Warum der Atem ein Zaubermittel für jeden Reiter ist

19.Mai 2020 | Gedanken

Stell dir vor, es gibt ein Mittel, das dir sofort hilft, aufgerichteter, lockerer, freier und zugleich zentrierter im Sattel zu sitzen, weicher mit den Bewegungen des Pferdes mitzugehen. Das deine Gedanken beruhigt und deinen Körper entspannt. Das es dir ermöglicht, dich direkt mit dem Pferd zu synchronisieren… Würdest du es kaufen? Was würdest du dafür zahlen?

Die schlechte Nachricht: Dieses Mittel kannst du nicht kaufen. Die gute: Du hast es bereits. Es steht dir immer, überall und unbegrenzt zur Verfügung, solange du lebst: Es ist dein Atem. 

Das meist unterschätzte Hilfsmittel im Sattel

Der Atem ist das wahrscheinlich am meisten unterschätzte und vernachlässigte Hilfsmittel, das uns als Reitern zur Verfügung steht. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass jeder, der sich mit dem Thema noch nicht befasst hat, natürlich verführt ist zu denken: „Atmen – kann ich doch. Oder!?“ Die Antwort darauf lautet für die meisten von uns: Ja und nein. Natürlich atmen wir, auch beim Reiten, sonst würden wir ziemlich schnell blau anlaufen und vom Pferd fallen. Aber atmen wir beim Reiten „natürlich“? Nutzen wir den Atem so, wie er gedacht ist? Kann er so frei fließen, dass er seine natürliche Funktion ausfüllen kann? Oder kommen ihm vielleicht doch oft unser Kopf oder unsere Bewegungsmuster dazwischen, so dass wir dazu neigen, die Atmung auf ein (buchstäbliches) Existenz-Minimum zu beschränken…? Das geht uns doch allen manchmal so. Was wir dabei jedoch meist nicht direkt merken: Wir reiten uns damit in immer mehr Anspannung hinein. Wenn wir jedoch lernen, mit der Atmung zu arbeiten anstatt gegen sie, können wir diese Anspannung lösen und zunehmend frei und entspannt reiten. 

Der Atem gilt im Yoga als „Brücke zwischen Kopf und Körper“. Der Satz „Zeig mir wie du atmest, und ich sag dir wer du bist – oder zumindest, wie du dich gerade fühlst“ stimmt wirklich. Die Atmung reagiert auf unsere Emotionen, unsere Gedanken und unsere körperliche Verfassung. Alles ist eins. Wenn wir angespannt sind, atmen wir automatisch flach und kurz oder halten den Atem sogar regelmäßig. Das Spannende: Das funktioniert auch andersherum. Wenn wir unsere Atmung aktiv verändern, verändert sich in kürzester Zeit auch unsere Gedanken- und Gefühlswelt und unser körperliches Empfinden. Und wenn wir uns anders fühlen, sind wir anders und reiten natürlich auch anders.

Warum ist das so? Der Atem ist Teil unseres autonomen (oder auch: vegetativen) Nervensystems. „Autonom“ ist dieses System insofern, als dass es selbstständig und ohne unser bewusstes Zutun arbeitet. Das ist auch gut so, denn darin hängen lebenswichtige Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung und Stoffwechsel, die sich besser nicht auf unsere ständige Aufmerksamkeit verlassen sollten. Auf die meisten dieser Funktionen haben wir, auch wenn wir uns Mühe geben, wenig Einfluss. Eine große Ausnahme bildet die Atmung: Sie läuft von alleine, jederzeit, auch wenn wir schlafen und sogar, wenn wir bewusstlos sind – und doch können wir sie auch aktiv beeinflussen. Und mit ihr unser gesamtes autonomes Nervensystem, denn wie alle Systeme im Körper, ist auch das autonome Nervensystem so eng miteinander verbunden, dass es quasi eins ist.

Zeige mir die du atmest und ich sage dir, wie du reitest

Durch die Möglichkeit, die Atmung zu beeinflussen, haben wir also einen Zugang zu unserer Gesamtverfassung, der wahnsinnig wirkungsvoll sein kann. Wir haben plötzlich Einfluss auf unseren Muskeltonus, unseren Herzschlag, die Funktionsfähigkeit unserer Verdauung, unseren Blutdruck, und, für mich das Spannendste: das Zusammenspiel von sympathischem („Fight, Flight or Freeze“ Modus) und parasympathischem (Ruhe- und Verdauungsmodus) Nervensystems und dem Gehirn über den Vagusnerv. Ob wir uns entspannt fühlen, ob wir Angst haben, ob wir unruhig sind oder zufrieden – von all dem erzählt die Atmung einerseits, umgekehrt kann die Atmung aber auch steuernde Informationen ins System „flüstern“, die unseren Zustand verändern. 

Die Atmung hilft uns außerdem, uns von innen heraus aufzurichten: Wenn wir unsere gesamten Lungen richtig einsetzen lernen, richten wir uns automatisch auf, sind voll wach und einsatzfähig – das ist von der Natur so gedacht. Außerdem hilft uns die Atmung, unsere Körperwahrnehmung zu schulen. Dies ist ebenfalls maßgeblich wichtig für unsere Körpersprache und unseren Sitz im Sattel. Nichts hilft uns so schnell, unseren Körper zu fühlen, wie die Konzentration auf die Atmung. Das kennst du wahrscheinlich aus Momenten, in denen wir außer Atem sind und Atem und Körper plötzlich sehr deutlich spürbar sind. Es funktioniert aber auch, wenn wir sie bewusst suchen.

Aus all diesen und noch weiteren Gründen bietet sie uns einen einzigartigen Hebel für (fast) alle Probleme, die beim Reiten auftauchen. Findest du dich bei einem der folgenden Themen wieder? Dann lohnt es sich, mal einen Blick auf die Atmung zu werfen:

Der Atem beeinflusst jeden Aspekt deines Sitzes – und hilft bei (fast) jedem Problem

  • Du fühlst dich beim Reiten fest
  • du fällst leicht nach vorne oder hinten
  • du merkst, dass du angespannt bist und „nicht richtig zum Sitzen kommst“
  • dein Rücken wird leicht rund oder du sitzt im „Hohlkreuz“
  • du ziehst deine Fersen hoch
  • deine Schultern fallen nach vorne
  • dein Pferd stockt oft unter dir oder wird fest
  • dein Pferd erschreckt sich leicht
  • eure gemeinsame Bewegung „fließt“ irgendwie nicht…
  • …. 

…fast alle Sitzfehler und Reitprobleme haben direkt oder indirekt mit deiner Atmung zu tun. Aus diesem Grund ist der Atem auch das Thema, an dem ich mit Reitern in den 18 Jahren, in denen ich Reitern Kommunikation mit ihren Pferden unterrichte, am allermeisten gearbeitet habe. Es ist das Thema, das bei den Amanda-Barton-Kursen IMMER zur Sprache kommt. Und es ist das Thema, das auch Mark Rashid mit Reitern auf der ganzen Welt mit als Allererstes bearbeitet. Gerade neulich habe ich ihn wieder sagen hören, dass „der Atem das allerwichtigste“ sei, der Hebel zu allem, was wir erreichen wollen. Weil mit dem Atem buchstäblich alles beginnt – und alles endet.

Wie atme ich denn richtig im Sattel? Nun, die Antwort lautet, wie so oft: Es kommt drauf an. Es kommt darauf an, wie wir jetzt atmen und was wir erreichen wollen. Schwerer als die Atemtechnik selbst ist es aber, das Atmen nicht gleich wieder zu vergessen und damit sich direkt wieder selbst zu überlassen. Das liegt daran, dass wir als Menschen dazu neigen, sehr „in unserem Kopf“ und deutlich weniger „in unserem Körper zu sein“. Wir fühlen unseren Körper oft einfach nicht so sehr, wenn wir nicht gerade darauf achten oder uns darauf geschult haben – oder er weh tut und so nach Aufmerksamkeit schreit.

Hallo Atem, was machst du denn so?

Ein schöner erster Schritt das nachhaltig zu ändern, ist die Bewusstwerdung, ein Kennenlernen des eigenen Atems. Dafür gibt es unterschiedliche Arten. Hier sind zwei:

1. Den Atem kennenlernen – Für Menschen, die gerne fühlen.

Mach dir bewusst, wie du atmest, indem du den Atem fühlen übst. Nimm dir dafür – vielleicht sogar jetzt gleich – einen Moment Zeit. Nimm wahr, wie du jetzt gerade atmest. Versuche, die Atmung nicht zu manipulieren (das ist recht schwer, wenn du dich drauf konzentrierst. Versuch es einfach trotzdem) und einfach wahrzunehmen, wo du sie fühlen kannst. An deiner Nasenspitze? In deiner Kehle bzw. Luftröhre? Im Brustraum? Im Bauch? Im Rücken? In den Fingerspitzen? Ist der Atem warm oder kalt? Weich oder kratzend? Schnell oder langsam? Ist die Ein- oder die Ausatmung länger? Beobachte ein paar Atemzüge (idealerweise 3-5 Minuten), wie die Atmung ein- und ausströmt. Bleib in der Wahrnehmung und optimiere nichts.

Wiederhole diese Übung anfangs 3 x täglich. Überlege dir am Besten direkt, in welchen Momenten du diesen kurzen Wahrnehmungsmoment wiederholen kannst: Im Auto an roten Ampeln, beim Warmreiten auf dem Pferd, beim Spazierengehen etc. Und dann gib dir das Versprechen, das auch zu tun. 💪 Nach einer Weile, wird es immer einfacher werden, „Kontakt“ mit der Atmung aufzunehmen und nebenbei auch den Körper besser zu fühlen. Damit hast die Grundlage geschaffen, den Atem zu steuern bzw. weiter loszulassen und ihn für unterschiedliche Zielsetzungen zu nutzen und deine Körperwahrnehmung verbessert. Und vielleicht merkst du auch, dass dich alleine die Wahrnehmung der Atmung etwas entspannen kann (zumindest wenn du den Wunsch vergessen kannst, in irgendeiner Form „richtig“ oder „gut“ zu atmen – beides gibt es nicht und ist hier auch nicht gefragt.). 

2. Den Atem kennenlernen – Für Zahlenliebhaber und pragmatische Analysten. 

Das Pulsmessen kennen wir, den Blutdruck messen wir manchmal auch, aber wie oft „messen“ wir die Atmung? Normal sind für einen Erwachsenen etwa 12-15 Atemzüge pro Minute, viele Menschen atmen jedoch schneller und damit flacher – wünschenswert wäre vielleicht sogar ein noch etwas niedrigerer Schnitt. Nimm dir einmal den Timer deines Handys und stelle ihn auf 3 Minuten. Atme aus, starte dann den Timer und zähle mithilfe einer Strichliste deine Atemzüge. Nach drei Minuten stoppt den Timer, schreib dir dann die Zahl auf und teile sie durch 3. (Wir nehmen hier 3 Minuten, damit du eine Chance hast, in einen natürlicheren Atemrhythmus zu finden als in 1 Minute.) Wie viele Atemzüge hast du pro Minute gemacht? Wenn du minütlich weniger als 12 Atemzüge gemacht hast: Super! Das zeigt einfach, dass du langsam atmest (oder dass du dir gerade Mühe gibst, langsam zu atmen.) Ein „zu langsam“ gibt es nicht. Wiederhole diese Übung an unterschiedlichen Tagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten und in unterschiedlichen Situationen (gerne auch auf dem Pferd) und notiere diese jeweils dazu. Schau, ob du Veränderungen und Muster beobachten kannst.

Nach einer Weile wird es immer einfacher werden, „Kontakt“ mit der Atmung aufzunehmen. Du wirst immer leichter wahrnehmen, wie du atmest und darüber auch Rückschlüsse auf deinen Gesamtzustand nehmen können. Wann spannst du dich an, wann entspannst du? Was ist angenehm (und vertieft die Atmung tendenziell), was nicht? Und auf dieser Grundlage kannst dann wunderbar lernen, deinen Atem positiv zu beeinflussen, ihn zu vertiefen und damit selbst Einfluss auf deinen mentalen und körperlichen Zustand zu nehmen.

Der Blick auf die Atmung lohnt sich – auch im Sinne deines Pferdes

Wenn du eine der Übungen auf oder neben dem Pferd ausprobiert hast: Hat es angefangen zu schnauben oder tief durchzuatmen, während du dich auf deine Atmung konzentriert hast? Das ist kein Zufall. Unsere Pferde wissen in jedem Moment wie wir atmen und reagieren unmittelbar darauf – durch ihre Reaktionen aber auch in der Art, wie sie sich selbst fühlen. Wenn wir selbst angespannt sind (und entsprechend atmen), können wir unsere Gesellschaft für die Pferde sehr unangenehm machen. Wenn wir selbst entspannt sind (und entsprechend ruhiger atmen), geht es unseren Pferden auch mit uns besser.

Je besser wir den Atem wahrnehmen, desto leichter fällt es uns, ihn im Laufe der Zeit auch zu steuern und „zu öffnen“, d.h. freier zu atmen – im Leben und auf dem Pferd. Wir können dann lernen, in Körperregionen zu atmen, die wir lösen wollen. Uns über die Atmung aufzurichten oder zu entspannen. Energie in den Körper zu holen oder Stress und Anspannung abzubauen. Uns näher zum Pferd zu holen. Die Atmung bietet für jeden von uns das Potenzial, uns in die Richtung weiterzuentwickeln, die uns gut tut. Wir müssen nur lernen, es zu nutzen.

Du hast konkrete Fragen dazu? Dann schreib mir gern. Das Thema liegt mir so am Herzen, dass ich mir sehr wünsche, jedem, der Interesse hat, hier weiterzuhelfen. Ansonsten werde ich bemühen, euch immer mal kleine Wissenshappen dazu „zuzuwerfen“. Vielleicht kann ich den ein oder anderen ja auch so für das Thema „anfüttern“. 🙂 Vielleicht hast du aber auch schon Lust auf einen Workshop zum Thema…?

Du möchtest mehr über die Atmung beim Reiten erfahren? 

Während der Corona-Zeit habe ich einen zweistündigen Online-Workshop zum Thema Atmung für Reiter kreiert, den ich nun einmal im Monat unkompliziert über eine Online-Video-Konferenz unterrichte. Für diesen habe ich einmal alles zusammengetragen, was Reiter über den Atem wissen sollten (und in zwei Stunden lernen können). Einfluss haben nicht nur meine eigenen Erfahrungen und die mit vielen Reitern, sondern auch diverse Ausbildungen und Seminare, die ich zu dem Thema besuchen durfte. Der Kurs läuft unter „Entspannt und frei im Sattel – Wundermittel Atmung“. Meld dich gleich an! Die aktuellen Termine findest du hier.

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.

X
X