Aussitzen – eigentlich ganz einfach!?

6.Nov 2010 | Trainingsalltag

Das Aussitzen ist Trab ist total komplex – und doch gar nicht so schwierig, wenn wir ein paar Dinge beachten. Eines der Geheimnisse des Aussitzens habe ich vor über 10 Jahren von Mark Rashid kennengelernt. Sie bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen der Schrittlänge des Pferdes und unsere Beckenbewegungen und hat mich damals schon total geflasht. Meine Erfahrung: Wenn wir das erstmal verstanden haben, lässt sich auch leichter nachvollziehen, was genau im Trab passiert und wie wir ihn harmonisieren können. 

Das sogenannte “Aussitzen”, das Sitzenbleiben im Trab, stellt für viele ReiterInnen ein Problem dar. Nicht umsonst – viele haben von Kindesbeinen an gelernt, das Pferd mit dem Becken vorwärts zu schieben, spannen dabei den unteren Rücken an und verkrampfen. Besonders bequem ist das nicht, im Gegenteil: Je schneller und härter der Trab, desto schwieriger ist es, diese für uns unnatürliche Bewegung zu halten. Versuchen wir es eine Weile,  sind gerade bei ungeübten Reitern Seitenstiche vorprogrammiert, andere haben wohlmöglich mit Rückenschmerzen sowie Knie- und Gelenkprobleme zu kämpfen. Auch unser Pferd hat natürlich im wahrsten Sinne unter uns zu leiden, wenn wir uns derart fest machen. Für jeden Muskel den wir anspannen, muss es den korrespondierenden Muskel in seinem Körper aktivieren.

Um den Trab richtig aussitzen zu können, benötigen wir in unserem Körper die richtige Mischung aus Muskelstärke (vor allem in den Bauch- und Rückenmuskeln) und Losgelassenheit (vor allem in Becken, Schultern, Nacken und den Muskeln und Gelenken der Beine). Und das nicht nur im Stand und in der Theorie sondern in der Dynamik. Wir müssen in der Lage sein, die Bewegungen und den Schwung des Pferdes mit jedem Tritt in unserm Körper abzufedern und uns neu zu balancieren. Das ist anspruchsvoll, aber nicht unerreichbar. Es braucht nur eben einen starken, aber entspannten Körper (meine Empfehlung dafür ist Yoga, aber das weißt du ja vielleicht bereits ;)). Der Grad unserer Balance, unser Körperbewusstsein, unser Fokus und die Bilder in unserem Kopf spielen ebenfalls eine Rolle.

Neben diesen recht verbreiteten Erkenntnissen, ist es aber auch die Schrittlänge des Pferdes, die unsere Fähigkeit “zu Sitzen” maßgeblich beeinflusst. Und dieses Verständnis spielt meines Erachtens eine Schlüsselrolle in dem Verständnis der gemeinsamen Bewegung.

Der Grund, warum viele Menschen den Schritt als so viel bequemer empfinden als den Trab, liegt in der Schrittlänge und den damit verbundenen Hüftbewegungen von Pferd und Reiter. Gehen wir im Schritt am Boden neben unserem Pferd her, fällt zunächst auf, dass sich der Mensch im Schritt ganz ähnlich wie das Pferd bewegt. Unsere Arme und Beine schwingen ebenfalls in einem 4-Takt vor und zurück, auch unsere Hüften bewegen sich in etwa gleich. Außerdem fällt typischerweise auf, dass die die Schrittlänge bei Pferd und Reiter ungefähr gleich ausfällt – als (Freizeit-)Reiter tendiert man dazu, ein Pferd auszuwählen, auf das wir auch ohne Sattel irgendwie aufsteigen können, und dieses hat dann meist auch etwa dieselbe Beinlänge wie man selber.

Im Schritt zu reiten ist also sehr einfach, weil mit der Schrittlänge auch die Hüftbewegungen des Pferdes ungefähr so groß sind, wie unsere eigenen – und nicht viel anders, als wir das aus unserer eigenen Alltagsbewegung kennen. Unsere Hüfte kann den Bewegungen der Pferdehüfte also optimal folgen.

Wenn wir traben, sieht das anders aus – sowohl auf dem Boden, als auch beim Reiten selbst. Zunächst ändert sich der Takt, aus dem Viertakt wird ein Zweitakt, das ist schonmal eine Herausforderung für viele Reiter. Außerdem wird die Bewegung schneller. Der wichtigste Unterschied ist aber, dass die Schrittlänge sich verändert. Die Schritte des Pferdes im Trab sind deutlich größer, als die Bewegungen im Schritt.

Wenn wir selbst am Boden “traben”, machen wir aber nicht automatisch größere Bewegungen (anders als ich im Bild oben, da habe ich aber auch extra große Schritte gemacht ;)). Unsere Hüftbewegung wird etwas schneller, jedoch kaum größer als im “Schritt”, und so trippeln wir joggend vor uns hin. Die meisten von uns sind physisch zwar in der Lage, auch große Schritte und große Hüftbewegungen zu machen, doch ist das sehr ungewohnt für uns.

Wenn wir also antraben und die Hüftbewegungen des Pferdes größer werden, neigen wir dazu, einfach in unserem gewohnten Verhaltensmuster zu bleiben. Dabei geraten wir aus dem Takt (ganz klar, wenn das Pferd größere “Schritte” macht, als wir selbst) und um das auszugleichen, machen wir uns (mindestens) im Rücken fest und beginnen, die Hüften vor und zurück zu bewegen. Das geht dann auch eine Weile gut – bis das Pferd schneller wird oder zulange im Trab bleibt, denn da wir nicht in unserem natürlichen Bewegungsablauf sind, können wir das nicht ewig halten.

Es gilt also, die Bewegungen unserer Hüften denen der Hüften des Pferdes anzupassen. Das ist zunächst ungewohnt, hält uns aber in unserem natürlichen Bewegungsmuster. Unser untere Rücken bewegt sich leicht nach links und rechts, wenn wir zu Fuß gehen – und nicht vor und zurück. Gelingt es uns, diese Bewegung in den Sattel mitzunehmen, und den unteren Rücken genug frei- und “aufzumachen” um im Trab auch die größeren Bewegungen des Pferdes mitzugehen, wird das Ganze gleich ein bisschen leichter. Das ist natürlich auch eine Frage der Beweglichkeit (des Beckens, des unteren Rückens und insbesondere der Hüftbeuger, die ebenfalls wieder z.B. über Yoga gefördert wird), es ist aber vor allem auch eine Frage des Ausprobierens eines neuen Bewegungsmusters. Also: Raus und ausprobieren! 🙂

Es gibt auch ein Video von Mark Rashid (“Sitting the trot”), in dem all dies recht gut erklärt wird – leider zzt. nur auf Englisch. Es ist über seine Internetseite erhältlich.

Wer darüber hinaus Fragen hat oder Hilfe bei der Umsetzung benötig, kann sich natürlich gerne melden.

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.