„Wir müssen die Pferde verstehen lernen“ – Interview mit Mark Rashid

„Wir müssen die Pferde verstehen lernen“ – Interview mit Mark Rashid

Mark Rashid ist mit Büchern mit Titeln wie „Der auf die Pferde hört“, „Der die Pferde kennt“ und „Denn Pferde lügen nicht“ bekannt geworden. Die Kommunikation mit Pferden ist das Thema, das ihn seit Jahrzehnten fasziniert und in dem er seit Jahren neue Impulse in die Pferdewelt bringt. Ich habe mit ihm über die Hindernisse gesprochen, die er zwischen Menschen und Pferden oft sieht und den Weg zueinander. Außerdem hat er mir erzählt, warum ihm die japanische Kampfkunst Aikido dabei hilft. Viel Spaß mit dem Interview!

In verkürzter Form ist es bereits in der FEINE HILFEN, Ausgabe 38, erschienen. Hier bekommt ihr einmal den „Director’s Cut“ – die ausführliche Fassung, die ich euch aufgrund ihres hohen Informationsgehalts nicht vorenthalten möchte. 🙂

„Die meisten Pferde wollen lernen und richtig reagieren. Aber wir müssen es ihnen so erklären, dass sie es verstehen können.“ – Mark Rashid

Daniela Kämmerer (DK): Das ist ein bekanntes Zitat von dir. Was meinst du damit? Was für Bedingungen müssen wir schaffen, damit das Pferd uns verstehen kann?

Mark Rashid: Das Allerwichtigste ist, dass wir unsere Pferde außerhalb ihres sympathischen Nervensystems halten. Nur so können sie uns verstehen und lernen. Das sympathische Nervensystem aktiviert instinktives Verhalten wie Kampf, Flucht oder die Freeze-Reaktion, eine Schockstarre. Wenn das Pferd Angst hat oder sich nicht sicher fühlt – aus welchem Grund auch immer – werden diese instinktiven Verhaltensweisen automatisch aktiviert, und ein Lernen wird unmöglich.

Wenn wir das Stressniveau jedoch maximal niedrig halten, lassen wir die Pferde in ihrem parasympathischen Nervensystem, dem Ruhe-, Verdauungs- und Entspannungssystem. Pferden fällt es ungleich leichter, Informationen aufzunehmen und zu verstehen, wenn sie in einem entspannten, neugierigen Zustand sind, als wenn sie gerade nervös oder angespannt sind.

DK: Das ist ja bei uns nicht anders. Und trotzdem beobachtet man im Training auch oft stressige Szenen. Du positionierst dich schon Langem gegen dominante Trainingsformen und gebrauchst stattdessen den Begriff „Passive Führung“. Was genau steckt für dich hinter diesem Konzept und welchen Einfluss hat es auf unseren Umgang mit dem Pferd?

Mark Rashid: Eines der größten Probleme im Pferdebereich ist, dass die Menschen lernen wollen, wie sie das „Alpha-Pferd“ sein können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jedes Pferd sich einen Menschen angucken kann und weiß, „Pffft, das ist kein Pferd.“ Außerdem wird der Begriff der Führung unter Pferden oft falsch verstanden.

„Der Begriff der Führung unter Pferden wird oft falsch verstanden.“ – Mark Rashid

Pferdeherden werden durch zwei unterschiedliche Dynamiken gesteuert. Die erste ist die Herdendynamik in einer tatsächlich wild lebenden Herde. Die zweite ist die Dynamik unter unseren domestizierten Pferden. Ich hatte das Glück, mit wild lebenden Pferden auf der ganzen Welt arbeiten und sie beobachten zu dürfen, und die Herdendynamiken sind immer dieselben: Alle Pferde verhalten sich grundsätzlich sehr ruhig, außer während der Decksaison. Denn das Hauptziel einer Pferdeherde ist, wie bei jeder anderen Tierart auch, die Fortpflanzung. Darüber hinaus ist es für die Pferde wichtig, sich ruhig zu verhalten, da sie ja die Aufmerksamkeit von Raubtieren nicht auf sich lenken wollen. Das heißt unnötiger Energieaufwand, unnötige Bewegung werden weitestgehend vermieden.

Die Dynamik innerhalb der Herden sieht ebenfalls immer ähnlich aus. Nehmen wir beispielsweise an, wir haben eine Herde mit einem Hengst und neun Stuten. Unter diesen Stuten sind drei ranghoch, drei in der Mitte der Rangordnung und drei rangniedrig. Die drei am oberen Ende sind normalerweise in diese Position hineingeboren worden, weil ihre Mutterstuten die gleiche Rolle hatten, ebenso bereits ihre Großmütter usw., und auch ihre Töchter werden irgendwann ziemlich genau denselben Platz in der Herde einnehmen. Am unteren Ende der Rangordnung passiert genau dasselbe: Es gibt die unteren drei, und ihre Fohlen werden wieder als die unteren drei geboren werden usw..

Am meisten Bewegung gibt es unter den mittleren drei Stuten. Dabei handelt es sich normalerweise um Stuten, die noch relativ neu in der Herde sind, die vielleicht von einem Hengst mitgebracht wurden, der die Herde inzwischen verlassen hat (normalerweise würde sie dann mit ihm gehen, aber nicht immer), und die daher keinen festen Platz haben. Hier kommt es manchmal, nicht sehr oft, zu Auseinandersetzungen unter den Stuten, die der Hengst dann aber beendet, wenn sie ausarten.

Das heißt aber, diese echten Rangordnungsrangeleien und -kämpfe, von denen wir Menschen oft sprechen, existieren in einer natürlichen Herde nicht. Jeder kennt seinen Platz, da er gewöhnlich bereits hineingeboren wird. Und wenn doch mal einer kämpft, dann zur Decksaison und dann meist der Hengst.

In der Wildness gibt es keinen Grund, sich um Futter oder Wasser zu streiten, denn es ist immer genug für alle da. Eigentlich gibt es gar keinen richtigen Grund für Auseinandersetzungen.

Wenn wir aber auf domestizierte Herden schauen, sieht es ganz anders aus. In den allermeisten Fällen dreht sich die Herdendynamik nicht mehr um Fortpflanzung, sondern um Futter. Denn hier herrscht meist ein Mangel, weil wir z.B. nur zu bestimmten Tageszeiten füttern. Und hier kann man dann die Kämpfe beobachten: Zu den Futterzeiten beginnen die Pferde nun, einander zu verjagen.

Allerdings ist oftmals der „Jagende“ gar kein Pferd, das sich durch besonders großes Selbstbewusstsein auszeichnet. Vielmehr ist es oft genau dieses Pferd, das den Kopf verliert, wenn der Rest der Herde weggeführt wird, das sich bei Ausritten leicht erschreckt usw.. Aber was wir sehen, ist: Er verjagt die anderen Pferde, also muss er wohl der Chef sein. Wenn in Wirklichkeit eher das Gegenteil der Fall ist.

Ein Großteil des Pferdetrainings basiert also auf einem falschen Verständnis von Herdendynamik: Dass du nämlich das Alpha-Pferd sein musst, das all die anderen herumschubst. In der Realität sind Pferde ganz anders gestrickt. Ihr natürlicher Zustand ist die Ruhe.

Und weil ihr Gehirn anders beschaffen ist als unseres, können sie bestimmte Konzepte nicht verstehen, die für uns selbstverständlich sind. Eines davon ist das Konzept von „Respekt“. Oft hört man Leute sagen „Das Pferd muss mich respektieren“, dabei verfügt es gar nicht über den Teil unseres Gehirns, der diese Form des abstrakten Denkens möglich macht. Unsere Pferde verstehen das Konzept von „Respekt“ einfach nicht. Und so gibt es so manche Dinge, die wir im Pferdetraining zu tun versuchen, die aber einfach nicht funktionieren. Je besser wir verstehen, wie das Tier Pferd tickt, je mehr Empathie wir für seine Natur entwickeln können, desto leichter wird der Umgang mit ihm.

Mein Freund Dr. Steven Peters sagt immer: „Wir versuchen mit dem Pferd von Frontallappen zu Frontallappen zu kommunizieren, das Problem ist aber, dass Pferde gar keinen Frontalhirnlappen haben.“ Der Frontallappen (oder auch präfrontale Cortex, Anm.d.R.) ist der Teil unseres Gehirns, der uns zu Menschen macht, in dem unser Sprachzentrum sitzt und die Fähigkeit abstrakt zu denken, der uns bis zum Mond hat reisen lassen usw.. Pferde haben diesen Teil eben nicht. Wenn wir uns das nicht bewusst machen, entstehen schnell Probleme.

(C) Crissi McDonald

DK: Wir sehen die Welt also durch unseren menschlichen Filter und dieser zeigt bestimmte Bestandteile nicht. Was können wir Menschen denn von den Pferden lernen, vielleicht auch für die Kommunikation untereinander?

Mark Rashid: Ich glaube fest daran, dass Pferde eine unendliche Menge an Informationen für uns bereithalten. Wie viel wir daraus lernen, hängt davon ab, wie offen wir sind.

DK: Welche Qualitäten sollte ein guter Pferdemensch deiner Meinung nach denn mitbringen? Was können wir tun, um unseren Pferden näher zu kommen?

Mark Rashid: In der Pferdewelt hat mir immer etwas gefehlt. Die Trainer, die ich beobachtet habe, haben oft gute Dinge gesagt, aber mir fehlte etwas auf tieferer Ebene. Dies habe ich im Aikido gefunden. Im Aikido leben meine Lehrer das, was mir bei vielen Pferdeleuten gefehlt hat. Es nennt sich „mizu no kokoro,“ was soviel heißt wie „ein Geist wie ein stilles Gewässer“.

„Im Aikido sucht man ‚einen Geist wie ein stilles Gewässer.'“

Wenn du dir einen See an einem klaren, frühen Morgen anschaust, siehst du eine perfekte Reflektion der Umgebung. Wenn du nun kleine Steine in den See wirfst, werfen diese kleine Wellen und das Bild verschwimmt. Das Trainingsziel in vielen asiatischen Kampfkünsten ist einen Geist zu entwickeln, der ist wie dieser stille, klare See am Morgen. Wenn nämlich dein Geist ruhig ist, kannst du die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Nicht verschwommen und nicht gefärbt. Wenn du im Pferdetraining verstehst, wie Pferde als Tiere ticken und sie tatsächlich mit einem ruhigen Geist sehen kannst, so wie sie sind, hilft das der Kommunikation enorm.

Es gibt Leute, die sagen „Mein Pferd hat mich abgebuckelt.“, obwohl es doch eigentlich so ist: Ihr Pferd hat gebuckelt und sie sind heruntergefallen. Das Pferd hat ihnen das nicht „angetan“. Aber wir sind vielfach geneigt, das Pferd verantwortlich zu machen. Das Pferd tut uns nicht mit Absicht etwas an. Pferde reagieren direkt auf die Art und Weise, wie sich sie gerade fühlen, es gibt für sie keine Trennung zwischen Fühlen und Handeln. Wenn wir das nicht beachten, entstehen Probleme.

Mein Kampfsport-Training hat meine Arbeit mit Pferden deutlich weitergebracht, weil es mich schult, andere Perspektiven einzunehmen. Und es lohnt sich natürlich, Menschen genauso zu behandeln.

DK: Es geht also nicht nur um innere Ruhe, sondern letztlich darum, unsere besonderen, „höheren“ Denkfähigkeiten sinnvoll einzusetzen, oder? Den Filter, den wir unterbewusst gebrauchen, bewusst zu erweitern und so unseren Kontakt mit anderen Menschen und auch Pferden, eine tiefere, bedeutungsvollere Ebene zu verleihen, als wenn wir einfach nur reagieren? Wie spannend, dass du das durch den Kampfsport gefunden hast, den viele Leute ja eher mit Karate Kid und Gewalt verbinden.

Mark Rashid: Ja. Am Ende geht es mir sowohl im Kampfsport als im Pferdetraining aber um inneren Frieden. Das ist das Ziel. Aikido bedeutet übersetzt „Weg der Harmonie“. Der Gründer O Sensei glaube fest daran, dass wenn wir inneren Frieden finden, wir uns mit dem Universum verbinden können. In einem Angriff wirst also im Grunde nicht du angegriffen, sondern das Universum. Damit ist der Angreifende schon besiegt, bevor er losgelegt hat, denn das Universum ist nicht besiegbar. Und das lässt sich auf jede Situation übertragen. Es geht darum, ruhig zu bleiben und dein Ego aus dem Spiel zu lassen.

„Im Kampfsport wie im Pferdetraining geht es am Ende um inneren Frieden.“

In Bezug auf Pferde hat mir das einfach geholfen zu verstehen, dass Pferde einfach manchmal machen, was Pferde machen, ohne dass es etwas mit mir zu tun hat. Ich kümmere mich einfach um das, was ich vor mir sehe und tue das so ruhig und „soft“ wie ich kann. Und „so soft wie ich kann“ heißt nicht immer so „soft wie ich gerne wäre“, aber es ist so soft, wie ich in dem Moment sein kann. Wenn ich von innen her ruhig bin, kann ich die Energie nach Bedarf hoch oder herunterfahren, ohne dass meine Emotionen involviert werden.

DK: “Softness” ist ein weiterer Begriff, den du viel gebrauchst. Wie definierst du diesen?

Mark Rashid: Für mich ist „Softness“ die Bereitwilligkeit und die Mühelosigkeit, die im Zusammenspiel zutage tritt, wenn zwei Individuen einander wirklich verstehen und vertrauen, seien es wir mit unseren Pferden oder auch zwei menschliche Individuen.

DK: Was steht dem denn im Wege? Welche Rolle spielt beispielsweise unsere eigene muskuläre oder auch emotionale Anspannung dabei?

Mark Rashid: Unsere eigene physische und/oder emotionale Anspannung hindern uns sehr oft daran, diese echte Softness auch von unseren Pferden zu bekommen. Emotionale Anspannung führt fast immer zu physischer Anspannung, und jeder Muskel, den wir auf dem Pferd anspannen, führt dazu, dass das Pferd denselben Muskel in seinem Körper anspannt.

Deswegen führt der Weg zu Softness im Pferd immer über die physische und emotionale Selbstkontrolle des Reiters.

Softness: Die Bereitwilligkeit und Mühelosigkeit, die entsteht, wenn zwei Individuen einander wirklich verstehen und vertrauen. Der Weg zu ihr führt über Achtsamkeit und physische und emotionale Selbstkontrolle.

DK: Das klingt schlüssig – aber auch schwierig. Was machst du denn um dich und dein Pferd „softer“ zu bekommen?

Mark Rashid: Die Antwort ist ziemlich simpel. Ich versuche einfach, bei allem, was ich tue, soft zu sein, nicht nur, wenn ich bei meinen Pferden bin. Mein Glaube ist, dass wahre Softness nichts ist, was man an- und abschalten kann. Sie begleitet dich immer oder sie tut es nicht. Ein solches Maß an „Selbst-Softness“ zu entwickeln, benötigt Zeit, Geduld und Übung – nicht nur mit Pferden und anderen Menschen, sondern auch mit uns selbst.

DK: Wie haben die vielen Jahre der Aikido-Praxis und die Arbeit mit Pferden die Art verändert, wie du deinen eigenen Körper behandelst? Hast du das Gefühl, dass die Entscheidungen, die du für dich triffst, auch fernab von den Pferden, einen Einfluss auf deinen Umgang mit ihnen hast?

Mark Rashid: Im Aikido gilt: Je mehr Kraft du benutzt, desto leichter tust du dir oder jemand anderem weh. Als engagierter Übender lernst du also schnell, wie man sich mit einem Reiz, einem Bewegungsfluss oder einer Technik bewegt, anstatt gegenan zu kämpfen. Wenn man diese Fähigkeit erstmal entwickelt hat, wird es sehr leicht, sie ins tägliche Leben zu übertragen.

Und in Bezug auf die Entscheidungen, die ich für mich im Alltag treffe und die meinen Umgang mit Pferden beeinflussen: Aus meiner Sicht gibt es keine Trennung zwischen den beiden. Die Art, wie ich meinem Alltag und wie ich meinen Pferden begegne, sind ein und dasselbe.

DK: Das ist sehr inspirierend. Du übst dich also im Umgang mit Pferden während jedes Moments deines Alltags. Gibt es trotzdem etwas, dass du tust um dich auf die Zeit mit den Pferden vorzubereiten? Irgendwelche Übungen oder Rituale?

Mark Rashid: Als ich mit Aikido begonnen habe, habe ich gemerkt, dass ich vor und während Prüfungen immer sehr nervös wurde. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass meine Nervosität daher kam, dass ich die Techniken zwar gelernt haben, sie aber nicht wirklich internalisiert habe. Sie waren nicht Teil von mir. Ich wusste etwas musste sich verändern. Mein Trainingspraxis musste so sehr Teil meiner Person werden, dass es keine Trennung mehr gibt zwischen meinem Training und der Art wie ich mein Leben lebe. Ich musste es also ernster nehmen. Also begann ich, jede Trainingsstunde so ernst zu nehmen, als handelte es sich um eine Prüfung. Als dann tatsächlich meine nächste Prüfung anstand (und jede die darauf folgte), fühlte ich mich sicher genug in meinen Fähigkeiten und meinem Wissen, um ohne den leisesten Anflug von Nervosität durch die Prüfung zu kommen.

Genauso halte ich es auch mit dem Umgang mit Pferden. Jedes Mal, wenn ich mit einem Pferd arbeite, sehe ich es als Prüfung an. Um mich auf die Prüfung vorzubereiten, gehe ich alles in meinem Leben genauso an, wie ich mit den Pferden sein möchte. Aus diesem Grund muss ich mich selten, aktiv auf die Pferde vorbereiten. Es passiert einfach.

(C) Crissi McDonald

DK: Bleiben wir ruhig nochmal einen Moment beim Aikido. Du unterrichtest auch spezielle „Aikido for Horsemen“ Workshops. Welche Parallelen und Gemeinsamkeiten siehst du in den beiden Disziplinen? Und was ist wichtiger: Gefühl oder Technik?

Mark Rashid: Nun, beides funktioniert gut, wenn du von innen und außen soft bist. Die Aikido-Techniken funktionieren einfach besser, wenn du soft bist, und Pferde kann man irgendwie auch ohne Softness bewegen, aber es geht einfach besser, wenn du soft bist.

„Man kann Pferde auch ohne Softness bewegen, aber es geht einfach besser, wenn du soft bist.“ – Mark Rashid

Das Erlernen von Techniken ist wichtig, aber längst nicht so wichtig, wie die Verbindung. Ich habe schon Reiter gesehen, die nicht viel konnten, aber eine großartige Verbindung mit ihrem Pferd hatten und es daher alles für sie getan hat. Ich habe auch schon Reiter gesehen, die ihr ganzes Leben geritten sind und die an ihrem Pferd ziehen, schieben und drücken. In Aikido funktionieren die Techniken ohnehin, es steht und fällt aber mit der Softness, ob wir dabei jemandem wehtun oder ihm nicht wehtun. Es gibt auch solche Techniken, bei denen du am Ende in die gleiche Richtung schaust wie dein Gegner, du siehst die Welt aus ihrer Perspektive. Im Aikido geht es vor allem darum, eine friedliche Lösung in eine potentiell gefährliche Situation zu bringen. Im Umgang mit Pferden tun wir oft dasselbe.

Im Aikido habe ich beobachtet, dass die, die richtig gut sind, auch ständig üben. Auch das ist eine Parallele zu guten Pferdeleuten und Reitern.

DK: Welche Rolle spielt Achtsamkeit dabei?

Mark Rashid: Bei allem, was wir bisher besprochen haben, geht es darum, achtsam zu sein. Es geht um Achtsamkeit und Selbstkontrolle.

DK: …Und welche die Atmung?

Mark Rashid: Die gehört immer dazu.

DK: Gibt es Unterschiede zwischen jungen, unerfahrenen Pferden und älteren, „verrittenen“ oder falsch trainierten Pferden? Woher weiß ich, ob unser Pferd vielleicht doch zu den wenigen gehört, die nicht kooperieren wollen?

Mark Rashid: Der Hauptunterschied zwischen jungen, rohen Pferden und älteren, die vielleicht unglückliche Erfahrungen gemacht haben, ist, dass junge Pferde erst sehr wenig Geschichte mit Menschen haben, so dass wir meist eine weiße Leinwand gleichen. Pferde die unglücklich trainiert worden sind, bringen diese Geschichte mit. Das heißt, oft müssen wir erstmal einen Weg finden, ihnen ein besseres Gefühl zu ihrer Vergangenheit zu geben, bevor wir mit irgendeiner Form von Training oder Neu-Training beginnen können.

DK: In deinem Buch „Finding the missed path“ unterscheidest du zwischen „Problempferden“ und Pferden, die sich problematisch verhalten. Was meinst du damit?

Mark Rashid: Im Pferdetraining geht es meist darum, ein Problem zu finden, dass wir lösen können, anstatt etwas Gutes zu finden und darauf aufzubauen. Ich finde es wichtig, hier den Blick etwas zu weiten. Natürlich hilft es, wenn wir verstehen, wie Pferde denken. Ansonsten ist das erste, was ich tue, wenn ein Pferd sich problematisch verhält, die physischen Ursachen abzuklären bzw. auszuschließen: Den Körper, die Zähne, die Hufe, die Ausrüstung usw.

Und dann finde ich in der Tat wichtig zu verstehen, dass es sich nicht um ein gefährliches Pferd handelt, sondern um gefährliches Verhalten. Das sind zwei verschiedene Dinge. In all den Jahren meiner Arbeit habe ich vielleicht ein oder zwei Pferde gesehen, die tatsächlich gefährliche Pferde waren. Ich habe aber viel gefährliches Verhalten gesehen.

Der Blick aus der Vogelperspektive lohnt sich hier wirklich: Ist es wirklich das Pferd oder ist es das Verhalten? Weil wenn es nur das Verhalten ist, kann man damit umgehen. Wenn wir ein Pferd aber erstmal in die Schublade „Problempferd“ gesteckt haben, kommen wir da nur schwer wieder heraus. Und auch das Pferd kommt dort schwer wieder heraus.

Man sieht das auch häufig bei Pferden, die eine schwere Geschichte haben. Die Menschen tragen diese Geschichte immer weiter mit sich rum, „er wurde früher misshandelt“. Aber er wird heute nicht misshandelt und wir müssen heute mit ihm arbeiten. Wenn wir mit ihm arbeiten, als wäre er ein misshandeltes Pferd, wird er immer ein misshandeltes Pferd bleiben. Aber wenn du mit ihm so arbeitest, wie du mit ihm arbeiten möchtest, wirst du mit ihm so arbeiten können. Auch wenn wir es gut meinen, ist es einfach immer wieder wichtig, mit etwas Abstand auf die Situation zu schauen.

Wir machen uns all diese Gedanken, erfinden Geschichten, während das Pferd nur so etwas denkt wie „Ich wünschte, ich würde mich einfach besser fühlen.“ 

Deine Geschichte mit deinem Pferd beginnt heute. Die Vorgeschichte, die er mitbringt, ist nicht Teil Eurer Geschichte. Denn sie ist ihm egal, denke ich. Wir machen uns all diese Gedanken, erfinden Geschichten, während das Pferd nur so etwas denkt wie „Mann, ich wünschte, ich würde mich einfach besser fühlen.“ Wenn es Pferden nicht gut geht, wollen sie einfach, dass sie sich besser fühlen. Wenn wir ihnen dabei helfen, werden sie sich besser fühlen und besser sein. Pferde sind wie Wasser, sie nehmen immer den Weg des geringsten Widerstands. Wenn sie sich nicht gut fühlen, wollen sie sich einfach besser fühlen und danach fühlen sie sich auch besser.

Wenn wir uns nicht gut fühlen, fühlen wir uns „…wirklich nicht gut!“, und dann müssen wir  jemandem erzählen, dass wir uns nicht gut fühlen. Und dann rufen wir vielleicht noch unsere Mutter an und erzählen ihr, dass wir uns nicht gut fühlen, treten vielleicht in eine Gruppe ein, um das Problem zu besprechen und zwei Jahre später fühlen wir uns vielleicht immernoch nicht besser… Pferde sind nicht so. Wenn es ihnen nicht gut geht, wollen sie sich einfach besser fühlen. Und wenn es ihnen dann besser geht, geht es ihnen wieder besser. Es ist gut, wenn wir uns selbst und dem Pferd einfach den Gefallen tun, und sie so behandeln, wie wir möchten, dass sie sich fühlen und von dort aus weitersehen. Eigentlich ist es recht simpel.

DK: Welche Rolle spielen die Hilfsmittel, die wir für die Arbeit mit den Pferden auswählen?

Mark Rashid: Ich beschränke mich für gewöhnlich auf Sattel, Trense, Halfter, Führseil und hin und wieder einer Doppellonge. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass ich mit einem oder zwei dieser Dinge eigentlich immer das kommunizieren kann, was ankommen soll.

DK: Und was würdest du Reitern raten, um unabhängiger von ihren Hilfsmitteln zu werden?

Mark Rashid: Ich denke, dass die meisten Leute überrascht wären, wieviel sie mit beinahe nichts erreichen können. Die besten Hilfsmittel für die Arbeit mit Pferden haben sie immer dabei: Ihren Körper und ihren Geist. Wenn sie diese beiden zu kontrollieren lernen, verlieren andere, physische Hilfsmittel an Bedeutung.

„Ich denke, dass die meisten Reiter überrascht wären, wieviel sie mit beinahe nichts erreichen können.“ – Mark Rashid

DK: Zum Schluss: Gibt es eine Sache, die sich am häufigsten zwischen Pferd und Reiter drängt? Etwas, dass wir alle verändern sollten?

Mark Rashid: Ja, wir tun zu viel. Zu viele Hilfen, zu viel Druck, zu viel Bein, zu viel Bewegung im Sattel. Das Pferd muss all das irgendwie ausgleichen, das erschwert ihm das Lernen. Viele Reiter benutzen fünf Hilfen um ihr Pferd zu wenden, wenn sie das Pferd doch eigentlich nur bitten müssten, zu wenden.

Egal, wo auf der Welt ich unterrichte: Mit fast allen Reitern übe ich als eines der ersten Dinge, weniger zu tun. Und fast immer sieht man sofort eine positive Veränderung im Pferd.

Wir tun als Reiter konsequent zu viel.

(C) Crissi McDonald

DK: Wow. Warum, meinst du, ist dieses „Zuviel“ so weit verbreitet?

Mark Rashid: Wir lernen das so. Ich habe mich schon mit sehr renommierten Trainern darüber unterhalten, warum sie tun was sie tun, und die Antwort klang wie aus einem Lehrbuch. Und wenn ich sie gefragt habe was sie tun, wenn all das nicht funktioniert, sagen sie oft „Nun, dann musst du mehr davon tun.“ Lauter werden, größer werden, stärker werden. So haben sie das gelernt.

Und solange das was sie tun gut funktioniert, haben wenige Leute das Bedürfnis, etwas zu verändern. Mich reizt es aber besser und besser zu werden, also übe ich es ständig. Mein großes Ziel ist, mich am Ende des Lebens für so wenige Dinge wie möglich entschuldigen zu müssen.

DK: Was würdest du einem wohlmeinenden Pferdebesitzer empfehlen, um seinen oder ihren Weg zu finden im Dschungel der unterschiedlichen Pferdetrainer, Ideen und Methoden?

Mark Rashid: Hier würde ich gerne eine Analogie heranziehen. Sagen wir, wir haben einen großen Holzblock. Und wir wollen einen Globus daraus formen. Wir würden also wohl als erstes die Ecken abschlagen. Damit haben wir dann die Form des Holzes verändert, aber auch neue Ecken geschaffen. Also schlagen wir wiederum diese Ecken ab, wieder mit dem Ergebnis, dass wir mehr Ecken haben als vorher. Jedes Mal, wenn wir die Ecken abschlagen, schaffen wir uns damit neue Arbeit. Das Gute daran ist jedoch: Wir kommen unserem Ziel langsam näher und wir werden immer besser darin, Holz zu hacken.

Wir alle sind irgendwo in diesem Prozess. Meine Empfehlung: Fangen Sie an zu suchen. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind genau da, wo Sie sein wollen: Toll. Wenn Sie etwas verändern und besser werden wollen: Suchen Sie. Das was Sie suchen, muss nicht in der Pferdewelt zu finden sein. Sie können es beim Bogenschießen, beim Paartanz, beim Yoga finden oder wie ich in der Kampfkunst. Es kann alles sein, was Körper und Geist irgendwie zusammenbringt.

Finde die Prinzipien, die sich für dich richtig anfühlen und beginne, nach ihnen zu handeln. Dann wird alles viel einfacher. Es geht nicht wirklich um die Techniken, es geht darum die richtigen Prinzipien zu finden und anzuwenden. Und sei dabei ehrlich zu dir und deinem Pferd.

„Es geht nicht wirklich um die Techniken, es geht darum, die richtigen Prinzipien zu finden und anzuwenden.“ 

Wenn Sie das berücksichtigen, wird nach und nach alles klarer und Sie werden immer weiter lernen können.

DK: Was war das letzte, was du über Mensch-Pferd-Kommunikation gelernt hast?

Mark Rashid: Das, was ich zuletzt lernen durfte und äußerst nützlich fand, waren die Erkenntnisse über die chemischen Vorgänge im und die Funktionsweise des Gehirns des Pferdes von Dr. Steven Peters, Autor des Buchs „Evidence Based Horsemanship“.

DK: Was ist dein Lieblingswort, entweder in „Menschensprache“ oder in der Kommunikation mit Pferden?

Mark Rashid: Mein Lieblingswort ist „Hmmm.“ Dabei handelt es sich um meine unwillkürliche Reaktion, wenn ein Pferd oder ein Mensch etwas tut, was ich nicht erwartet habe.

DK: Möchtest du noch etwas loswerden?

Mark Rashid: Nur danke, dass du mit dem Interview an mich gedacht hast.

DK: Wie können die Menschen mehr über dich und deine Arbeit erfahren?

Mark Rashid: Wir haben eine Webseite www.markrashid.com, eine Facebook-Seite „Considering The Horse, Mark Rashid“ sowie ein Online-Klassenzimmer über Facebook: „Considering the Horse, Mark Rashid Classroom“.

Vielen Dank, lieber Mark, für dieses inspirierende Interview.

 

Weiterführende Informationen: 

Wenn du dich für Marks Trainingsphilosophie interessierst, könnte der 2-tägige-Workshop mit seiner Assistentin Amanda Barton im September in Brunsbüttel etwas für dich sein.

Und wenn du mehr zum Thema Pferdeverhalten lernen möchtest, schau dir doch mal das Online-Seminar mit Emily Kieson und Jessie Sams an, das ich Mitte Juni organisiere. Hier lernst du, basierend auf neuesten Forschungsergebnissen, wie Pferde tatsächlich ticken – und wie wir mit ihnen eine tiefe, positive Beziehung aufbauen können.

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