Feiner mit dem Pferd kommunizieren mit Yoga

Feiner mit dem Pferd kommunizieren mit Yoga

,,Wir kommunizieren immer – ob wir wollen oder nicht. Dabei wissen wir oft gar nicht, was wir sagen, denn: Unser Körper plaudert über unsere verborgenen Gedanken und Gefühle, lange bevor sie uns bewusst werden. Yoga kann uns helfen, unser Innerstes wahrzunehmen und dadurch bewusster und authentischer zu kommunizieren, mit Pferden und mit Menschen.

„Das Pferd spürt, wenn Du Angst hast.“ Ist dir dieser Satz in deinem Reiterleben auch schon begegnet? Hast du dich daraufhin auch bemüht, bloß keine Angst zu zeigen – feststellend, dass das nur begrenzt möglich ist? Dein Gefühl, dass wir unsere Angst nicht 100 % verbergen können, ist richtig. Unsere Körper kommuniziert sehr fein mit unserer Umgebung. Emotionen, und sogar Gedanken als deren Vorboten, spiegeln sich in unserer Körperhaltung, unserem Geruch, unserer Ausstrahlung, unserer Mimik und feinsten Gesten wider und beeinflussen unsere Kommunikation mit Pferden und Menschen enorm – und das oft bevor sie uns bewusst werden.

Wenn wir Angst haben, die wir aber versuchen, nicht zu zeigen, sprechen unser Kopf und unser Körper unterschiedliche Sprachen. Genau dies steht zwischen uns und der klaren, feinen, fließenden, „magischen“ Kommunikation, die sich die meisten von uns mit unseren Pferden (und auch Menschen) wünschen. Das Problem liegt vor allem darin, dass wir nicht „fühlen“, was wir sagen wollen und dass wir nicht wirklich präsent sind. Auch meinen wir häufig zu wissen, was unser Gesprächspartner sagen will und reagieren darauf, anstatt wirklich bei ihm zu sein.

Wir sprechen also durch unseren Körper und haben wenig Kontrolle darüber, was wir sagen. Und wir müssen Kontakt zu ihm aufnehmen, um diese Kontrolle zurückzugewinnen. Yoga hilft uns, unsere mentale und körperliche Selbstwahrnehmung zu schulen, Achtsamkeit und damit Präsenz zu üben und zu lernen authentisch und bewusst mit unserem Körper umzugehen. Oberflächlich betrachtet, besteht Yoga, so wie man es bei uns kennt, aus körperlichen Übungen. Diese wirken aber auf unser gesamtes System. Sie erreichen den Körper auf unterschiedlichen Ebenen, die Gedanken und unser Bewusstsein. Yoga vereint Körper und Geist und schafft damit ein ganzheitliches „Instrument“ für unsere Kommunikation.

Übungen für eine bewusste und gezielte Kommunikation mit dem Pferd

Bewusste und dadurch gezielte Kommunikation kann mit gezielten Yoga-Übungen erlernt werden und besteht aus verschiedenen Puzzlestücken. Diese kannst du regelmäßig zuhause (idealerweise 3-5 x in der Woche) oder z.B. direkt vor dem Kontakt mit deinem Pferd üben. Beides bringt dich dem Ziel einer „zauberhaften“ Kommunikation näher. Und: Wir legen den Schwerpunkt hier auf die Kommunikation Mensch-Pferd, die Ideen lassen sich aber natürlich auch auf eine Mensch-Mensch-Unterhaltung übertragen.

Die Basis: Präsent und neugierig sein.

Bewusstes Kommunizieren bedeutet achtsames Zuhören.

Das heißt, dass wir uns zentrieren und erden, mit beiden Beinen im Moment stehen. Niemand spricht gern mit jemanden, der mit seinen Gedanken woanders ist – auch unsere Pferde nicht. Präsent sein heißt zudem, dass wir weder unseren Erfahrungen (aus der Vergangenheit) noch unseren Erwartungen (an die Zukunft) zu viel Raum geben. Und dass wir ehrlich neugierig sind für das, was unserer Gesprächspartner uns „sendet“ und es mit allen Sinnen wahrnehmen.

Am Ende leisten wir unserem Pferd im gegenwärtigen Moment Gesellschaft und sind offen für das, was wir gemeinsam erleben.

Wie übt man das? Zum Einen natürlich durch die ehrliche Absicht und die stetige Erinnerung daran. Zum Anderen, in dem wir regelmäßig Kontakt zu unserem Körper und darüber zum „Jetzt“ aufnehmen.

Sich ins „Hier und Jetzt“ atmen

Jede Art von bewusster Atmung macht uns sofort präsenter. Im Yoga gilt der Atem als Brücke zwischen Kopf und Körper und als der Weg, um den Körper wieder fühlen zu lernen. Atemübungen geben dem Kopf die Struktur, die er braucht, um präsent zu bleiben und nicht (ganz so oft) abzuschweifen. Was wir da konkret machen, ist also weniger wichtig, als wie oft wir es tun.

Wenn du die bewußte Atmung üben möchtest, nimm idealerweise während eines Tages immer wieder Kontakt zu deinem Atem auf. Nach und nach verstärkst du so die Verbindung, verbreiterst den „Trampfelpfad“ zwischen Kopf und Körper. Dafür reicht anfangs eine Minute, aber eben mindestens fünf, besser zehn Mal täglich. Um das tatsächlich umzusetzen, hilft es, sich vorher (also: JETZT) genau zu überlegen, wann genau du bewusst atmen möchtest und dir kleine „Alltags-Anker“ für die Atemübung zu setzen. Zum Beispiel: Ich finde meine Atmung konsequent jedes Mal, wenn ich vor einer roten Ampel stehe. Oder jedes Mal, wenn ich mich hinsetze. Oder jedes Mal, wenn ich Hände wasche. Was könnten geeignete Anker in deinem Alltag sein?

Konkret übst du dann wie folgt: Schließ die Augen und atme etwa eine Minute lang einfach immer wieder vollständig ein und aus. Stell dir einen Wecker oder zähl deine die Atemzüge. Bei einem Erwachsenen sind etwa 12-15 pro Minute normal – ein Weniger ist positiv zu werten!

Übung 1: Atemübung

Beobachte deine Atmung aufmerksam den gesamten „Weg“ der Einatmung, und dann wieder den gesamten „Weg“ der Ausatmung. Entspann deine Schultern, fühle die Luft in deinem Körper, hör Sie die Geräusche in deiner Umgebung. Sei für einen kurzen Moment einfach hier, ohne etwas Anderes parallel zu tun. Nimm jedes Gefühl, das sich einstellt, wahr. Lass die Gedanken vorbeiziehen, wie Wolken vor einem blauen Himmel. Kehre immer wieder zurück zum Atem. Am Ende der Zeit lass den Atem wieder los und fühl noch kurz nach. Überleg dir direkt, wann du die nächste kleine Atemübung einbauen möchtest oder strukturiere deinen Tag am Besten gleich von Atempause zu Atempause.

 

Zwei Körperübungen für mehr Zentrierung und Aufmerksamkeit: 

Übung 2a: Die Berghaltung mit offenen Armen

Stabil und aufrecht stehen. Füße hüftgelenksweit, Beine stark, Knie minimal angebeugt. Das Becken ist aufrecht, die Bauchmuskeln leicht aktiv, die Wirbelsäule in ihrer natürlichen Form. Das Kinn ist parallel zum Boden, der Kopf zieht sanft nach oben. Finde eine Haltung, die sich stark und stabil und zugleich leicht anfühlt. Rolle die Schultern einatmend nach oben zu den Ohren und lass sie ausatmend nach hinten und dann weiter nach innen sinken, während du die Daumen nach außen drehst. Wiederhol dieses Schulterrollen einige Male. Bleib dann mit gesenkten Schultern und nach außen gedrehten Daumen zwei bis drei Minuten lang stehen. Atme bewusst und vollständig ein und aus und fühl dabei ganz klar den Boden unter deinen Füßen und die Aufrichtung nach oben. Danach kannst du dich lösen und einen Moment nachspüren.

Übung 2b: Die „Ja“-Pose

Aus der Berghaltung gehe mit rechts einen Schritt zurück. Verlagere das Gewicht auf das hintere Bein, so dass der vordere Fuß ganz leicht wird. Arme zur Seite öffnen. Die Hände auf Höhe des Beckens ebenfalls öffnen, die Daumen nach oben. Oberkörper aufrecht und nach vorne geöffnet, Gesicht entspannt. Denken oder sagen Sie ausatmend „Jaaaa“. Hab das Gefühl, als wolltest du einen zwei- oder vierbeinigen Freund zu dir einladen. Verharre einige Atemzüge bis zu ein paar Minuten in dieser Haltung. Komm dann zurück in die Berghaltung, spüre einen Moment nach und wechsele dann die Seite.

Diese Übung ist inspiriert von der „Yes“-Pose der Embodied Yoga Priniciples, deren Ziel es ist, sich für eine Situation oder einen Menschen zu öffnen. Durch die Verkörperung dieses Gefühls stellt es sich nach und nach auch im Kopf ein. Je öfter du übst, desto leichter lässt sich dieses Gefühl auch im Alltag durch eine Andeutung dieser Pose herstellen.

 

Die unsichtbare Frequenz: Unsere Energie

Unsere Pferde sind wunderbar intuitiv – wenn sie sprechen könnten, könnten sie uns eine Menge über unsere Energie erzählen. Unsere Energie ist aber auch für Menschen spürbar, noch lange bevor wir angefangen haben, zu „sprechen“. Jeder, der schonmal in einen Raum gekommen ist, in dem die Luft „dick“ war, kann sich vorstellen, dass das geht, zumindest unterbewusst. Außerdem beeinflusst sie unauffällig unsere Gedanken und Handlungen. Gut also, wenn wir lernen mit ihr umzugehen.

Übung 3: Wahrnehmung der eigenen Energie

Bevor du an dein Pferd herantrittst, nimm dir einen Moment Zeit zu fühlen, wie du gerade dastehst. Was dich gerade beschäftigt, wie du dich körperlich fühlst, wo deine Gedanken sind, wie es dir emotional geht – wie sich deine „Energie“ jetzt anfühlt. Und was du vielleicht brauchst, um dich besser zu fühlen. Sei ehrlich zu dir. Mit der Zeit wird es immer leichter werden, Antworten auf diese Fragen zu finden – und Verantwortung zu übernehmen, für die Energie, die wir in jeden Raum bringen.

Die Melodie der Unterhaltung: Die Intention

„Lass mich Dir helfen“ oder „Mach das jetzt, Du stures Pferd!“? Alles was wir tun, wird von einer bestimmten Intention begleitet. Ein und dieselbe faktische Botschaft, z.B. „weiche mit der Hinterhand“ kann so unterschiedliche Bedeutungen für das Gegenüber haben und auch verschiedene Reaktionen auslösen.

Das Tolle: Wir können wählen, mit welcher Intention wir in die Unterhaltung einsteigen. Dabei bewegen wir uns in einem Spannungsdreieck aus drei Polen:

  • Effektivität/Durchsetzungsfähigkeit: Wir wollen klar kommunizieren, Grenzen setzen.
  • Konnektivität/Mitgefühl: Wir wollen auf den Anderen eingehen und „von Herzen“ kommunizieren.
  • Sachlichkeit: Wir wollen eine Botschaft vermitteln.

Wir brauchen für jede Kommunikation alle drei Pole in unterschiedlicher Gewichtung und es ist sinnvoll, dass wir uns vorher überlegen, wie diese Gewichtung aussehen soll. Wollen wir vor allem eine Verbindung zum Gegenüber herstellen? Muss eine bestimmte Botschaft sicher ankommen? Geht es darum, uns zu positionieren?

Je nachdem, was wir gerade brauchen, können uns Yoga-Übungen helfen, die richtige Mischung zu finden und dann zu transportieren. Übe einfach das, was dir gerade fehlt.

Übung 4: Stärkung der Durchsetzungsfähigkeit

Mit der Stuhlstellung kräftigst du eine Reihe von Muskeln, die für das Reiten wichtig sind, und auch: Deine Körpermitte, das „Durchsetzungszentrum“ deines Körpers.

Aufrecht stehen, Füße hüftgelenksweit. Arme nach vorne strecken. Handflächen zueinander, Schultern senken. Knie beugen und Becken nach hinten bewegen, als ob du dich auf einen Stuhl setzen möchtest. Wenn möglich, führe die Knie bis über die Fußgelenke nach hinten. Ruhig und gleichmäßig atmen, möglichst entspannt bleiben. Körpermitte stark, ausatmend den Bauchnabel Richtung Wirbelsäule ziehen. Fersen sind am Boden, der Rücken ist gerade, das Brustbein aufgerichtet. Für eine Extra-Portion Kraft Fäuste mit den Händen machen. Wenn möglich, die Arme über den Kopf führen. Nach einigen Atemzügen aufrichten.

Übung 5: Stärkung des Mitgefühls

Hier eignet sich eine Variation der „Ja-Pose“ von ganz oben. Du könntest die Hände noch etwas höher heben und die Arme etwas runden, als wolltest du jemanden umarmen, um das Gefühl von Mitgefühl in deinem Körper zu verstärken.

Übung 6: Klare Kommunikation

Auf dem Rücken liegend, lege eine dick gefaltete Decke unter dein Kreuzbein, den dreieckigen Knochen zwischen Becken und Rücken. Beine nach oben ausstrecken. Arme neben den Körper. Lenk deine Aufmerksamkeit auf deine Kehle und atme ruhig ein und aus. Dies ist eine Variante des halben Schulterstands, der dir hilft, klar und authentisch zu kommunizieren, was du wirklich sagen möchtest.

 

„Wir“ statt „ich“: Der Gedanke von „Ja genau, und…“

Die Idee stammt aus dem Improvisationstheater, ist aber sehr yogisch: Jeder Impuls von Gesprächspartnern wird konsequent angenommen und weitergesponnen, ohne ihn vorher zu bewerten. Im Theater entsteht dadurch eine gemeinsame Szene, die von zwei Akteuren gleichermaßen gestaltet wird. Im Dialog beginnt dadurch jeder Satz (zumindest gedanklich) mit „Ja genau, und…“, erst dann fügt man seinen eigenen Beitrag hinzu. Man ergänzt den anderen also kompromisslos und baut so eine sehr positive Kommunikation auf, die mehr auf das „wir“ setzt, als auf „du“ und „ich“.

Übung 7: Für mehr „Wir“

Probier genau das mal einen Tag mit deiner Familie oder Kollegen. Beantworte jeden an dich gerichteten Satz, jede Idee, egal, wie abwegig sie erstmal erscheinen mag, mit einem freundlichen „Ja genau, und…“ und füge erst dann hinzu, was du sagen möchtest. Du wirst überrascht sein, wie anders sich die Gespräche entwickeln.

Und dann nimm diese Übung mit zu deinem Pferd. Welche Impulse sendet es dir und wie kannst du diese aufnehmen, bevor du deine Hilfe gibst? Wie kannst du das Pferd dort abholen, wo es tatsächlich steht, um daraus ein gemeinsames Ergebnis zu schaffen? Ein Beispiel: Ihr seid im Gelände unterwegs. Im Schritt merkst du, dass dein Pferd am liebsten traben möchte. Die Botschaft deines Pferdes ist hier also: „Wollen wir traben?“ Deine Antwort könnte sein: „Ja genau, und dann parieren wir wieder durch zum Schritt.“. Es geht nicht darum, dass du lange trabst, sondern darum, dass du die Idee des Pferdes aufgreifst und sie für etwas Neues, Gemeinsames nutzt. Vielleicht sind zwei, drei Tritte Trab dafür drin? Übrigens: Auch der klare Plan, den sie während dieses Gedankengangs fassen, führt dazu, dass der Schritt danach ebenfalls klarer wird. Wetten!?

 

 – dieser Artikel ist in ähnlicher Form in der Feine Hilfen Nr. 38 erschienen –

 

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