Beziehung oder Erziehung?

29.Dez 2020 | Gedanken

Die meisten ReiterInnen, die zu mir finden, wünschen sich eine bessere Beziehung mit ihren Pferden. Sie sind oft in „ganz normalen” Reitställen geprägt worden, merken aber, dass etwas fehlt. Oder sie haben Pferde, die ihnen das – auf ihre Weise – deutlich kommunizieren. 

Eines meiner ersten Ziele ist dann, den Menschen davon zu überzeugen, von einem mehr oder weniger klaren Erziehung-/Trainingsmonolog in einen Beziehungsdialog mit dem Pferd zu wechseln. Aus dem Sachverhältnis ein partnerschaftliches zu machen. Wir üben, das Pferd zu sehen, zu lesen und auch zu befragen. Und natürlich, „nein” muss dann auch eine geltende Antwort sein.

Eine Fragestellung, die uns allen auf diesem Weg früher oder später begegnet, ist folgende:

„Wenn ich mein Pferd aber nun ‘frage’ und mitbestimmen lasse – versaue ich damit nicht die Erziehung? Bzw. könnten das andere nicht vielleicht denken?”

Nun, was andere Leute denken, wissen wir nie. Das ist manchmal auch ganz gut so. Wahrscheinlich würde es uns aber wohl beruhigen, festzustellen, dass die meisten Menschen so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie uns bei Weitem nicht so genau beobachten, wie wir denken (in der Sozialpsychologie heißt das übrigens „Spotlight-Effekt”).

Und zum anderen ist das tatsächlich eine spannende Frage. Weil es sich lohnt, darüber nachzudenken, welche Rolle das Training/die Erziehung in der Beziehung zu unserem Pferd spielen soll – bzw. umgekehrt. 

In dem Pferdeverhaltensforschungsseminar mit Emily Kieson und Jessie Sams in diesem Sommer haben wir dazu eine ähnliche wie die folgende Grafik gesehen: 

Emily brachte dann auch das treffende Beispiel, dass man im Bezug auf einen Hund nie die Frage stellen würde: “Und – was machst du mit ihm?” – Bei einem Pferd aber schon. 

Einen Hund hat man in erster Linie einfach, weil man mit ihm in Beziehung treten möchte, als Gefährten. Man kann ihm vielleicht noch etwas beibringen, das ist aber eher „die Kirsche auf der Torte”. In der Grafik ist das der rechte Fall: Das Training ist ein Teil der Beziehung. 

Ein Pferd hat man in unseren Kulturkreisen traditionell, um etwas damit zu tun. Im Vordergrund steht eher die Arbeit/das Training, die Beziehung ist nur ein Teil davon – weil zwei Wesen ja irgendwie zusammenarbeiten müssen (siehe der rechte Teil der Grafik). 

Daraus folgt: Wenn wir wollen, dass unsere Pferde uns als eine Art Freund, als positive Beziehung in ihrem Leben wahrnehmen (und wenn wir sie ernsthaft partnerschaftlich behandeln wollen), führt der Weg von der linken Blase zur rechten. 

Natürlich ist Training und „Erziehung” wichtig. Es braucht klare und konsistente Regeln, damit sich ein Pferd in unserer menschlichen Welt sicher bewegen kann – für sich und seine Umgebung. Wenn uns 500 kg ständig auf den Füßen stehen, ist das auch hinderlich für die Zusammenarbeit, und es spricht nichts dagegen, das auch konsequent, konsistent und freundlich zu kommunizieren. 

Und vielleicht können wir das Pferd in seiner Physis unterstützen, indem wir eine bestimmte Form der Bewegung kultivieren. Klar.

Richtig angewendet, können Regeln und Verhaltenstraining die Beziehung durchaus unterstützen: Wenn wir konsistent, klar und fair sind, lernt das Pferd u.a. auch, dass wir wach dabei sind und dass es sich auf uns und unser Verhalten verlassen kann. Eine gute Grundlage für die Zusammen-Arbeit. Ob das aus Pferdesicht für eine Freundschaft reicht, bezweifle ich. 

Wenn wir wirklich eine Freundschaft suchen, sollten wir uns fragen, wie das richtige Maß der Zusammen-Arbeit innerhalb der Zusammen-Zeit aussehen kann.

Dazu blicken wir noch kurz in die Verhaltensforschung von Pferd und Mensch: Zweier-Freundschaften unter Pferden formen sich durch gemeinsam verbrachte Zeit, gegenseitige Beobachtung und Konsistenz im Verhalten zueinander. 

Wir Menschen „bonden” u.a. über Kommunikation, gemeinsame Erlebnisse, über geteiltes Essen und über Berührung. 

Die Bedürfnisse unserer Spezies sind also durchaus unterschiedlich – und wie sich eine gute Beziehung genau gestaltet, empfindet jeder Mensch und wohl auch jedes Pferd etwas anders. 

Umso wichtiger ist es, genau zu beobachten, was für dein Pferd und dich wie gut passt. Folgende Fragen können dir dabei helfen:

Wie sieht das Kreisbild oben bei dir und deinem Pferd aus? Wie wünschst du dir das Kreisbild? 

Wie definierst du eine positive Beziehung?

Welche Regeln sind dir für den Umgang mit deinem Pferd wichtig?

Wie verhält sich dein Pferd in der Herde? Wie geht es mit befreundeten Pferden um? Woran erkennst du besonders entspanntes oder freudiges Verhalten bei dem Pferd?

Was macht deinem Pferd Spaß? Was macht dir Spaß? Habt ihr eine Schnittmenge? 

Was könntet ihr noch unternehmen, was einem oder vielleicht sogar beiden Freude machen kann? Wie kannst du ein Gleichgewicht aus allem finden?

Meine Erfahrung und mein fester Glaube ist dieser:

Wenn unsere Pferde erst einmal merken, dass wir auf sie eingehen, sie sehen und ihnen zuhören, so gut wir eben können, schenken sie uns ihr Herz und alles, was sie haben. 

Und auf dieser Grundlage spielen wir auf einmal in einer komplett anderen Liga mit ihnen. Plötzlich werden Dinge möglich, von denen wir nicht zu träumen gewagt haben. 

Oder genau diese Dinge werden unwichtig, weil der Zauber der Verbindung ganz andere Blüten trägt, als wir erwartet haben. 

So oder so ist das eine Reise, die sich lohnt, finde ich.

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.

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