Diese drei Dinge stehen der Harmonie zwischen Mensch und Pferd im Weg

22.Apr 2021 | Gedanken

Hast du manchmal das Gefühl, dass etwas zwischen dir und deinem Pferd steht? Oder beobachtest du bei anderen vielleicht gute Ambitionen, aber eine ernüchternde Praxis? Wir wollen doch alle ein echtes, partnerschaftliches Miteinander (zumindest ist das ziemlich wahrscheinlich, wenn du auf diese Seite gefunden hast :)) – warum haben wir das denn nicht einfach? Diese Frage treibt mich wohl wie keine zweite, und das wird wohl auch mein Leben lang so bleiben. Meine aktuellen Top 3 Gründe, warum es zwischen Mensch und Pferd nicht harmonischer zugeht:

  1. Die Tatsache, dass die meisten von uns nicht gelernt haben, konstruktiv und bewusst mit den eigenen Gedanken und Emotionen umzugehen und dadurch wirklich präsent, authentisch und kongruent aufzutreten und so auch: Uns wirklich zu verbinden.
  2. Die Überzeugungen, die wir im Bezug auf die Pferde haben und insbesondere der hartnäckige Glaube an ihr Dominanzverhalten, welches wir dann – wissentlich oder unwissentlich – auf unser Verhältnis zu ihnen übertragen.
  3. “Harmonie mit dem Pferd” bedeutet für viele Reiter in letzter Instanz nicht Partnerschaft und Kommunikation, sondern vor allem absolute physische und mentale Verfügbarkeit – ein Tier, mit dem sie jederzeit und ohne Gegenwehr machen können, was sie wollen. Und möglichst so, dass das auch noch gut aussieht. Dabei “übersehen” sie oft das Feedback ihrer Pferde, solange sie können. Und das ist verständlich. Denn wenn wir dem Pferd eine richtige Meinung zugestehen, könnte das bedeuten, dass wir uns schlecht fühlen und/oder unser Verhalten ändern müssen. Und das ist immer erstmal unangenehm. Also: Sind wir wirklich bereit, auch ihre “Neins” zu akzeptieren und nicht automatisch als Trainingsherausforderung zu begreifen und “wegzutrainieren”? Unsere Ambitionen (“Was machst du denn so mit deinem Pferd?”) und die Gestaltung der gemeinsamen Zeit an ihre Vorlieben anzupassen? Auch das ist ein Punkt, der in vielen Fällen noch zwischen kühnen Harmonie-Träumen und der Realität steht. 

In letzter Zeit habe ich mich wieder sehr mit dem Thema Verhaltensforschung beschäftigt. Die Wissenschaft hat hier einige Erkenntnisse, die der landläufigen Interpretation von Pferdeverhalten in vielen Punkten widersprechen (Stichworte, u.a.: Fütterung, Sozial/-Bindungsverhalten, Stressverhalten, und eben: Rangordnung und “Dominanz” – und ich glaube wirklich, dass das ein ganz zentrales Missverständnis ist, übrigens auch für den Kontakt unter Menschen… Aber das führt hier zu weit). 

Die Ergebnisse von zahlreichen Studien spiegeln in vielen Punkten tatsächlich mein Gefühl wider und ich glaube, dass hier seeeeehr viel Lernpotenzial für uns Pferdemenschen und damit direktes Lebensverbesserungspotenzial für die Pferde liegt. 

Das Thema Pferdeverhalten ist auch deshalb so spannend, weil es zwar schon viele “handfeste” Informationen gibt, sie uns aber nicht von der Selbstverantwortung entbinden. Die Erfahrungen der Wissenschaft führen meist nicht zu den “einfachen” Antworten, die wir so gerne hätten (sicher ein Grund, warum sie nicht immer populär sind), sondern sind (im Idealfall) neutrale Puzzlestücke, kumulierte Erfahrungen, die wir mit unserer eigenen Sicht auf die Welt abgleichen können.

Warum? Die Beobachtung von Verhalten (von Tieren, aber auch Menschen) führt meist schnell zu Interpretationen. “Ha, jetzt hat meine Stute den Wallach wieder in seine Schranken verwiesen!” Wir meinen etwas zu sehen und stricken einen Kontext um unsere Beobachtungen. Das Problem dabei: Dieser Kontext entsteht in uns und unterliegt unseren Filtern – aus unseren Gedanken, Emotionen, Prägungen und Erfahrungen. Das Individuum (Pferd oder Mensch) kann etwas völlig anderes gedacht, gefühlt, gemeint haben, und doch ziehen wir aus unseren Interpretationen Schlüsse und handeln entsprechend. Abgekürzt: Die Art, wie wir denken und fühlen beeinflusst unseren Umgang mit anderen Menschen und Tieren.  Und je öfter wir diese Bewertungsmechanismen erwischen und hinterfragen, desto näher kommen wir auch neuen Sichtweisen, neuen Antworten und damit: unseren Pferden, in all ihren individuellen Ausdrucksformen. 


Und so hängen meine Top 3 letztlich zusammen. Meine Erfahrung ist: 

Jeder Weg, der uns dahin führt, 

– dass wir uns selbst besser kennenlernen (man könnte auch sagen: erkennen), 

– dass wir einen gesunden Abstand zu unseren Filtern finden und 

– dass wir lernen, ehrlich zu uns selbst zu sein,

führt uns auch näher zu unseren Pferden. 

Aus diesem Grund coache ich auch immer mehr Pferdemenschen, arbeite mit ihnen an Emotionen, Antreibern und Themen, die weit vom Stall entfernt liegen, weil es sie insgesamt präsenter, authentischer und greifbarer für ihre Pferde macht – und beide dadurch näher zusammenführt (mental, emotional und auch körperlich). Wir kommen ja nun mal immer als ganze Menschen zum Pferd, mit allem, was uns so begleitet.

Aber zurück zum Verhalten: Für die FEINE HILFEN durfte ich vor einer Weile einen Artikel über das Bindungsverhalten von Pferd und Mensch schreiben und über die Frage, wie Freundschaft zwischen beiden möglich istDer Text beruht auf dem Workshop „Freundschaft mit Pferden“, den ich letztes Jahr mit den beiden Verhaltensforscherinnen Jessie Sams und Emily Kieson (vom MiMer Centre für Pferde-Menschen-Bildung und -forschung) durchgeführt habe. Der Artikel kam sehr gut an und ist nun hier für dich abrufbar. Ich würde mich freuen, wenn er dazu beiträgt, dass wir unsere Augen etwas weiter öffnen für die Möglichkeiten, die es zwischen Pferden und Menschen noch gibt.

“Das ist ja schön und gut”, magst du sagen. “Aber bei meinem Pferd ist das anders, glaube ich…” Damit bist du nicht allein. Um die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen und den Diskurs über das Thema Pferdeverhalten insgesamt weiter zu fördern, haben Emily, Jessie und ich uns neulich etwas Neues ausgedacht: Wir liefern Antworten auf deine konkreten Fragen zum Verhalten deines Pferdes. Aus meinen Gesprächen mit Emily und Jessie kann ich dir schon sagen: Du wirst eher keine kurzen, einfachen Antworten bekommen, aber solche, die zum Nachdenken anregen und dein Verständnis erweitern. Also: Du hast Fragen zum Thema Pferdeverhalten? Dann füll uns einfach dieses Formular aus.
 

Unsere Vision: Wir erstellen einen Pool aus Verhaltensfragen und -antworten, die wir nach und nach beantworten und aus denen wir dann alle gemeinsam lernen können – hier im Newsletter und auch in Artikeln und/oder in Webinar-Formaten… je nachdem, wieviel ihr wissen wollt.

Bitte beachte: Je nachdem, wie groß der Zulauf ist, kann ich dir nicht versprechen, dass wir uns um jede einzelne Anfrage sofort kümmern können, aber wir werden sie alle sichten, ggf. einzelne Erkenntnisse zusammenfassen und die Antworten dazu nach und nach auf jeden Fall liefern. 

Wir sind mega gespannt und freuen uns auf eure Fragen!

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.