Von der Oberflächlichkeit in die Tiefe

27.Nov 2020 | Gedanken

Es gibt solche und solche Begegnungen – unter Menschen, wie zwischen Mensch und Pferd

Kennst du das, wenn der Tag so an dir vorbei rast? Wenn du von einem zum anderen huscht, und du immer gleich die nächsten zehn To Dos im Kopf hast?

Neulich war ein Freund von mir zu Besuch, der ein Lied davon singen kann. Nennen wir ihn Boris. Boris hat einen hochkarätigen, intensiven Job und ständig viele Dinge im Kopf, er spricht auch gern und gut, hat das Tempo und die Präsenz eines routinierten Redners und Entscheiders.

Höflich fragte er mich trotzdem irgendwann, was bei mir so los sei, und ich begann zu erzählen… Merkte aber schnell, wie ich versuchte, mich kurz zu fassen, fürchtend, dass er mit den Gedanken gleich wieder wegspringt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur ein ganz kleines Zeitfenster habe, um – möglichst gut strukturiert und auf den Punkt – seine Frage zu beantworten.

Und tatsächlich kam seine Antwort (bzw. seine Erwiderung (?), denn eine Antwort im eigentlichen Sinne war das nicht) wie aus der Pistole geschossen, sobald ich den Satz beendet hatte. So ging das Gespräch eine ganze Weile weiter. Formell war es ein netter Abend, mit gutem Essen, Wein und etwas Zeit. Aber er ließ mich mit einem leeren Gefühl zurück.

Lustigerweise wurde mir erst im Nachhinein klar, was gefehlt hat: Der echte Kontakt. Aus dieser schnellen, oberflächlichen Dynamik haben wir nicht herausgefunden. Und ich sage “wir”, weil ich natürlich genauso Teil der Unterhaltung war. Theoretisch jedenfalls.

“Echte Verbindung entsteht nicht von allein. Du musst das Zusammentreffen von Vornherein gestalten – passend zu der Art Verbindung, die du schaffen möchtest.” – das sagte Priya Parker, Expertin für Kollaboration, in dieser Woche im Podcast von Brené Brown. “Es geht darum, eine klare Absicht für die gemeinsame Zeit zu setzen.”

Dieser Satz riecht verdächtig nach Überoptimierung, aber ich glaube: Priya hat Recht. Und dass uns dieser Gedanke nicht nur in ein paar Wochen helfen kann, bei unseren sicher etwas ungewöhnlichen Weihnachtsfesten mit den Familien, sondern auch heute, im Zusammensein mit unseren Pferden.

Sind wir nicht alle ein bisschen Boris…?

Ich frage mich, wie vielen Pferden es mit ihren Menschen manchmal geht, wie mir mit Boris. Bestes Wetter, gute Gesundheit, tolle Trainingsskills und die Tatsache, dass Mensch und Pferd an einem Ort sind, reichen halt nicht immer für eine erfüllende gemeinsame Zeit.

Wir leben in einer extrem beschleunigten Gesellschaft. Oberflächliche “Blitz-Gespräche” zwischen Menschen sind in vielen Kreisen sicher eher die Regel als die Ausnahme. Das Tolle an unseren Pferden (ach was, eines der vielen tollen Dinge – weißte ja) ist, dass wir meistens nicht sie entschleunigen müssen, sondern dass sie uns in vielen Fällen freundlich dazu einladen. Und selbst die vierbeinigen Hektiker sind unter ihrem kleinen Sturm meist offen für Verbindung, wenn wir uns selbst etwas herunter regeln.

Ich kenne viele Pferde, die nur darauf warten, dass ihre Menschen ihnen einen langsameren Takt zeigen… Und alle Organismen suchen von Natur aus den entspannten Zustand. Am meisten Gegenwehr leisten da tatsächlich wir Menschen mit unserem ständigen Geplapper im Kopf. Wir halten jedenfalls fest: Der Hebel für echte, tiefe Verbindung liegt immer bei uns.

Der Hebel für echte, tiefe Verbindung liegt immer bei uns.

Also, bevor du dein Pferd heute besuchst, nimm dir doch mal einen Moment, um fünf Mal bewusst und in den Bauch ein- und auszuatmen (ganz klassisch: EIN. AUS. EIN. AUS. EIN. AUS. EIN. AUS. EIN. AUS. – eine unschlagbare Geheimwaffe, um Tempo rauszunehmen) und dich dann zu fragen:

Wie gehst du heute in die Verbindung mit deinem Pferd hinein?

Welche Art Verbindung möchtest du schaffen, und wie kannst du dich schon jetzt dafür ausrichten?

Welche Absicht verfolgst du? Was wollt ihr gemeinsam tun, aber noch viel wichtiger: Wie wollt ihr gemeinsam sein?

Damit keiner von beiden ein schales Gefühl zurückbehält und echte Verbindung möglich sein kann. (Wetten, dass die “Sprachbarriere” zwischen Pferd und Mensch so auch leichter überwindbar wird?)

Was lerne ich daraus nun für mein nächstes Treffen mit Boris? 1. Eine klare Intention setzen für einen entspannten Abend und ein echtes Gespräch. 2. Atmen. Vorher, währenddessen, nachher. 3. Eigenen ruhigen Takt für mein Nervensystem finden, ihn halten und gucken, ob Boris mit mir runterschwingt (anstatt ich mit ihm hoch), dies evtl. mit einer entsprechenden Atmosphäre unterstützen.

Also, bei einem Pferd würde das gut funktionieren. Mal sehen, wie das bei Boris ist… 🙂

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.