Stabil und leicht – Reiten wie die alten Yogis?

16.02.20 | Yoga

– Dieser Artikel ist, leicht abgewandelt, in der FEINE HILFEN Nr. 39 erschienen –

Spielerische Leichtigkeit und unbändige Kraft. Eine Symbiose aus Mensch und Pferd, die sich federleicht und zugleich mit feuriger Energie durch die Reitbahn bewegt. Das sehe ich, wenn ich die Reiter der Portugiesischen Reitschule sehe. Und das vermitteln auch die spanischen und portugiesischen Pferde für mich. Ich frage mich: Was können wir von diesen Reitern lernen? Und was bräuchte es, damit wir uns alle so mit unseren Pferden, vielleicht sogar durch unser ganzes Leben bewegen können?

Dass die alten Yogis besonders viel geritten sind, ist nicht überliefert (auch wenn es gut sein kann). Und trotzdem taucht interessanterweise ein ganz ähnliches Bild wie das oben beschriebene schon in den ganz frühen Schriften auf. “Sthira Sukham Asanam.” schreibt der Weise Patanjali ca. 400 vor Chr. in seinen “Yoga Sutras”, noch heute ein Standardwerk der Yoga-Philosophie. Damit meint er, frei übersetzt, dass die (innere wie äußere) Haltung zugleich stabil und leicht sein sollte. Genauer betrachtet, übersetzt sich das wie folgt aus dem Sanskrit:

“Sthira” bedeutet so viel wie kraftvoll, fest, stabil, unbeweglich, dauerhaft und widerstandsfähig.

“Sukha(m)”: meint so etwas wie bequem, behaglich, leicht, angenehm, entspannt, freudvoll, glücklich und wörtlich: “ein guter Ort”

“āsana”: beschreibt die Haltung (speziell: die Sitzhaltung)

Kurioserweise zieht eine der ersten näheren Erklärungen von “sukha” das Bild von der Fahrt in einem Wagen heran, die deshalb so angenehm ist, weil “man ein gutes Achsenlöcher hat”, die Räder also sehr gleichmäßig in den Achsen liegen und man daher entsprechend ungestört dahingleitet. Die Portugiesen haben augenscheinlich also sehr gute Achsenlöcher

Es geht um die Leichtigkeit in der Kraft

“Stabil und leicht” ist allerdings eines dieser typischen Gegensatzpaare, die uns im Leben immer wieder begegnen: leicht und schwierig, groß und klein, hell und dunkel, schnell und langsam, Glück und Trauer, Wärme und Kälte, Nähe und Distanz. Ständig sind wir damit beschäftigt, uns in eine Richtung zu bewegen, nur um irgendwann den Punkt des “Zuviels” zu erreichen und fortan wieder in die andere Richtung zu pendeln. Dieser Tanz um den Balancepunkt kostet nicht nur an sich ganz schön viel Kraft, er ist auch niemals beendet, weil der Zustand der absoluten Balance immer nur eine Momentaufnahme sein kann. Dann zieht es uns direkt wieder in die eine oder andere Richtung.

Zu viel Kraft und Rigidität führt beim Reiten zu verkrampften Muskeln und Stress bei Pferd und Mensch, zu harten Händen und Mäulern und einem polterndem, unausbalancierten Reitersitz und Pferdegang, zu Verbissenheit, Disharmonien und Auseinandersetzungen. Zuviel Loslassen führt irgendwann zu einer fehlenden Verbindung zwischen Pferd und Mensch, zu inkonsistentem Verhalten des Reiters (und somit des Pferdes), zu schlaffen Muskeln, runden Rücken und fehlender Körperspannung, Balance und Effektivität.

Yoga kann uns helfen, mit der Zeit immer feiner wahrzunehmen, wie wir die Balance aus Stabilität (sthira) und Leichtigkeit (sukha) herstellen können. Und das in allen Lebensbereichen. Denn wenn wir versuchen wollen, die richtige Balance zwischen beidem im Sattel zu finden, lohnt sich der Blick in andere Ecken unseres Lebens: Wie stabil bzw. leicht sind wir in unseren Beziehungen, rund um unseren Energiehaushalt, in unserer Ernährung und insgesamt in unserem Leben? Je feiner wir unsere regulieren können, je klarer wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn alles in Balance ist, desto leichter können wir dieses Gefühl auch im Sattel erzeugen.

Und auf der Yogamatte lässt sich genau das gezielt üben: Physisch wie mental. Vielleicht können wir sie uns auch als eine Art Testlabor vorstellen, in dem wir uns den Luxus gönnen, unsere ganze Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte unseres Seins zu legen, um sie dann auch in anderen Momenten leichter erreichen zu können. In diesem Fall mit dem Ziel, nach und nach immer leichter und freier aus unserer eigenen Kraft zu schöpfen und auf dieser Grundlage anders zu leben und anders zu reiten.

Besser reiten durch Selbstregulation

Körperlich wird das Prinzip von Kraft und Leichtigkeit durch die Wirbelsäulenstruktur optimal repräsentiert. Zum Einen besteht sie zu ähnlichen Anteilen aus harten und weichen, federnden Elementen: den kn : Die Wirbelsäule möchte immer wieder in ihre natürliche, aufgerichtete Doppel-S-Form zurück. Es handelt sich um eine sehr dynamische, selbstständig arbeitende Struktur, die, wenn wir sie sein lassen, wie sie ist, den gesamten Körper sehr gut stabilisiert und federn lässt.

Wenn wir mit den oben genannten Zielen Yoga üben, konzentrieren wir uns auf die folgenden Aspekte.

Für mehr Stabilität:

  • körperlich: eine gleichmäßige, lebendige Muskelspannung, Konzentration auf die Körpermitte, aufrechte Wirbelsäule, bewusste Erdung des Körpers
  • mental: gleichmäßiger Atem, steter Blick.

Für mehr Leichtigkeit:

  • körperlich: harmonische (und stabile!) Ausrichtung, natürlich aufrechte Wirbelsäule
  • mental: weich fließender Atem, entspannte, zufriedene innere Grundhaltung.

Ganz besonders fördern dies die unten genannten Übungen. Diese Grundsätze lassen sich aber in jede andere Yoga-Übungspraxis mitnehmen – und auch mit in den Sattel.

Die Stabilität auf körperlicher und mentaler Ebene geht der Leichtigkeit dabei voraus – wir brauchen ein sicheres, stabiles Gefühl, um loslassen zu können. Das Loslassen wiederum spielt, wie Sie sich vorstellen können, in unserer schnelllebigen, stresserkrankten Welt ebenfalls eine ganz besondere Rolle und ist jeden Moment der Übung wert…

Der Schlüssel für das optimale Zusammenspiel aus unbändiger Kraft und spielerischer Leichtigkeit, das viele portugiesisch geprägte Reiter uns so gut vorreiten, besteht am Ende nicht darin, in eine Schablone zu passen. Es besteht darin, immer weiter zu üben, flexibel und weich auf die Veränderungen zu reagieren, die sich von Moment zu Moment ergeben – ohne die Haltung zu verlieren. Im Leben wie im Sattel.

 

Übungspraxis:

1. Atemübung: Stabilisierung des Geistes

Atemübung

Eine gleichmäßige Ein- und Ausatmung stabilisiert auch einen unruhigen Geist. Das lässt sich leicht üben, z.B. in einem einfachen Sitz auf der Yogamatte, aber auch auf einem Stuhl, im Auto und sogar im Sattel. Richten Sie die Wirbelsäule auf. Lassen Sie den Bauch los und beobachten Sie, wie er sich mit der Einatmung nach vorn weitet und ausatmend Richtung Wirbelsäule zurückzieht. Lassen Sie Ihre Aufmerksamkeit dort, während Sie einatmend zu zählen beginnen: 1,2,3,4. Mit der Ausatmung zählen Sie ebenfalls bis 4. Wiederholen Sie dies noch zweimal. Dann zählen Sie bei der Ein- und der Ausatmung jeweils bis 5, wiederholen dies dreimal. Dann geht es dreimal bis 6. Die Takte entsprechen dabei ungefähr Sekunden, aber gehen Sie nach Ihrem Gefühl. Lassen Sie den Atem dann wieder los und spüren Sie einen Moment nach.

 

2. Mobilisierung des Rückens im Liegen

“Stabil” darf niemals heißen “verkrampft”. Wir lösen den Rücken also zunächst, um ihn dann zu stabilisieren. Legen Sie sich dazu auf den Boden, die Füße kurz hinter dem Gesäß aufgestellt. Die Arme liegen entspannt neben dem Körper. Beginnen Sie dann um das Kreuzbein (den dreieckigen Knochen zwischen Rücken und Po) zu rotieren, als wollten Sie mit ihrem Körper Kreise um diesen Punkt auf den Boden malen. Die Bewegung darf dreidimensional sein und die Knie und die gesamte Wirbelsäule mitbewegen. Lassen Sie den Kiefer los und die Bewegung bis in die Halswirbelsäule hinein spürbar werden. Wechseln Sie alle 3-4 Kreise die Richtung. Bleiben Sie 3-5 Minuten in dieser Übung. Kommen Sie dann zur Ruhe und spüren Sie einen Moment nach.

 

3. Kräftigung der Körpermitte im Vierfüßlerstand

Kommen Sie in einen Vierfüßlerstand. Strecken Sie das rechte Bein nach hinten aus, ziehen Sie die Zehen heran. Lösen Sie die linke Hand und strecken Sie den Arm dann nach vorne. Fünf Atemzüge hier bleiben, ausatmend immer wieder den Bauchnabel nach oben ziehen, um Stabilität aus der Körpermitte zu tanken, weiter lang nach hinten und vorne strecken. Dann Hand und Knie absetzen, ggf. eine ausgleichende Bewegung der Wahl üben und die Seite wechseln.

 

4. Einfache Sequenz zur Stabilisierung von Kopf und Körper

 

 

Kommen Sie in den Vierfüßlerstand. Atmen Sie ein, zählen Sie bis vier , ausatmend; Sie zählen ebenfalls bis vier, ziehen Sie den Bauchnabel zurück und lassen das Gesäß für die Kindhaltung auf die Fersen sinken. Beugen Sie die Arme auf dem Weg leicht an und lassen Sie die Stirn zu Boden sinken. Einatmend

(wieder vier Takte) kommen Sie zurück auf Knie und Hände und ausatmend (vier Takte), stellen Sie die Zehen auf, ziehen Sie den Bauchnabel nach oben und schieben Sie sich in den Herabschauenden Hund. Lassen Sie die Beine hier gebeugt und setzen Sie auf maximale Länge im Rücken. Einatmend (vier Takte) setzen Sie die Knie wieder auf für den Vierfüßlerstand, ausatmend (vier Takte) geht es zurück ins Kind. Wiederholen Sie diese kleine Serie (Vierfüßler – Kind – Vierfüßler – Hund) zwei weitere Male mit jeweils vier Takten in der Ein- und Ausatmung, dann noch dreimal mit fünf Takten und dreimal mit sechs Takten. Versuchen Sie während der gesamten

Übung Ihre Augen möglichst ruhig zu halten und initiieren Sie jede Bewegung durch den Atem – der Atem fängt immer an und hört als Letztes auf. Spüren Sie am Ende einen Moment in das stabile Gefühl in Körper und Geist nach.

5. Mehr Stabilität und Leichtigkeit durch eine Krieger-Sequenz

Kommen Sie in einen Ausfallschritt, rechts steht hinten. Setzen Sie die Hände in die Hüften, fühlen Sie die Stabilität Ihrer Beine und lassen Sie den Oberkörper darauf einatmend ganz leicht werden. Ausatmend verlagern Sie das Gewicht auf das vordere Bein, während Sie den Bauchnabel wieder Richtung Wirbelsäule ziehen. Heben Sie langsam den rechten Fuß von der Matte und strecken Sie das Bein nach hinten aus, so dass es am Ende möglichst parallel zum Becken schwebt. Das vordere Bein darf leicht gebeugt bleiben. Der Oberkörper längt sich einatmend nach vorne, die Hände bleiben in den Hüften. Die Übung heißt Dritter Krieger. Atmen Sie aus und setzen Sie den hinteren Fuß in Zeitlupe zurück auf die Matte. Wiederholen Sie diesen Ablauf insgesamt dreimal auf jeder Seite. Halten Sie das hintere Bein beim zweiten Mal einen Atemzug lang in der Luft, beim dritten Mal drei Atemzüge. Versuchen Sie den Blick während der gesamten Übung ruhig zu halten und überflüssige kleine Bewegungen im Körper zu vermeiden, gerade auch während des Haltens im Dritten Krieger.

 

6. Erdung und Weitung mit dem Drehsitz

Setzen Sie sich auf den Boden und strecken Sie die Beine nach vorne aus. Wenn Sie hier nicht aufrecht sitzen können, helfen Sie sich mit einer Decke unter dem Gesäß. Beugen Sie das linke Bein und setzen Sie den linken Fuß auf die Außenseite des rechten Knies. Ziehen Sie die Zehen des rechten Fußes zu sich heran. Heben Sie den rechten Arm nach oben, ziehen Sie sich lang und setzen die rechten Fingerspitzen dann rechts hinter sich auf. Umgreifen Sie mit dem linken Arm das Knie oder verhaken Sie den Ellbogen hinter dem Knie, wie auf dem Bild.

Werden Sie nun mit jeder Einatmung länger und schauen Sie, ob ausatmend noch etwas mehr Drehung möglich ist, wenn Sie den Bauchnabel sanft Richtung Wirbelsäule ziehen. Atmen Sie sich so ein paar Atemzüge lang in die Drehung hinein, halten Sie den Blick ruhig und lösen Sie das Gesicht, indem Sie lächeln. Lösen Sie dann die Drehung und das Bein, spüren Sie kurz nach und wechseln Sie die Seite.

 

7. Loslassen fester Strukturen und Stabilisierung des Geistes

Kommen Sie in einen einfachen, kreuzbeinigen Sitz. Die Füße sollten etwa unter den Knien sein. Richten Sie die Wirbelsäule auf, setzen Sie sich ggf. auf eine Decke. Atmen Sie ein, werden Sie lang im Oberkörper und lassen Sie sich ausatmend etwas nach vorne unten sinken. Das Brustbein führt die Bewegung an. Einatmend ziehen Sie insbesondere die Körpervorderseite noch einmal lang, ausatmend sinken Sie etwas tiefer. Wiederholen Sie diesen kleinen Wechsel während der nächsten Atemzüge und vergleichmäßigen Sie die Atmung. Atmen Sie insgesamt dreimal vier Takte ein und aus, dreimal fünf Takte ein und aus und zuletzt dreimal sechs Takte ein und aus Takte. Richten Sie sich dann einatmend langsam wieder auf und spüren Sie nach.

 

Aktuelle Artikel bei Body, Mind and Horses

Wie trifft man gute Entscheidungen für sein Pferd?

Wie trifft man gute Entscheidungen für sein Pferd?

So schön es ist, ein Pferd zu haben, so schwierig ist es auch, ihm in allen Belangen gerecht zu werden. Aber die Lösung des Problems liegt nicht darin, alles zu wissen oder jemandem hinterherzulaufen, der alles weiß – sondern in unserer eigenen Haltung. Ein Essay und 6 Tipps für bessere Entscheidungen.

Weiterlesen

Über die Autorin 

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.

X
X