Pferde lehren mich, wie man sieht – Interview mit Nahshon Cook

18.Mrz 2021 | Interview

Nahshon Cook”… sagt dir gar nichts? Das ging mir vor ein paar Wochen auch so. Bis ich ein Podcast-Interview mit ihm gehört habe und wusste: Ich möchte diesen Menschen in unsere deutschsprachige Pferdewelt holen. Coolerweise stand er mir direkt für ein Gespräch bereit. Und mein Eindruck wurde bestätigt: Selten habe ich jemanden getroffen, der das feine Zusammenspiel zwischen Pferd und Mensch in so wunderschöne und zugleich weise Worte fassen kann, wie Nahshon Cook es kann. Viel Spaß! 

“Was ins Auge fällt, ist das Letzte. Die meisten Leute denken, dass es das Erste ist. Aber was ins Auge fällt, ist sicher das Letzte.

Trotzdem möchte ich keine Gewohnheit daraus machen, die Zukunft vorauszusehen. Stattdessen versuche ich mit dem zu arbeiten, was ist. Ich mag es nicht zu spekulieren, weil ich genug weiß, um zu wissen, was ich nicht weiß – und es gibt noch eine Menge, was ich nicht weiß. Was ich jedoch weiß, ist, dass die Lektion manchmal darin besteht, zu akzeptieren, dass ein Pferd jenseits meiner Erwartung, wie ich denke, dass es sein sollte, agiert und dass dies trotzdem ausreicht.

Zum Beispiel: Ich habe ein Pferd, mein junges Pferd Remi, das sieben Jahre alt ist und ein wirklich schreckliches Trauma an einem seiner Bänder im Rücken hatte. Er ist eingefahren und ich möchte ihn reiten, aber er möchte nicht geritten werden, und deshalb werde ich es nicht tun. Er ist geheilt. Sein Körper ist in Ordnung. Aber mental ist er es nicht und er kann es auch nie sein. Und was mache ich damit, außer zu verstehen, dass eine Heilung manchmal ganz anders sein kann, als eine Heilung.

Zunächst geht es also darum, offen zu sein für alles, was die Antwort sein mag. Unabhängig von unserem Wunsch und dem, wie wir denken, dass es sein sollte. Das “Sollte” ist die Erwartung, und wenn wir mit einer Erwartung hineingehen, dann sehen wir in Wahrheit nicht mit Augen, die sehen wollen, was gesehen werden soll.

Und ich höre, was du sagst, und ich stimme zu. Ich weiß, wie man in diesem Raum bleibt. Ich lebe aus diesem Raum heraus und so: Wenn ich Angst habe und Zweifel und Negativität versuchen, mich davonlaufen zu lassen und mich vor der Welt zu verstecken, atme ich so tief ich kann in meine Liebe zu diesem Leben ein, voller Bewusstsein und Hingabe, damit ich einen klaren Verstand habe, um präsent zu sein, ein mutiges Herz, um verletzlich zu sein, und einen Glauben, der einfach genug ist, um absichtlich zuzuhören, damit Pferde weiterhin meine Hilfe auf dem Weg sein können.

Um es zu bewahren, muss man die Kraft haben, es nicht zu festzuhalten und es kommen zu lassen, wenn man es braucht. Wenn du immer das willst, was du schon hattest, bekommst du nicht das, was du brauchst. Und jede Situation ist so unglaublich anders, weil jedes Pferd uns auf so viele verschiedene Arten führt.

Es ist schwierig zu lernen, diesem Prozess zu vertrauen. Die meisten Leute wollen es so sehr, dass sie es verpassen. Hier haben viele Menschen große Probleme: Sie wollen es so sehr, dass sie sich zu sehr anstrengen, anstatt zu erkennen, dass sie es nur akzeptieren müssen. Hilfe von Pferden ist nicht etwas, das du bekommst, sondern etwas, das du empfängst und etwas, das nur so real ist, wie du es glaubst.” – Nahshon Cook auf seiner Facebook-Seite, am 7. März 2021

Wenn es dir nach dem Lesen dieses Texts geht, wie Alexa Linton in ihrem Interview mit Nahshon Cook in ihrem Whole Horse Podcast (in dem ich auch schon zu Gast sein durfte) und Warwick Schiller in seinem Journey On Podcast und wie mir, als ich diese Interviews gehört habe, schwirrt dein Kopf jetzt ein kleines Bisschen. Du bist fasziniert, etwas sprachlos und fühlst dich einer höheren Wahrheit auf angenehme Art gleich etwas näher. 

Nahshon Cook ist ein Horseman und Poet aus Colorado. Sein Interview bei Warwick Schiller hat ihn vor Kurzem zu einer neuen Bekanntheit gebracht. Seine Texte, die er auf Facebook schreibt, Trainingsberichte und Gedanken zum Leben und zum Zusammensein zwischen Pferd und Mensch, erreichen inzwischen viele Menschen auf der ganzen Welt. 

Damit es noch mehr werden, habe ich ihn direkt angeschrieben und um ein Interview gebeten. Dass er sofort dabei war, ist ein großes Glück, für mich, aber auch für uns alle. Seine Antworten helfen nicht nur, ihn, seine Sicht auf das Leben und seine Arbeit besser zu verstehen, sie liefern auch denselben Beiklang universeller Wahrheiten und einer tiefen Weisheit, der mich auch schon in den Interviews berührt hat. Sie bringen uns vom Denken, ins Fühlen – und das ist genau das, was uns allen so gut tut und wo uns unsere Pferde am allerbesten gebrauchen können.

Ich freue mich, wenn wir noch viel mehr von diesem Blick auf das Leben und die Pferde mitnehmen können, wenn es normaler wird, das wir uns von unseren Pferden das Fühlen und damit auch einen anderen Blick auf das Leben lehren zu lassen. In ihnen haben wir so großartige Lehrmeister in unseren Leben – und doch hilft es manchmal, durch die Augen eines anderen zu schauen, um das zu erkennen. 

Meine Damen und Herren, Nahshon Cook. 

Interview mit Nahshon Cook

Was bedeutet Horsemanship für dich?

– Für mich bedeutet Horsemanship, Pferden zuzuhören und mit ihnen (so gut wir können) so zu arbeiten, dass sie sich sicher genug fühlen uns zu zeigen, wie sie lernen. 

Was ist deiner Meinung nach der häufigste Fehler, den Menschen mit Pferden machen? 

-Nicht zu verstehen, dass die Energie der bedingungslosen Liebe Vertrauen schafft. 

Was machst du als erstes, wenn du ein neues Pferd triffst? Wenn du Zeit und Raum hast, dein Ding zu machen? 

-Ich biete ihnen ein Leckerlie an, wenn ich kann. Das Futter hilft Pferden, sich sicher zu fühlen. Und dann dürfen sie mich beriechen. Danach frage ich sie, wie ich ihnen helfen kann.

Was fasziniert dich am meisten an der klassischen Dressur und sogar an den Schulen über dem Boden, die du unterrichtest? 

-Ich habe mich in die klassische Dressur verliebt, nachdem ich gelesen hatte, wie Meister wie Egon von Niendorff und Nuno Oliveira Pferde, deren Körper und Geist gebrochen waren, mit den Bewegungen und Schullektionen heilten. 

Das Potenzial, klassische Dressur als Werkzeug zur Heilung von Pferden zu verwenden, ist der Grund, warum ich übe. Klassische Dressur ist für mich Medizin. Ich bin nicht so gut wie sie, aber ich hoffe, es eines Tages zu sein.

Was ist das Letzte, was du (über Pferde oder allgemein) gelernt hast, und das dich erstaunt hat?

– Dass meine Praxis und Arbeit mit Pferden und die Liebe darin für so viele verschiedene Arten von Menschen so interessant sind. 

Was machst du, wenn du mit einem Pferd Probleme hast, dich von deiner besten Seite zu zeigen? 

– Mit meinen eigenen Pferde würde ich an einem solchen Tag nichts machen. Sie vielleicht nur an der Hand um die Farm führen. Wenn es ein Kundenpferd ist, mache ich leichte Arbeit. Vielleicht nehmen wir uns dann einen zusätzlichen Tag, an dem wir Spiele spielen, oder eine Wiederholung von etwas, das für sie sehr einfach ist … Aber ich würde sie nicht reiten. Allerdings habe ich, ehrlich gesagt, nicht viele dieser Tage.

Außerdem haben meine Pferde einen ziemlich ausgewogenen Trainingsplan. Sie üben zweimal pro Woche Dressur vom Boden aus, wir machen einmal pro Woche Podestübungen, wir haben einmal pro Woche einen Spieltag und sie werden zweimal pro Woche geritten. Es gibt also viel Raum in unserem Zeitplan, um sich zu entspannen, loszulassen und Spaß zu haben. Die Vielfalt hilft uns allen, unser Bestes für einander zu geben. 

Welche Bücher empfiehlst du, die dazu beitragen können, dass Pferdeleute besser zuhören und/oder das Pferd besser verstehen?

– “Horse Brain Human Brain” Von Janet L. Jones ist das neueste Buch, das ich gelesen habe und empfehlen würde. Ich mag auch Jutta Wiemers Buch „From Leading to Liberty“ sehr (das Buch habe ich auf Deutsch tatsächlich nicht gefunden, Anm. d. Ü.)

“Menschen behandeln ihre Pferde besser, wenn sie inneren Frieden haben.”

Hast du eine Vision für die Pferdewelt? Gibt es etwas, das dich beunruhigt?

– Menschen behandeln ihre Pferde besser, wenn sie inneren Frieden haben. Wie wir uns um unsere Pferde kümmern, ist ein Spiegelbild der Herzen. Ich möchte mehr Menschen helfen, inneren Frieden zu finden. Die Praxis, offen dafür zu sein, dass es immer einen besseren Weg gibt, ist ein wunderbares Werkzeug, um uns zu helfen, das Beste für unsere Pferde zu sein. 

Ich habe dich sagen hören, dass du von einem tiefen Vertrauen ins Leben geführt wirst. Wie hast du dieses gefunden? 

– Meine Mutter hat mir beigebracht, wie ich meinem Herzen vertrauen kann. Und mein Herz lehrte mich, dem Leben zu vertrauen. 

Hast du eine persönliche Praxis jeglicher Art, abgesehen von deiner Arbeit mit Pferden, die dir hilft, dich zu zentrieren und deinen Geist und dein Herz zu „klären“? Wie entspannst du dich? 

-Ja, ich übe viel. Ich liebe es, zu schreiben. Ich liebe es, zu lesen und habe super-nerdige Gespräche mit meinem Freund. Ich mag es, mit meiner Mutter, meinen Geschwistern und meinen Nichten zusammen zu sein. Ich genieße es auch, einfach nur schweigend zu sitzen. 

Es hilft mir, mich sicher zu fühlen, so wie ich mich in den Umarmungen meiner Oma sicher gefühlt habe, als ich ein kleiner Junge war. 

Welcher spirituellen Weg zieht dich am meisten an?  

-Diese Frage ließ mich an dieses Zitat denken: „Nun, während ich hier bin, mache ich die Arbeit – und was ist die Arbeit? Des Schmerz des Lebens zu lindern. Alles andere, trunkene Zeichensprache.“ – Allen Ginsberg.

Ich glaube, dass dies der spirituelle Weg ist, auf dem ich bin.

Welche Überzeugungen, Verhaltensweisen oder Gewohnheiten, die du in den letzten Jahren integriert hast, haben dein Leben am positivsten verändert? 

Nun, um ganz ehrlich zu sein, war es im Bereich meiner Arbeit eine wunderbare Sache, einen eigenen Hof zu haben. 

Die Lernfähigkeit eines Pferdes ergibt sich aus der Pflege, die es erhält. Ich bin wirklich froh, dass ich die vollständige Kontrolle über ihre Routinen habe und dass ich das Leben für sie so positiv und vorhersehbar wie möglich machen kann. Dies war der Schlüssel zum Fortschritt. 

Wo und wann fühlst du dich am meisten verbunden?

-Wenn ich präsent bin.

Wer und was inspiriert dich? 

-Wunderschöne Kunst. Mit Pferden zusammen zu sein – sie bringen mir bei, wie man sieht. 

Was ist dein Lieblingswort und warum? 

-Liebe ist mein Lieblingswort. Liebe ist groß. Die Welt ist klein. 

Was ist deine Lieblingsansicht? 

Vorwärts und aufwärts und immer vorwärts. 

Hast du Lust, mal wieder nach Deutschland kommen, wenn es wieder möglich ist? 

-Ich würde gerne wieder nach Deutschland kommen. Es ist wirklich schön dort.

Wenn du mehr von Nahshon Cook lesen möchtest, schau mal auf seiner Facebook-Seite vorbei.  Dort findest du die Texte natürlich im englischen Original. Das Interview findest du wiederum hier auf englisch.

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.