Von guten und schlechten Bildern – Ein Wochenende mit Amanda Barton

22.Jun 2015 | Kursbericht

Amanda Barton erklärt die Macht der Bilder“Wir müssen die negativen Bilder in unserem Kopf durch positive ersetzen.”
Wir alle haben sie: Eine Vorstellung von furchtbaren Erlebnissen. Erinnerungen an schreckliche Situationen, die wir einmal hatten, die vielleicht nicht immer, aber doch in bestimmten Momenten wieder zum Greifen nah in unserem Kopf sind.

Plötzlich wissen wir wieder ganz genau, wie es sich angefühlt hat, als das Pferd mit uns durchgegangen ist, wir wissen wieder genau, welcher Song im Radio lief, als wir unseren Autounfall hatten, wie die Pilzpfanne geschmeckt hat, von der uns so schlecht geworden ist.
Aber im Grunde müssen wir all das noch nicht einmal selbst erlebt haben, die meisten von uns sind ziemlich gut darin, sich solche Katastrophen einfach vorzustellen und täuschend echte Bilder dazu in unserem Kopf zu zeichnen. “Was wäre wenn… das Pferd unter mir außer Kontrolle gerät, wenn ich den Zügel locker lasse? Wenn es mich umrennt, wenn ich an einer Weide mit anderen Pferden vorbeigehe? Wenn sich andere Leute über mich lustig machen, weil ich vielleicht gerade etwas übe und noch nicht perfekt dabei aussehe?” Wie groß unsere Neigung ist, im Alltag potenzielle Stressoren zu sehen, ist sehr unterschiedlich. Aber wir alle wissen, wie schnell diese Bilder im Kopf sind, wie konkret sie sein können – und wie sehr sie lähmen.
Unser Körper unterscheidet in diesem Fall nämlich nicht zwischen real und irreal, sondern schaltet sein System vorsichtshalber schonmal auf Panik um. Die Atmung wird flacher, die Muskelspannung nimmt zu, die Fähigkeit klar zu denken ab.
Während sich diese Problematik im Alltag leicht vermeiden lässt, ist es für uns Reiter oft der Umgang mit unseren Pferden, der unsere Ängste schonungslos ins Spotlight rückt. Das ist Fluch und Segen unseres Hobbies: Es hilft uns, zu uns zu kommen, ganz wir selbst zu sein – werden dabei aber auch daran erinnert, dass wir eben nicht so perfekt sind, wie wir es in anderen Situationen vielleicht leichter vorgeben können.

Dieses war eines von vielen Themen beim Reitkurs mit Amanda Barton letztes Wochenende in Brunsbüttel. Die britische Trainerin, die jahrelang als Assistentin mit Mark Rashid unterwegs war, arbeitet viel mit inneren Bildern, um mit ihrer Hilfe und weniger mit Techniken, erstaunliche Veränderungen in Pferd und Reiter zu erreichen.
Anstatt weiterer Muskelspannung nehmen die Reiter so eine glasklare Vorstellung von ihren Zielen mit aufs Pferd – auch dadurch erhöht sich ihre Chance, diese auch zu erreichen. Und auch wenn die Bilder für jeden ein wenig anders gestaltet werden müssen, damit sie funktionieren, begrüßt das menschliche Gehirn diesen Angang sehr, eben weil es so gut im Bilder produzieren ist – positive wie negative.

In dem Kurs am Wochenende ging es nun darum, einer Reiterin ihre Angst zu nehmen. Eine wirklich beeindruckend gute, sichere Reiterin, von der ein solches Eingeständnis beinahe überraschend kommt – aber dafür umso wertvoller für sie aber auch ns Zuschauer ist, zeigt es doch: Egal, wie gut wir sind, wie sicher und entspannt wir BEINAHE alles machen können – unser Gehirn kann uns trotzdem mit Ängsten überraschen, die uns behindern können. Wir werden nie perfekt sein. Diese Erkenntnis und die Fähigkeit, sie zu akzeptieren und sich selbst diese vermeintliche Schwäche einzugestehen, ist die erste große Herausforderung.
Denn niemand kann sie uns nehmen. Und egal, wie oft wir selbst oder jemand anderes uns sagt, dass wir keine Angst haben müssen, das ungute Gefühl bleibt unverändert.

Amanda Barton geht es darum zunächst darum, das Gefühl möglichst klar zu identifizieren, sie kennenzulernen, um sie dann ganz individuell anzugehen. Wo sitzt die Angst? Wie fühlt sie sich an? Womit wäre sie vergleichbar? Ein Stein? Eine Schlange? Ein schwarzes Loch? Wie groß ist sie sie? Welche Farbe hat sie? Wie sieht das Bild aus, das man sieht? Ist es vor einem, übere einem, sieht man es aus der Ich-Perspektive? Ist es ein Bild oder en Film, der sich abspielt? ist dieser Film in schwarz-weiss oder in Farbe? Wie hell oder dunkel ist das Bild? – Hat die Angst erstmal ein klares Gesicht, wird es leichter, einen Kontrast dazu zu schaffen.
Der zweite Schritt ist also, ganz bewusst ein zweites Bild zu zeichnen – welches das Gegenteil von dem ersten zeigt. Welches ebenso deutlich und außerdem groß und bunt und strahlend schön gemalt wird, und auf das wir dann langsam und bewusst unsere Aufmerksamkeit lenken können.

Während sie ritt, konzentrierte sich die Reiterin nun also vermehrt auf das positive Bild. Das negative war nach wie vor da, sie konzentrierte sich aber bewusst darauf, es kleiner und damit weniger bedeutsam werden zu lassen, sich das positive Bild dafür umso größer auf die Leinwand vor dem inneren Auge zu ziehen und zu merken, wie sie sich dabei nach und nach entspannte.
Und wie ihr Pferd es ihr gleich tat.

Ein wunderbares Bild und eines von vielen, vielen Aha-Erlebnissen auch für das Publikum an diesem Wochenende. Kleinigkeiten, die weit entfernt von traditionellen Reittechniken liegen, können wunderbare Dinge bewirken – wenn man sie erst einmal entdeckt hat. Wir sind unseren Gewohnheiten und Gedanken nicht ausgeliefert, sondern können lernen, sie zu verändern. Schritt für Schritt, ganz entspannt, aber mit wunderbaren Ergebnissen.

Ich denke, ich bin nicht die einzige, die sich schon jetzt auf den nächsten Kurs am 3./4. Oktober freut. Wenn Euch danach ist, dabei zu sein, schreibt mir gern.

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.