiefern ist es für meine Situation anwendbar? Was für andere gut und richtig ist, muss es nicht für uns sein – oder vielleicht nicht jetzt. Oft lohnt es sich dabei auch, mehrere Meinungen einzuholen, oder auch mal wirklich nachzuhaken und sich nicht mit „Halb-Antworten“ zufrieden zu geben.
  4. Selbstbewusst auf die innere Stimme hören Während unser Kopf noch Pro- und Contra-Listen anfertigt, weiß unser Bauch oft schon, was wir eigentlich wollen. Das merken wir dann daran, dass wir das Ergebnis in eine Richtung interpretieren oder enttäuscht sind, wenn das „Falsche“ heraus kommt. Wir alle haben bereits viele Erfahrungen gesammelt, wissen eine ganze Menge und kennen unsere Pferde irgendwann auch sehr gut. Dadurch wissen wir viel mehr, als uns bewusst ist. Wenn wir im entspannten Zustand in uns hineinhorchen, wartet da oft schon die richtige Lösung auf uns. Dann müssen wir uns nur noch trauen, sie auszusprechen und nach ihr zu handeln – egal, was andere sagen.
  5. Neugierig bleiben Egal, wie lange wir schon mit Pferden zu tun haben – es wird nie langweilig. Wir alle lernen immer weiter. Da hilft es, offen zu bleiben, sich daran zu gewöhnen, dass wir immer Schüler bleiben und neugierig auf neue Lösungen zu sein. Wenn wir weniger verhaftet in unseren Überzeugungen sind,  können wir besser fühlen, wie der natürliche nächste Schritt aussieht, anstatt eine Lösung zu erzwingen.
  6. Nachsichtig mit sich sein Niemand hat auf alle Fragen die richtige Antwort. Und wir alle handeln manchmal irrational, machen bescheuerte Sachen. „Perfekt“ werden wir niemals sein. Das wäre doch auch langweilig. Anstatt dann die Schuld bei uns zu sehen, sollten wir Rückschläge eher als „Schule“ begreifen. Verstehen, was falsch gelaufen ist und uns beim nächsten Mal bemühen, bessere Entscheidungen zu treffen. Wenn wir  empathisch mit uns bleiben und uns nicht stressen mit dann bereits alten Geschichten, stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass wir dazulernen, immer bessere Entscheider werden und vielleicht auch einfach mal glücklich sein können. Mit uns und unseren Pferden.

Leseempfehlung:

Mark Rashid: Jedes Pferd verdient eine Chance, Kosmos-Verlag, 2018, EAN: 9783440157794, 2018, 19,99 Euro

Dein Pferd – dein Partner: Wahrnehmen, leiten, vertrauen, Mark Rashid: Dein Pferd – dein Partner: Wahrnehmen, leiten, vertrauen, Kosmos-Verlag, 2013, ISBN: 978-3-440-13984-4, 14,99 Euro

Das Rushing Woman Syndrom: Was Dauerstress unserer Gesundheit antut, Dr. Libby Weaver: Das Rushing Woman Syndrom: Was Dauerstress unserer Gesundheit antut, Trias-Verlag, 2017, ISBN: 978-343210433, 19,99 Euro

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Ausführliches Interview mit Elsa Sinclair: www.danielakaemmerer.de/wissenswertes/elsa

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Mark Rashid, “Softness” – und ich in der aktuellen “Mein Pferd”

Mark Rashid, “Softness” – und ich in der aktuellen “Mein Pferd”

image1Vor einer Weile kam Inga Dora Meyer von der “Mein Pferd” auf mich zu und bat mich, mit ihr ein Experteninterview zu “Pferde sanft führen”, dem neuen Buch von Mark Rashid, zu führen. Es ging um Hilfengebung, Softness, Führung und Kommunikation. Und daraus entstanden ist ein, wie ich finde, sehr lesenswerter Artikel zum Thema, für den auch neben mir auch die liebe Sonja Bucher Input gegeben hat, die Marks Kurse in der Schweiz organisiert und die ich vor Jahren auch einmal bei Marks Besuch in England kennenlernen durfte. Ich freue mich, dass ich einen Beitrag leisten durfte, aber das Beste daran ist: Ich darf Euch das Ergebnis nun zum Download bereitstellen. Viel Spaß damit: Das Prinzip der Softness

Wenn Ihr mehr über den Horseman aus Colorado erfahren wollt: Hier ist ein ausführliches Interview, das ich mit Mark Rashid vor Kurzem für die FEINE HILFEN geführt habe. 

Yoga und Horsemanship – Da bahnt sich etwas an

Yoga und Horsemanship – Da bahnt sich etwas an

9189_1263904426972154_8748508525081628783_nIn meinem Leben hat, wie in vielen anderen auch, seit ein paar Jahren Yoga einen immer größeren Platz gefunden. Ich merke einfach, dass ich in allem besser bin in den Phasen, in denen ich mehr Yoga mache – entspannter und zufriedener und so besser mit mir selbst zurecht komme und letzlich auch meinen Mitmenschen mehr zu geben habe. Vor einer Weile, ziemlich genau zu der Zeit, als ich auch kurzzeitig vergessen hatte wie man reitet übrigens, habe ich mich entschieden, diese Spur gezielt weiterzuverfolgen und mich einfach mal zu einer Yoga-Lehrer-Ausbildung angemeldet.

Im Januar ging es los und seitdem habe ich auch schon einen ganzen Berg neues Wissen und Erfahrungen dazu gesammelt, es macht wahnsinnig Spaß und ist alles ganz toll. In dieser Woche (innerhalb des 10-Tage-á-8-Stunden-Superintensiv-Teils) habe ich aber zum ersten Mal deutlich gespürt, was diese Ausbildung mit mir macht – und mit meinem Horsemanship bzw. schon der Art, wie ich meinem Pferd begegne.

Nun, befinde ich mich momentan, wie gesagt, mitten in einer Intensivphase, 8 Stunden täglich nur Yoga, Theorie und Praxis, inklusive Meditationssessions und freiem Gedankenaustausch mit inspirierenden Menschen den ganzen Tag. Sprich: Ich war selten so zentriert, ruhig, entspannt und klar im Kopf, wie ich es momentan bin. Trotzdem habe ich die letzten Tage neugierig und überrascht beobachtet, wie extrem viel besser ich für mein Pferd sein muss.

Zum Beispiel gestern Abend. Ich war mit Diva spontan noch ausreiten, weil das Wetter einfach danach schrie. Ohne Ansprüche, aber mit etwas zeitlichem Druck, weil es schon langsam dunkel wurde. Ich wollte also einen entspannten, aber flotten Ritt, wohlwissend, dass genau diese Kombination oft nicht optimal funktioniert. Egal, Gedanken beiseite. Stattdessen habe ich mich von Vornherein bewusst auf eine extrem tiefe, auch hörbare Atmung (Ujayi-Atmung aus dem Yoga, für die Insider ;)) konzentriert, meinen Beckenboden bewusst etwas angespannt und so wirklich jeden Atemzug von vorne bis hinten maximal ausgekostet. Mit jedem Atemzug merkte ich, wie ich ruhiger wurde, dem Pferd näher kam und auch das Pferd ruhiger wurde und feiner auf mich reagiert hat. Ich hörte Vogelgezwitscher, sah Krokusse am Wegesrand, roch die Osterfeuer und merkte, wie tiefenentspannt und, ja, achtsam, wir uns so tatsächlich fortbewegen konnten.

Ich habe mich nun schon viel mit Atmung und Reiten beschäftigt und auch schon tolle Ergebnisse erzielt – aber wie viel direkter und enger die Verbindung zu meinem Pferd  und dessen Bewegungen die letzten Tage durch diese Technik war, war magisch.  Natürlich kann man, wenn man so atmet, sich auf wenig anderes als auf den Moment und eben diese Atmung konzentrieren – daher macht das schon Sinn, aber wie viel besser Diva, die ja ohnehin schon toll mitarbeitet, auf kleinste Veränderungen und “gedachten” Hilfen reagiert hat, da unsere Pferde ja ohnehin immer im Moment leben und dort oft vergeblich auf uns warten. Aber dass es uns gelingen würde, so viel besser auf der Spur zu bleiben, auch an merkwürdigen Gegenständen und Osterfeuern vorbei, Takt und Tempo, auch Seitengänge haargenau zu kontrollieren und SO entspannt durch das für uns ja zurzeit recht neue Gelände zu kommen war dennoch enorm. Das hat uns nochmal ein ganzes Stück nach vorne gebracht, das Fenster in Richtung “was könnte da noch möglich sein?” ein Stückchen weiter aufgeschoben.

Und während ich so begeistert durch die Holmer Sandberge ritt, fielen mir plötzlich ganz viele Bilder und Gedanken ein, die ich von Amanda Barton und Mark Rashid, vor Jahren schon kennengelernt habe – und die jetzt erst ganz natürlich und so richtig bei mir ankommen (klar habe ich sie damals schon grundsätzlich verstanden und ausprobiert, aber das war anders, vielleicht wie ein paar Schuh, das zwar total schön aussieht und auch passt, das man dann aber doch stehen lässt, weil man es aus irgendeinem Grund nie anzieht). Beispiel: Mark Rashid sagt oft, dass Pferde unheimlich gut darin sind, eine Verbindung zu anderen Lebewesen herzustellen. Menschen sind das nicht (mehr) unbedingt. Wir können uns aber so aufstellen, dass andere sich leichter mit uns verbinden können. “Let the horse connect to you” – sagt er dann. Und plötzlich fühlte ich, was er damit meinte. Es geht nicht darum, aktiv dafür zu arbeiten, dass eine Verbindung zustande kommt – sondern sich so weit zu zentrieren, so weit bei mir und im Moment anzukommen, dass das überhaupt möglich ist – dann entsteht sie von ganz alleine bzw. durch das Pferd, das oftmals genau darauf wartet. In diesem Unterschied zwischen aktiv und passiv liegt eine entspannte Offenheit, die ich so bisher selten klar gespürt hatte. Der aufmerksame Leser entdeckt auch hier eine Parallele zu meinem Präsenz-Artikel von oben. Der Unterschied zwischen meinem “Wow” damals und meinem “Wow” in diesen Tagen ist: Dass ich plötzlich eine Bandbreite von Techniken und Möglichkeiten sehe (weil ich sie ja letztlich erlernt habe und erlerne), diese Präsenz abzurufen und herzustellen.

Ich wurde dann gestern noch übermütig und habe meine Zügelhilfen komplett durch Gedanken ersetzt – auch das hat prima funktioniert, aber das ist fast schon ein eigener Artikel.

Mit diesen Erfahrungen freue ich mich jedenfalls nun umso mehr auf alles, was ich in diesem Zusammenhang noch dazulernen und auch weitergeben kann. Denn es macht ja Sinn: Im Horsemanship wie im Yoga geht es letztlich um Einheit und Harmonie – von Pferd und Mensch hier, von Körper, Geist und Seele dort. Darum, weg vom Denken und (wieder) mehr in Richtung Fühlen zu kommen. Beim Yoga geht es nicht um die bilderbuchmäßige Ausführung der Übungen – und beim Reiten, zumindest so wie ich es verstehe, auch nicht um das krampfhafte Erlernen ausgewählter Lektionen. Aber es geht darum, dass wir kurz oder sogar länger zu uns kommen, durchatmen, Muster und Grenzen erkennen und nach und nach überwinden und uns so kontinuierlich weiterentwickeln, von Ängsten lösen und freier und glücklicher werden. Und schöne Momente sammeln. Und wo geht das denn besser, als in der harmonischen Verbindung mit einem großen warmen Tier, mit dem man über Felder und durch Wälder fliegen kann? (Fuchur etwa? Nein, in meinem Fall die kleine, nun schon achtjährige Diva.)

 

Auf der Suche nach einem anderen Weg – Eine Umsteigerin erzählt

Neulich bekam ich eine sehr nette Anfrage von einer Reiterin, die gerade eine Reitbeteiligung auf Jet begonnen hat, einen netten Paint-Mix-Wallach, den ich schon lange und gut kenne. Sie suchte nach “Übersetzung” zwischen ihr und ihrer “englischen” Reitausbildung und Jet, einem erfahrenen, sehr fein ausgebildeten Westernpferd. Ihre erste Begegnung mit Jet war auch ihre erste mit der Westernreitweise, und sie war so begeistert von der großen Entspanntheit, die sie im Umgang mit Jet kennengelernt hat, dass ich sie spontan gebeten habe, ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen. Sicher gibt es viele andere Reiter, die sich einen entspannten Umgang mit dem Pferd wünschen, ihn aber in den “konventionellen” Reitschulen bisher noch nicht gefunden haben. (mehr …)

Christine & Jolien

Christine & Jolien

August 2007

Als meine Welsh Cob-Stute Jolien drei Jahre alt wurde (ich habe sie zweijährig gekauft), fing ich an, mir Gedanken über ihre weitere Ausbildung zu machen. Sie kannte bereits Bodenarbeit (Longieren mit/ohne Sattel) und die freie Bodenarbeit.

Für mich stand fest, dass für das Ziel „Anreiten“ nur jemand in Frage kam, der bereit war, zu mir vor Ort zu kommen. Zum einen wollte ich mein Pferd nicht aus der gewohnten Umgebung reißen und zum anderen auch selbst noch mit meinem Pferd arbeiten.

Ich durchforschte das Internet nach mobilen Trainern, Ausbildern etc.pp. Ich hörte mich auch bei anderen Pferdeleuten um, doch die Suche blieb erfolglos.

Juli 2008

Im Juli entdeckte ich dann die Homepage von Daniela. Das, was ich dort las, entsprach genau dem, was ich suchte. Unser erstes Telefonat machte mir Mut, dass die Suche ein Ende gefunden hat.

Daniela kam auf den Hof und strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Wir gingen mit Jolien in die Halle und ich „versuchte“ Jolien zu longieren. Irgendwie war mir die Gelassenheit im Umgang mit meinem Pferd abhanden gekommen. Ich gab Daniela die Longe in die Hand und sie fing an mit Jolien zu arbeiten. Jolien verstand recht schnell, worum es Daniela ging. Und ich kapierte ziemlich schnell, welche Fehler sich bei mir eingeschlichen hatten. Jolien hat eine Persönlichkeit, wie ich sie bei meinen anderen Pferden noch nicht erlebt habe, und so war ich froh zu sehen, wie gut Daniela sich mit Jolien verständigte. Sie blieb immer ruhig und konsequent. Nie wurde sie laut oder ungeduldig. Gott-sei-Dank hatte auch Daniela Spaß an dem Pferdchen und somit war klar, das wir zusammen weiter machen würden.

Ca. einmal die Woche kam Daniela nun vorbei und longierte Jolien und wenig später arbeitete sie schon an der Doppellonge. Jolien zeigte sich hierbei cool und schon fast gelangweilt. Da konnten sich die Leinen auch schon mal um die Beine vertüddeln, Jolien und Daniela blieben gelassen.

Oktober 2008

Daniela setzte sich das erste mal auf mein Pferdchen ! Beide machten einen total gelassenen Eindruck. Ich war hin und weg vor Stolz, beide so lässig zu sehen. Beim zweiten mal brauchte Daniela nur leicht den Schenkel anzudeuten und schon wanderten beide los. Leichte Zügelhilfen reichten aus, damit Jolien nachgab. Daniela lässt ihr viel Spielraum, sie klammert sich nicht fest und gibt dem Pferd entsprechende Sicherheit. Es werden während des Reitens viele Pausen gemacht, in denen Daniela Jolien ordentlich durchkrauelt. Die Oberlippe von Jolien überholt da schon mal die Unterlippe…Als Daniela das dritte mal aufstieg, ließ mein Pferdchen bereits in freudiger Erwartung die Lippe hängen. So marschierten die Beiden dann wieder komplett entspannt los. Auch Traben ist kein Problem und schon gar nicht das Anhalten, Knuddeleinheiten garantiert ! Daniela praktiziert eine feine Art und Weise des Reitens und so wird dieses für das Jungpferd zum Vergnügen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass Jolien lediglich mit Halfter geritten wird….

Ich freue mich jedesmal auf die Treffen mit Daniela, ich bin froh, sie an meiner Seite zu haben !

Jolien und Christine im November 2008