Warum der Atem ein Zaubermittel für jeden Reiter ist

Warum der Atem ein Zaubermittel für jeden Reiter ist

Stell dir vor, es gibt ein Mittel, das dir sofort hilft, aufgerichteter, lockerer, freier und zugleich zentrierter im Sattel zu sitzen, weicher mit den Bewegungen des Pferdes mitzugehen. Das deine Gedanken beruhigt und deinen Körper entspannt. Das es dir ermöglicht, dich direkt mit dem Pferd zu synchronisieren… Würdest du es kaufen? Was würdest du dafür zahlen?

Die schlechte Nachricht: Dieses Mittel kannst du nicht kaufen. Die gute: Du hast es bereits. Es steht dir immer, überall und unbegrenzt zur Verfügung, solange du lebst: Es ist dein Atem. 

Das meist unterschätzte Hilfsmittel im Sattel

Der Atem ist das wahrscheinlich am meisten unterschätzte und vernachlässigte Hilfsmittel, das uns als Reitern zur Verfügung steht. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich, dass jeder, der sich mit dem Thema noch nicht befasst hat, natürlich verführt ist zu denken: „Atmen – kann ich doch. Oder!?“ Die Antwort darauf lautet für die meisten von uns: Ja und nein. Natürlich atmen wir, auch beim Reiten, sonst würden wir ziemlich schnell blau anlaufen und vom Pferd fallen. Aber atmen wir beim Reiten „natürlich“? Nutzen wir den Atem so, wie er gedacht ist? Kann er so frei fließen, dass er seine natürliche Funktion ausfüllen kann? Oder kommen ihm vielleicht doch oft unser Kopf oder unsere Bewegungsmuster dazwischen, so dass wir dazu neigen, die Atmung auf ein (buchstäbliches) Existenz-Minimum zu beschränken…? Das geht uns doch allen manchmal so. Was wir dabei jedoch meist nicht direkt merken: Wir reiten uns damit in immer mehr Anspannung hinein. Wenn wir jedoch lernen, mit der Atmung zu arbeiten anstatt gegen sie, können wir diese Anspannung lösen und zunehmend frei und entspannt reiten. 

Der Atem gilt im Yoga als „Brücke zwischen Kopf und Körper“. Der Satz „Zeig mir wie du atmest, und ich sag dir wer du bist – oder zumindest, wie du dich gerade fühlst“ stimmt wirklich. Die Atmung reagiert auf unsere Emotionen, unsere Gedanken und unsere körperliche Verfassung. Alles ist eins. Wenn wir angespannt sind, atmen wir automatisch flach und kurz oder halten den Atem sogar regelmäßig. Das Spannende: Das funktioniert auch andersherum. Wenn wir unsere Atmung aktiv verändern, verändert sich in kürzester Zeit auch unsere Gedanken- und Gefühlswelt und unser körperliches Empfinden. Und wenn wir uns anders fühlen, sind wir anders und reiten natürlich auch anders.

Warum ist das so? Der Atem ist Teil unseres autonomen (oder auch: vegetativen) Nervensystems. „Autonom“ ist dieses System insofern, als dass es selbstständig und ohne unser bewusstes Zutun arbeitet. Das ist auch gut so, denn darin hängen lebenswichtige Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung und Stoffwechsel, die sich besser nicht auf unsere ständige Aufmerksamkeit verlassen sollten. Auf die meisten dieser Funktionen haben wir, auch wenn wir uns Mühe geben, wenig Einfluss. Eine große Ausnahme bildet die Atmung: Sie läuft von alleine, jederzeit, auch wenn wir schlafen und sogar, wenn wir bewusstlos sind – und doch können wir sie auch aktiv beeinflussen. Und mit ihr unser gesamtes autonomes Nervensystem, denn wie alle Systeme im Körper, ist auch das autonome Nervensystem so eng miteinander verbunden, dass es quasi eins ist.

Zeige mir die du atmest und ich sage dir, wie du reitest

Durch die Möglichkeit, die Atmung zu beeinflussen, haben wir also einen Zugang zu unserer Gesamtverfassung, der wahnsinnig wirkungsvoll sein kann. Wir haben plötzlich Einfluss auf unseren Muskeltonus, unseren Herzschlag, die Funktionsfähigkeit unserer Verdauung, unseren Blutdruck, und, für mich das Spannendste: das Zusammenspiel von sympathischem („Fight, Flight or Freeze“ Modus) und parasympathischem (Ruhe- und Verdauungsmodus) Nervensystems und dem Gehirn über den Vagusnerv. Ob wir uns entspannt fühlen, ob wir Angst haben, ob wir unruhig sind oder zufrieden – von all dem erzählt die Atmung einerseits, umgekehrt kann die Atmung aber auch steuernde Informationen ins System „flüstern“, die unseren Zustand verändern. 

Die Atmung hilft uns außerdem, uns von innen heraus aufzurichten: Wenn wir unsere gesamten Lungen richtig einsetzen lernen, richten wir uns automatisch auf, sind voll wach und einsatzfähig – das ist von der Natur so gedacht. Außerdem hilft uns die Atmung, unsere Körperwahrnehmung zu schulen. Dies ist ebenfalls maßgeblich wichtig für unsere Körpersprache und unseren Sitz im Sattel. Nichts hilft uns so schnell, unseren Körper zu fühlen, wie die Konzentration auf die Atmung. Das kennst du wahrscheinlich aus Momenten, in denen wir außer Atem sind und Atem und Körper plötzlich sehr deutlich spürbar sind. Es funktioniert aber auch, wenn wir sie bewusst suchen.

Aus all diesen und noch weiteren Gründen bietet sie uns einen einzigartigen Hebel für (fast) alle Probleme, die beim Reiten auftauchen. Findest du dich bei einem der folgenden Themen wieder? Dann lohnt es sich, mal einen Blick auf die Atmung zu werfen:

Der Atem beeinflusst jeden Aspekt deines Sitzes – und hilft bei (fast) jedem Problem

  • Du fühlst dich beim Reiten fest
  • du fällst leicht nach vorne oder hinten
  • du merkst, dass du angespannt bist und „nicht richtig zum Sitzen kommst“
  • dein Rücken wird leicht rund oder du sitzt im „Hohlkreuz“
  • du ziehst deine Fersen hoch
  • deine Schultern fallen nach vorne
  • dein Pferd stockt oft unter dir oder wird fest
  • dein Pferd erschreckt sich leicht
  • eure gemeinsame Bewegung „fließt“ irgendwie nicht…
  • …. 

…fast alle Sitzfehler und Reitprobleme haben direkt oder indirekt mit deiner Atmung zu tun. Aus diesem Grund ist der Atem auch das Thema, an dem ich mit Reitern in den 18 Jahren, in denen ich Reitern Kommunikation mit ihren Pferden unterrichte, am allermeisten gearbeitet habe. Es ist das Thema, das bei den Amanda-Barton-Kursen IMMER zur Sprache kommt. Und es ist das Thema, das auch Mark Rashid mit Reitern auf der ganzen Welt mit als Allererstes bearbeitet. Gerade neulich habe ich ihn wieder sagen hören, dass „der Atem das allerwichtigste“ sei, der Hebel zu allem, was wir erreichen wollen. Weil mit dem Atem buchstäblich alles beginnt – und alles endet.

Wie atme ich denn richtig im Sattel? Nun, die Antwort lautet, wie so oft: Es kommt drauf an. Es kommt darauf an, wie wir jetzt atmen und was wir erreichen wollen. Schwerer als die Atemtechnik selbst ist es aber, das Atmen nicht gleich wieder zu vergessen und damit sich direkt wieder selbst zu überlassen. Das liegt daran, dass wir als Menschen dazu neigen, sehr „in unserem Kopf“ und deutlich weniger „in unserem Körper zu sein“. Wir fühlen unseren Körper oft einfach nicht so sehr, wenn wir nicht gerade darauf achten oder uns darauf geschult haben – oder er weh tut und so nach Aufmerksamkeit schreit.

Hallo Atem, was machst du denn so?

Ein schöner erster Schritt das nachhaltig zu ändern, ist die Bewusstwerdung, ein Kennenlernen des eigenen Atems. Dafür gibt es unterschiedliche Arten. Hier sind zwei:

1. Den Atem kennenlernen – Für Menschen, die gerne fühlen.

Mach dir bewusst, wie du atmest, indem du den Atem fühlen übst. Nimm dir dafür – vielleicht sogar jetzt gleich – einen Moment Zeit. Nimm wahr, wie du jetzt gerade atmest. Versuche, die Atmung nicht zu manipulieren (das ist recht schwer, wenn du dich drauf konzentrierst. Versuch es einfach trotzdem) und einfach wahrzunehmen, wo du sie fühlen kannst. An deiner Nasenspitze? In deiner Kehle bzw. Luftröhre? Im Brustraum? Im Bauch? Im Rücken? In den Fingerspitzen? Ist der Atem warm oder kalt? Weich oder kratzend? Schnell oder langsam? Ist die Ein- oder die Ausatmung länger? Beobachte ein paar Atemzüge (idealerweise 3-5 Minuten), wie die Atmung ein- und ausströmt. Bleib in der Wahrnehmung und optimiere nichts.

Wiederhole diese Übung anfangs 3 x täglich. Überlege dir am Besten direkt, in welchen Momenten du diesen kurzen Wahrnehmungsmoment wiederholen kannst: Im Auto an roten Ampeln, beim Warmreiten auf dem Pferd, beim Spazierengehen etc. Und dann gib dir das Versprechen, das auch zu tun. 💪 Nach einer Weile, wird es immer einfacher werden, „Kontakt“ mit der Atmung aufzunehmen und nebenbei auch den Körper besser zu fühlen. Damit hast die Grundlage geschaffen, den Atem zu steuern bzw. weiter loszulassen und ihn für unterschiedliche Zielsetzungen zu nutzen und deine Körperwahrnehmung verbessert. Und vielleicht merkst du auch, dass dich alleine die Wahrnehmung der Atmung etwas entspannen kann (zumindest wenn du den Wunsch vergessen kannst, in irgendeiner Form „richtig“ oder „gut“ zu atmen – beides gibt es nicht und ist hier auch nicht gefragt.). 

2. Den Atem kennenlernen – Für Zahlenliebhaber und pragmatische Analysten. 

Das Pulsmessen kennen wir, den Blutdruck messen wir manchmal auch, aber wie oft „messen“ wir die Atmung? Normal sind für einen Erwachsenen etwa 12-15 Atemzüge pro Minute, viele Menschen atmen jedoch schneller und damit flacher – wünschenswert wäre vielleicht sogar ein noch etwas niedrigerer Schnitt. Nimm dir einmal den Timer deines Handys und stelle ihn auf 3 Minuten. Atme aus, starte dann den Timer und zähle mithilfe einer Strichliste deine Atemzüge. Nach drei Minuten stoppt den Timer, schreib dir dann die Zahl auf und teile sie durch 3. (Wir nehmen hier 3 Minuten, damit du eine Chance hast, in einen natürlicheren Atemrhythmus zu finden als in 1 Minute.) Wie viele Atemzüge hast du pro Minute gemacht? Wenn du minütlich weniger als 12 Atemzüge gemacht hast: Super! Das zeigt einfach, dass du langsam atmest (oder dass du dir gerade Mühe gibst, langsam zu atmen.) Ein „zu langsam“ gibt es nicht. Wiederhole diese Übung an unterschiedlichen Tagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten und in unterschiedlichen Situationen (gerne auch auf dem Pferd) und notiere diese jeweils dazu. Schau, ob du Veränderungen und Muster beobachten kannst.

Nach einer Weile wird es immer einfacher werden, „Kontakt“ mit der Atmung aufzunehmen. Du wirst immer leichter wahrnehmen, wie du atmest und darüber auch Rückschlüsse auf deinen Gesamtzustand nehmen können. Wann spannst du dich an, wann entspannst du? Was ist angenehm (und vertieft die Atmung tendenziell), was nicht? Und auf dieser Grundlage kannst dann wunderbar lernen, deinen Atem positiv zu beeinflussen, ihn zu vertiefen und damit selbst Einfluss auf deinen mentalen und körperlichen Zustand zu nehmen.

Der Blick auf die Atmung lohnt sich – auch im Sinne deines Pferdes

Wenn du eine der Übungen auf oder neben dem Pferd ausprobiert hast: Hat es angefangen zu schnauben oder tief durchzuatmen, während du dich auf deine Atmung konzentriert hast? Das ist kein Zufall. Unsere Pferde wissen in jedem Moment wie wir atmen und reagieren unmittelbar darauf – durch ihre Reaktionen aber auch in der Art, wie sie sich selbst fühlen. Wenn wir selbst angespannt sind (und entsprechend atmen), können wir unsere Gesellschaft für die Pferde sehr unangenehm machen. Wenn wir selbst entspannt sind (und entsprechend ruhiger atmen), geht es unseren Pferden auch mit uns besser.

Je besser wir den Atem wahrnehmen, desto leichter fällt es uns, ihn im Laufe der Zeit auch zu steuern und „zu öffnen“, d.h. freier zu atmen – im Leben und auf dem Pferd. Wir können dann lernen, in Körperregionen zu atmen, die wir lösen wollen. Uns über die Atmung aufzurichten oder zu entspannen. Energie in den Körper zu holen oder Stress und Anspannung abzubauen. Uns näher zum Pferd zu holen. Die Atmung bietet für jeden von uns das Potenzial, uns in die Richtung weiterzuentwickeln, die uns gut tut. Wir müssen nur lernen, es zu nutzen.

Du hast konkrete Fragen dazu? Dann schreib mir gern. Das Thema liegt mir so am Herzen, dass ich mir sehr wünsche, jedem, der Interesse hat, hier weiterzuhelfen. Ansonsten werde ich bemühen, euch immer mal kleine Wissenshappen dazu „zuzuwerfen“. Vielleicht kann ich den ein oder anderen ja auch so für das Thema „anfüttern“. 🙂 Vielleicht hast du aber auch schon Lust auf einen Workshop zum Thema…?

Du möchtest mehr über die Atmung beim Reiten erfahren? 

Während der Corona-Zeit habe ich einen zweistündigen Online-Workshop zum Thema Atmung für Reiter kreiert, den ich nun einmal im Monat unkompliziert über eine Online-Video-Konferenz unterrichte. Für diesen habe ich einmal alles zusammengetragen, was Reiter über den Atem wissen sollten (und in zwei Stunden lernen können). Einfluss haben nicht nur meine eigenen Erfahrungen und die mit vielen Reitern, sondern auch diverse Ausbildungen und Seminare, die ich zu dem Thema besuchen durfte. Der Kurs läuft unter „Entspannt und frei im Sattel – Wundermittel Atmung“. Meld dich gleich an! Die aktuellen Termine findest du hier.

6 Dinge, die Pferdemenschen jetzt gut tun

6 Dinge, die Pferdemenschen jetzt gut tun

Was tun wir denn jetzt, wo wir so wenig Pferde um uns haben? Ich habe sechs Ideen für dich, wie du die Zeit sinnvoll und positiv (aber stresslos, bitte) nutzen kannst. 

Nun sind wir schon über einen Monat zuhause. Nicht alle, aber die meisten von uns. Nicht absolut immer, aber überwiegend. Und so wie es aussieht, wird dies auch noch eine Weile so bleiben. Viele von uns können nicht oder nicht so viel zu unseren Pferden, wie wir es gerne hätten, und das obwohl das Wetter so wunderschön ist, wie hier in Norddeutschland sonst selten über so lange Zeit (oder rennt die Zeit einfach weniger als sonst?). Uns alle plagen in unterschiedlichem Ausmaß Sorgen, Kummer oder Ängst, die Verunsicherung über „was darf man nicht und was vielleicht ja doch“ und „wie lange geht das denn noch so?“ ist verständlicherweise groß. Für uns alle ist die Situation neu und die Frage „Und was machen wir jetzt?“ scheint in unterschiedlichsten Zusammenhängen die Top-Frage der Zeit zu sein.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was ich tun kann, um andere Pferdemenschen in dieser Zeit etwas zu unterstützen. Mein Yogakurs für Reiter findet inzwischen online statt – und auch das läuft, zu unser aller Freude, sehr gut. Außerdem nehmen dadurch nun Pferdemenschen aus ganz Deutschland und sogar den Niederlanden daran teil, was ich absolut bereichernd finde. Aber ich glaube, dass es noch so viele andere schöne Dinge gibt, die wir jetzt tun können, um als bessere Pferdemenschen aus dieser „Krise“ (das Wort ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung finde ich, daher mag ich es nicht sonderlich) hervorzugehen. Weil wir die Zeit nutzen, um schlaue Dinge zu lernen oder einfach um noch mehr bei uns anzukommen. Dazu habe ich ein paar Ideen und Erkenntnisse gesammelt, die ich heute mit dir teilen möchte. Einige setze ich selber um, andere (noch) nicht. Auch mir fällt es immer wieder schwer, mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen, mit den Dingen „die man doch jetzt endlich mal tun könnte“… auch ich habe ja schließlich gerade viel mehr Zeit als sonst, weil die Live-Termine mit meinen Klienten wegfallen. Ich erinnere mich dann immer wieder an einen Satz, der mir vor einer Weile begegnet ist und der mir eine Art Mantra geworden ist: Es geht nicht darum, uns jetzt neu zu erfinden – es geht darum, gut durch diese Zeit zu kommen.

Also: Mit diesem Satz im Hinterkopf, hier meine Ideen, wie du dir es mit „etwas Pferd“ oder ohne jetzt schön machen kannst.

1. Finde Ruhe mit einer Pferdemeditation

Hat das Geräusch eines Heu kauenden oder grasenden Pferdes auf dich auch diese ultimativ beruhigende Wirkung? Dann nimm dir doch ein paar Minuten Zeit, setz dich bequem hin und nimm dir eine kleine Pferde-Auszeit: Mach eine Meditation draus. Dafür gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Wenn du kannst, setz dich einfach selbst und direkt ein paar Minuten zu deinem Pferd, während es frisst (achte aber natürlich drauf, dass du dich dabei nicht verletzen kannst).
  2. Such dir zuhause ein fertiges Video dafür. Etwa auf Youtube (z.B. von Sarah Schlote, die Videos von sich und ihrem grasend-schlafenden und ihrem schlafenden Pferd gemacht hat, und ein ganz süßes Video mit einem Text zu einer Gehmeditation von Thích Nhất Hạnh aufgezeichnet hat) oder etwa auf der Facebook-Seite der Skydog Ranch, die regelmäßig wunderschöne Videos der Herde ihrer geretteten Mustangs postet.
  3. Ooooder aber: Zeichne dir im Stall deine eigene kleine Pferdemeditation für zuhause auf. Nimm mit deinem Handy (z.B. der Sprachmemo-Funktion des iPhones oder einem Video) dein Pferd auf, während es frisst, atmet, schläft, während es neben dir her geht oder ein anderes Geräusch macht, das dich glücklich macht, und nutze diese Aufnahme für deine kleine Pferdeauszeit zuhause.

Wenn du noch nie meditiert hast: Du musst nichts weiter tun als da sitzen und zu versuchen, dich ganz auf die Geräusche konzentrieren. Sollte dein Kopf noch etwas zusätzliche Lenkung brauchen, kannst du dabei auch deine Atmung beim Kommen und Gehen beobachten. Bleibe hier ein paar Minuten in Stille ganz für dich (und auch etwas bei deinem Pferd).

2. Lerne Zaubertricks für dein Pferd

Als ich vor zwei Jahren die Masterson-Methode entdeckt habe, war das für mich bahnbrechend! Wir können unseren Pferden mit ganz kleinen Griffen wahnsinnig und tiefgreifend gut tun und darüber auch unsere Beziehung zu ihnen verbessern. Auf dem Youtube-Kanal von dem Begründer Jim Masterson finden sich viele kostenlose Videos, die die Methode und einzelne Techniken sehr genau anwendbar erklären. Wäre jetzt nicht eine tolle Zeit, zu lernen, wie wir unsere Pferde mit unseren Händen und Sinnen noch besser kennenlernen können? Mein Tipp: Beginne mit dem Blasenmeridian. Jims Mission ist es, dass jedes Pferd auf der Welt wenigstens einmal die Blasenmeridian-Technik kennengelernt hat. Helfen wir ihm dabei!

3. Übe dich im positiven Denken

Jeden von uns begleiten gerade jetzt Sorgen, Ängste, vielleicht auch Ärger. Und es ist so leicht, sich darin zu verlieren. Umso wichtiger, als Gegengewicht immer mal das positive Denken zu trainieren. Wenn wir positiv denken, fördern wir darüber nicht nur eine ganze Reihe gesundheitsfördernder Prozesse im Körper, mit jedem positiven Gedanken fällt der nächste auch gleich leichter. Wir „trainieren“ den Blick auf das halbvolle Glas wie einen Muskel und können uns so nicht nur gesünder und resilienter machen, wir können mit der Zeit sogar unser Gehirn nachweislich umbauen! Aber das führt hier zu weit.

Eine Möglichkeit, das positive Denken zu üben, ist das Visualisieren von schönen Momenten. Dabei können wir uns z.B. mit allen Sinnen in eine Situation hineindenken, in der wir uns besonders ruhig, lebendig oder verbunden gefühlt haben, vielleicht mit unserem Pferd. Wir begeben uns mental in einen Moment, in dem wir uns unserem Pferd (oder auch einem anderen Lebewesen) ganz nah gefühlt haben und fühlen dann in uns hinein: Was passiert mit dir? Was passiert physisch, was mental, was emotional? Wo nimmst du Gefühle wahr? Was passiert in deinem Gesicht, was dahinter? Was im Brustraum, was im Bauch? Wie fühlen sich die Hände, wie die Füße an? Was riechst du, siehst du, fühlst du? Wie verändert sich die Temperatur? Benenne all deine Beobachtungen für dich ganz genau, beobachte auch, ob sie sich verändern. Und dann fühl dich für ein paar Minuten tief in dieses Gefühl hinein. Je häufiger du übst, mental in diese warm-wohligen Situationen einzutauchen, desto häufiger wirst du sie auch im Alltag wahrnehmen – und das macht auch wiederum zufriedener. Probier das doch mal aus, das ist ziemlich magisch. 🙂

4. Lies das Buch, das du schon so lange lesen wolltest

Oder: Schau dieses Video, dass du schon so lange auf der Watchlist hast. Bei mir stapeln sich die Bücher neben meinem Bett (und im Wohnzimmer an mehreren Stellen. Und im Büro. Und auf dem Flur.). Es sind Pferdebücher, Romane, Psychologie-Bücher, Yoga-Bücher, Ayurveda-Bücher, Meditationsbücher, Kochbücher. Ich liebe sie alle! Außerdem habe ich diverse Online-Kurse gekauft, zahlreiche Videos auf meiner Watchlist und diverse Artikel gespeichert, die ich mal lesen möchte. Sie alle könnten mich wieder etwas weiter bringen, da habe ich keinen Zweifel. Aber meistens bleibt es erstmal bei der Anschaffung und der damit verbundenen guten Intention.

Ist jetzt die Zeit, sie alle endlich zu lesen? Ehrlich gesagt, vermutlich nicht. Aber es ist eine gute Zeit, um sich das EINE Buch/Video/Medium zu greifen, das gerade wirklich interessant erscheint und einfach loszulesen bzw. zu gucken. Greif dir einfach das, was dich jetzt gerade anspricht und fang an. Lege die restlichen Bücher/Links/DVDs erstmal ab – in deinem Nacken sitzend helfen sie dir auch nicht weiter, außerdem hindern sie dich beim Genuss des JETZT richtigen Buches/Videos/Textes. (Und das erste, das du greifst ist das richtige, ganz sicher. :))

Falls dir nichts einfällt, was du lesen kannst, hier poste ich neuerdings immer die Bücher, die ich gerade lese, die Liste wird sicher bald länger werden! 

5. Komm in Bewegung

Was kannst du tun, um dich körperlich auf dein Pferd vorzubereiten? Um dich endlich mal um deinen latent schmerzenden Rücken, deine verspannten Schultern zu kümmern, die schon lange deine Aufmerksamkeit möchten? Oder um deine Kondition, die schon länger nicht mehr ist, was sie mal war? Finde einen Weg dich zu bewegen. Am Besten einen, der dir Spaß macht, dann bleibst du viel leichter bei der Sache. Ich biete auch immer wieder Online-Yoga-Kurse für Reiter an, wenn das interessant ist. Der nächste 6-Wochen-Kurs startet Ende Mai, schreib mir gern, wenn du Interesse hast.

6. Verbinde dich neu

Wir alle haben sie: Die Freunde und Verwandten, die viel zu selten von uns hören. Im Zweifel, weil wir jede freie Minute mit unserem Pferd verbringen. Eventuell hast du jetzt gerade etwas mehr Zeit. Ruf. Sie. An! Sie werden sich freuen, du findest etwas Ausgleich und vielleicht sogar neue Inspirationen und verbindest dich mit Menschen, die dir (sicherlich zurecht) etwas bedeuten. Darüber und auch über ähnlich gelagerte Dinge, die jetzt ebenfalls von Wert sein können, habe ich auch in meinem Artikel über Selbstfürsorge für Reiter geschrieben.

So, ich denke, das war’s erstmal (to be continued). Wenn du gute Ideen oder Ergänzungen hast, schreib mir doch, was du gerade gerne mit ohne Pferd macht. Ich bin sehr gespannt! Hab eine gute Zeit, setz immer weiter einen Fuß vor den anderen – und lass die Sonne durchs Fenster! Es kommen auch wieder andere Zeiten.

„Zuerst das Pferd?“- Warum Selbstfürsorge auch für Reiter wichtig ist

„Zuerst das Pferd?“- Warum Selbstfürsorge auch für Reiter wichtig ist

Was wäre, wenn wir für unser eigenes Wohlergehen dieselben Maßstäbe setzen würden, wie für das unserer Pferde? Wir wären produktiver, weniger krank, zufriedener und: Bessere Reiter.

Als Reiter haben wir gelernt, das Pferd an erste Stelle zu stellen. Sorgfältig mischen das Futter zusammen, organisieren ihre Bewegung, achten darauf, dass sie ausreichend Zeit in ihrer Herde haben und halten Ställe und Ausläufe sauber. Wenn unsere Pferde einmal etwas steif, müde, oder einfach „nicht ganz in Ordnung“ wirken, passen wir die Bedingungen möglichst sofort darauf an.

Doch wenn wir selbst etwas müde aufwachen, ein bisschen steif oder Schmerzen haben – passen wir unser Arbeitspensum an, machen vielleicht die ein oder andere Pause mehr…? Nehmen wir uns genug Zeit für unsere (anderen) sozialen Kontakte? Beschäftigen wir uns wirklich damit, was wir brauchen und welches „Futter“ uns guttut? Und bewegen wir uns so, wie es unser Körper braucht um langfristig gesund zu bleiben? Die Frage, wie gut wir uns eigentlich um uns selber kümmern, ist unter Reitern eher unpopulär. 

Kümmern wir uns um unsere eigenen Bedürfnisse annähernd so gut wie um die unserer Pferde?

Die Frage „Kümmerst du dich um dich?“ würden die meisten von uns dabei vermutlich bejahen. Wenn wir jedoch gefragt werden: „Auf welche Art und Weise kümmerst du dich um dich?“ wird es etwas schwieriger. „Self care“, zu Deutsch: Selbstfürsorge, ist ein Begriff, der in den sozialen Medien inzwischen allgegenwärtig ist. Oft verbunden mit Selfies von selig lächelnden Frauen in Wellness-Oasen oder meditierend in sonnendurchfluteten Mohn-Feldern. Wem das zu fern von seinem Alltag ist, den kann ich zu gut verstehen. Und wem es schwerfällt, sich die Zeit zu nehmen, eine regelmäßige Routine für etwas zu entwickeln, das man nur für sich, ohne sonstigen direkt erkennbaren Sinn macht, auch. Wir alle laufen mit so langen To-Do-Listen herum, dass es schwer ist, Dinge wie ein Schaumbad zu priorisieren.

Aus dem Wunschdenken, eine Art Superwoman zu sein, die mühelos die Welt rettet, ohne selbst viel zu brauchen, komme ich auch. Seit meiner Kindheit habe ich mich aufopferungsvoll um so viele Pferde wie möglich gekümmert, irgendwann sind dann noch Freunde, Familie, ein Partner und mehrere Jobs dazu gekommen, für die ich mich auch verantwortlich fühle, die meine Aufmerksamkeit brauchen und meine Kraft. Jahrelang bin ich mit all dem sehr freigiebig umgegangen, ohne Pausen und ohne mir Gedanken zu machen, wo ich dabei bleibe.

Bis mein Körper die weiße Fahne gehisst und mir zu verstehen gegeben hat, dass es so nicht weitergeht. Nachdem mich mehrmals hintereinander harmlose Infekte komplett außer Gefecht gesetzt hatten, begann ich, die Warnungen meines Umfelds, ich würde Gefahr laufen, mich selbst aufzugeben und auszubrennen, etwas ernster zu nehmen. Ich begann, mich mehr mit mir und meinen Motiven sowie mit dem Thema Selbstliebe und -fürsorge zu beschäftigen und erste zögerliche Schritte in diese Richtung zu unternehmen.

Was heißt denn das eigentlich, „Selbstfürsorge“? Für mich bedeutet es, darauf zu achten, was ich brauche, um mich gut zu fühlen, entspannt und präsent sein zu können. Zu merken, wenn meine Ressourcen schwächer werden und sie aufzuladen, bevor sie leer sind. Mich zu entspannen und Mitgefühl mit mir, meinen Grenzen und Schwächen zu haben. Mich immer wieder zu fragen: Was brauche ich gerade? Mit anderen Worten: So nett, wie ich es zu anderen sein möchte, auch zu mir zu sein. Gute Selbstfürsorge ist der Schlüssel zu einem längeren, ausgewogenen Leben, aktiviert es doch das parasympathische Nervensystem, das Ruhe-System im Körper, lindert dadurch Stress und hilft dem Körper, sich zu regenerieren und gesund zu bleiben. Außerdem hilft sie uns, uns zu konzentrieren und dadurch produktiver zu sein. Sie ist also rundum sehr sinnvoll eingesetzte Zeit.

Warum fällt das also so schwer? Wie viele andere, hielt auch ich früher Dinge wie Selbstliebe und Selbstfürsorge für egoistisch und narzisstisch. Spätestens bei näherer Betrachtung ist dies aber denkbar weit gefehlt. Vielmehr beginnt die Art, wie wir mit anderen umgehen, bei uns selbst. Wenn wir großzügig und liebevoll zu uns sind, fällt es uns leichter, auch anderen ihre Fehler nachzusehen. Und: Wir müssen uns um uns selbst kümmern, damit wir überhaupt die Ressourcen haben, uns um andere zu kümmern. Dabei ist es wie mit der Sauerstoffmaske im Flugzeug, die man sich laut der Sicherheitshinweise immer selbst zuerst aufsetzen soll: Wir können niemandem helfen, solange wir selbst keine Luft bekommen.

Je besser atmen können, desto mehr können wir helfen.

Die nötige Grundhaltung der Selbstliebe, die für die Selbstfürsorge notwendig ist, wird uns auf unserem Weg jedoch selten mitgegeben. In den Familien und auch in der Arbeitswelt mangelt es an guten Vorbildern. Im Gegenteil: Die heutige Arbeitskultur macht Fleiß, aber auch Stress und Verausgabung zum Status-Symbol. Und auch in Bezug auf unsere Freizeit haben wir beigebracht bekommen: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Es ist nur leider so, dass wir mit „der Arbeit“ heutzutage nie fertig werden.

Selbstfürsorge ist in erster Linie eine Frage der Haltung – nicht der zeitlichen Ressourcen. Denn sie sieht für jeden anders aus. Früher dachte ich, dass ich mich dafür auf die Couch legen muss und gar nichts tun darf. Und ich war frustriert, dass ich dafür einfach nie Zeit gefunden habe und mir „Nichtstun“ auch am Feierabend schwerfällt. Heute weiß ich: Das ist einfach nicht das Richtige für mich. Stattdessen kann ich auch in meinem aktiven Tag Momente finden, um zu mir zu kommen, meine Selbstfürsorge ist oft eher aktiv, in Form von Yoga oder einem Spaziergang. Wenn ich diese Momente bewusst zur Entspannung und Selbstfürsorge nutze.

Selbstfürsorge ist eine Frage der Haltung – und erlernbar

Hier ein paar praktische Tipps, die mir bis heute helfen, Selbstfürsorge zu leben:

  • Nutze die Zeit beim Pferd bewusst für dich. Die Natur kann helfen, uns zu erden, Momente des Innehaltens und der bewussten Wahrnehmung zu finden. Die Zeit im Stall eignet sich dafür wunderbar. Fühle die warme Pferdenase auf der Hand, genieße der Blick über die Weiden. Nimm dir die Zeit, den Raubvogel, der seine Kreise über die Felder zieht, zu beobachten. Wenn du etwas Glück in den kleinen Momenten findest, fühlst dich gleich etwas erholter.
  • Entspann dich. Das ist oft leichter gesagt als getan. Selbst wenn nicht viel Zeit für Entspannung zu bleiben scheint – es ist wichtig, dass wir herauszufinden, was uns entspannt. Das mag für den Einen ein langes, heißes Bad sein, für den Nächsten eine kurze Meditation oder die Lieblingsmusik. Auf die Schnelle helfen auch oft ein paar tiefe Atemzüge oder ein Mini-Stretching. Egal was es ist: Um körperlich und geistig fit zu bleiben, ist es wichtig, regelmäßig (d.h. mehrmals täglich) kurze Inseln der Entspannung zu schaffen. Und genug zu schlafen!
  • Beweg dich. Beim Reiten arbeiten wir nur mit unserem Teil unseres Körpers. Da jeder von uns aber ein Gesamtkunstwerk ist, zu dem jeder Pinselstrich, jeder Teil, einen wichtigen Beitrag leistet, brauchen wir all unsere Muskeln stark und beweglich, um gesund zu bleiben. Am Besten bewegen wir also unterschiedliche Teile unseres Körpers regelmäßig und das, wichtig, mit dem Ziel der Selbstfü Die vielen geleisteten Arbeiten und gelaufenen Kilometer im Stall zählen hier also nur dann dazu, wenn wir dabei die Intention haben, uns damit etwas Gutes zu tun. Betrachten wir die Stallarbeit in erster Linie als Arbeit, sollten wir sie durch positiv empfundene Bewegung ausgleichen. Durch ganzheitliche Bewegungskonzepte wie Yoga oder Qi Gong können wir zusätzlich unseren Geist ansprechen. Mir hat insbesondere das Yoga sehr geholfen, zur Ruhe zu kommen und ein Gefühl für Teile meines Körpers zu entdecken, die ich vorher gar nicht kannte.
  • Fühl dich. Wenn du mal wieder so tief im Alltag steckst, dass du vergisst, dass du einen Körper hast, nimm dir einen Moment, um dich selbst zu berühren. Das kann eine kleine Hand- oder Schultermassage sein, die Hand, mit der du deinen Herzschlag fühlst, vielleicht kennst du sogar Akupressur-Punkte die dir helfen können. Für mich ist „Hände eincremen“ inzwischen ein kleiner Wellness-Moment geworden, den ich gerne nutze, wenn ich mich mal wieder zu verlieren scheine. Berührung wirkt stresslindernd – auch die eigene. Und gerade die hilft uns, zu uns zu kommen.
  • Bau dir einen gesunden Körper. Während wir unseren Pferden möglichst gesunde, nährstoffreiche Futtermittel bereitstellen, nehmen wir das bei uns selbst oft nicht so genau. Dabei brauchen auch wir eine gesunde, ausgewogene Ernährung, um leistungsfähig und gut drauf zu sein. Was du heute isst, ist morgen Teil deines Körpers. Lerne zu fühlen, was du brauchst und dir guttut. Nimmst du dir die Zeit, auch während des Tages zu essen oder zu trinken, wenn dein Körper es braucht? Selbstfürsorge heißt, dass ich gesunde Lebensmittel in den Tag integriere und vorplane, um sicherzustellen, dass ich jeden Tag mit ausreichend nahrhaften Lebensmitteln versorgt bin.
  • Mach Spaß zur Priorität. Selbstfürsorge heißt herauszufinden, was dir Spaß macht und ernstgemeinte Versuche zu unternehmen, das in deinen Tag oder wenigstens deine Woche zu integrieren. Such dir täglich etwas auf, dass du dich freuen kannst. Das kann ganz einfach sein: Etwa abends ein gutes Buch zu lesen oder mit einem lieben Menschen zu Abend zu essen. Und finde Gelegenheiten, zu lachen – auch das entspannt direkt.
  • Beobachte deinen Energiehaushalt. Wenn du dich abends „leer“ fühlst, frag dich: Was war zu viel, welche Situationen und Menschen haben so viel Kraft gekostet? Selbstfürsorge bedeutet zu merken, wann der Akku leerer wird und Maßnahmen zu ergreifen, das Pensum herunterzufahren, das richtige Maß zwischen „zu viel“ und „nicht genug“ zu finden.
  • Setze klare Grenzen. Vielleicht das Schwierigste an der Selbstfürsorge: Ein „Ja“ zu den eigenen Bedürfnissen heißt oft auch „Nein“ zu den Wünschen und Bedürfnissen anderer. Egal, ob es die Freundin ist, das Kind, der Mann, die Nachbarin, der Chef oder auch das Pferd (jenseits der Grundversorgung natürlich). Dass die ersten „Neins“ schwer fallen, ist ganz normal. Es braucht etwas Übung, die eigenen Grenzen zu erkennen und dann einzuhalten. Meiner Erfahrung nach schadet das ein oder andere „Nein“ zuviel am Anfang nicht. Und mit der Zeit wird es immer leichter, die eigenen Grenzen zu wahren – und vermutlich werden sie auch immer weniger angegriffen. Interessant ist nämlich zu beobachten: Wenn wir uns selbst mehr Respekt schenken, wird auch unser Umfeld immer respektvoller mit uns umgehen.
  • Nimm wahr, wie du mit dir selbst spricht. Die britische Therapeutin Marissa Peer schreibt: „Die wichtigsten Worte deines Lebens sind die, die du zu dir selbst sprichst.“ Die Art, wie du mit dir sprichst und über dich denkst, hat eine wahnsinnige Wirkung. Unsere Wahrnehmung der Welt entsteht in unserem Kopf. Wenn wir denken, dass wir einen schlechten Tag haben werden, werden wir ihn vermutlich auch bekommen. Wenn wir denken, dass uns etwas stresst, stresst es und direkt umso mehr. Was denkst du über deine Zeit? Deine unterschiedlichen Rollen? Über dich selbst? Deine Gesundheit? Wichtiger als die Veränderung unserer Gewohnheiten, ist die Veränderung unserer Gedanken. Und dazu müssen wir sie erst einmal wahrnehmen.
  • Lerne zu nehmen. Selbstfürsorge heißt nicht nur, dass man sich selbst etwas Gutes tut. Es geht auch darum, zuzulassen, dass andere etwas für uns tun. Zu verstehen, dass es okay ist, auch mal etwas anzunehmen, kann eine der wichtigsten Lektionen auf dem Weg zur Besserung sehen. Und sie erlaubt auch anderen, das gute Gefühl des Gebens zu erfahren.

Wie fang ich an?

Die gelebte Selbstliebe kann also ganz unterschiedliche Gesichter haben, und jeder sollte für sich selbst herausfinden, was ihm hilft und was passt. Dabei lohnt es sich, ein paar Dinge zu berücksichtigen:

  • Halt es einfach. Im Laufe der Zeit wirst du lernen, was für dich funktioniert und automatisch mehr Formen der Selbstfürsorge in dein Leben integrieren.
  • Selbstfürsorge passiert nicht einfach so, sondern sollte etwas geplant werden. Trage dir Termine für dich in den Kalender ein und informiere auch andere darüber, um deine Verbindlichkeit zu erhöhen. Suche im Alltag aktiv nach Möglichkeiten der Selbstfürsorge.
  • Wichtig ist, dass wir Selbstfürsorge immer bewusst ausführen. Mit anderen Worten: Wenn du etwas nicht als Selbstfürsorge siehst, du etwas nicht machst, um dir selbst etwas Gutes zu tun, wird es auch nicht den positiven Nutzen der Selbstfürsorge haben. Mach dir bewusst was du tust, warum du es tust und welche Ergebnisse es gibt.
  • Lerne, das Selbstfürsorge keine Belohnung ist, sondern ein wichtiger Teil des Prozesses. Das heißt: Nimm dir die Zeit, gut zu essen, dich ausreichend zu bewegen, dich gut zu fühlen und, um Gottes Willen, auch auf Toilette zu gehen, wenn es erforderlich ist. Auch wenn du gerade beschäftigt bist und nicht erst danach.

Den Anspruch, den ich an das Wohlergehen meines Pferdes habe, habe ich heute zunehmend auch an mein eigenes und ich muss feststellen: Ich bin besser in allem. Ich bin gesünder, zufriedener und entspannter, nehme noch eher die Bedürfnisse anderer wahr und komme trotzdem weiterhin gut „voran“ in Leben. Und auch meinem Pferd fühle ich mich näher als zuvor. Es hatte ja nie Ziele für uns, wie ich sie habe. Meinem Pferd ist egal, wie viel ich in 24 Stunden leisten kann. Mein Pferd glorifiziert weder Stress noch Leistung. Aber es fühlt, dass ich ihm ein viel angenehmerer Partner bin, wenn ich entspannt und ausgeruht bin, wenn mein Körper und mein Geist sich vollständig auf unsere gemeinsamen Momente konzentrieren können.

Wenn wir uns besser fühlen, hat am Ende unser gesamtes Umfeld etwas davon, auch unsere Pferde. Ich halte Selbstfürsorge daher inzwischen für unsere Pflicht – uns selbst, aber vor allem unseren Lieben gegenüber.

Liebe Reiter, wir sind stolz darauf, wie wir uns um unsere Pferde kümmern. Es ist Zeit, dass wir dasselbe für uns tun. Unsere Pferde werden es uns danken.

– Dieser Text ist in der FEINE HILFEN Nr. 34 erschienen. –

Wie trifft man gute Entscheidungen für sein Pferd?

Wie trifft man gute Entscheidungen für sein Pferd?

So schön es ist, ein Pferd zu haben, so schwierig ist es auch, ihm in allen Belangen gerecht zu werden. Aber die Lösung des Problems liegt nicht darin, alles zu wissen oder jemandem hinterherzulaufen, der alles weiß – sondern in unserer eigenen Haltung. Dieser Text ist erstmalig in der FEINE HILFEN, Ausgabe 32 im Dezember 2018 erschienen.  Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich müsste alles wissen. Dass jemand, der sich anmaßt, andere Reiter zu unterrichten, auf all ihre Fragen rund ums Pferd zuverlässig richtige Antworten geben können sollte. Passt der Sattel? Haben die Hufe die richtige Form?  Was ist das für eine Beule? Soll ich mir dieses Gebiss kaufen? Einen baumlosen Sattel? Welche Kräuter soll ich füttern? Ist das Jakobskraut? Und passen die Gamaschen zur Satteldecke? Als Pferdebesitzer ist man mit vielen Fragen konfrontiert, man unterschätzt das. Bis man selbst in der Situation ist, plötzlich Antworten auf die unwahrscheinlichsten Fragen parat haben zu müssen. Und dann hört es nicht mehr auf. Ständig ist ein neues Thema aktuell, ständig ist man dabei, ein anderes Problem zu lösen. Gesundheit, Fütterung und Haltung bieten allesamt einen enormen Komplexitätsgrad und immer neue Probleme und Fragestellungen, die den Pferdebesitzer auf Trab halten. Und dabei sind wir noch gar nicht angekommen bei den Trainingsfragen und den Themen, die den harmonischen Umgang zweier artfremder Lebewesen miteinander betreffen. Immer soll man eine Meinung haben, immer geht es um nicht weniger als das absolute Wohl des Tieres.

Je mehr wir wissen, desto mehr müssen wir auch bedenken

Dass die Fragen und Informationen so umfassend und detailliert geworden sind, ist in erster Linie eine positive Entwicklung. Je mehr wir über Pferde wissen, desto besser können wir ihnen gerecht werden. Das ist erstmal sehr gut für die Pferde. Denkt man so. Aber Pferd ist nicht gleich Pferd, Mensch nicht gleich Mensch – und Forschungsergebnis auch nicht gleich Forschungsergebnis. Es kann sehr sehr verlockend sein, die Verantwortung abzugeben oder zumindest zu teilen. Die meisten Pferdebesitzer haben inzwischen ein Kompetenzteam aus Tierärzten, Heilpraktikern, Bodyworkern, Hufbearbeitern, Zahnärzten und Trainern, denen sie mehr oder weniger tief vertrauen. Im Idealfall teilen all diese Menschen die gleiche Meinung zu dem einen Thema, das Einem gerade auf der Seele brennt. Wahrscheinlich ist es nicht. Die Pferdewelt ist voll von unterschiedlichen Standpunkten, Traditionen, Meinungen und Erkenntnissen, und die meisten haben (oder hatten mal) einen berechtigten Kern und viele (wenn auch nicht alle) meinen es gut mit den Pferden. Auch gibt es inzwischen die unterschiedlichsten Spezialisierungen, in die man tiefer eintauchen kann. Alle sehr spannend und sicher sehr berechtigt. Aber wie kann ich als Pferdebesitzer denn nur beurteilen, was das Richtige für mich und mein Pferd ist, auch ohne ein eigenes Tiermedizin-Studium, eine Heilpraktiker- und Hufpflege- sowie diverse Trainer-Ausbildungen absolviert zu haben? Welchem Trainer ich folge? Welchem Rat von Tierärzten, Fütterungsexperten und wohl meinenden Stallkollegen? In den knapp zehn Jahren, in denen ich meine Stute habe, gab es immer wieder Momente, in denen ich der Verzweiflung recht nahe war. Und in den meisten war mein Pferd nicht mal in der Nähe. Je mehr Erfahrungen man sammelt, je mehr man weiß, sieht und hört, desto schwieriger ist es, das „Falsche“ zu ignorieren. Es wird immer deutlicher, dass eine optimale Pferdehaltung in unserer Lebenswelt kaum möglich ist, dass das Ziel des perfekten Pferdebesitzers nicht erreichbar ist. Die Verantwortung für dieses große, schöne, unschuldige Wesen, das nicht für sich sprechen kann, kann sich zwischendurch sehr schwer anfühlen. Vor allem, wenn der Druck gerade wieder zunimmt. Weil jemand etwas Kritisches gesagt hat, man etwas Neues gelesen hat oder sonst feststellt, dass man dem eigenen Pferd wohlmöglich bisher nicht so gerecht wird, wie man es gerne hätte. Wir stressen uns damit, möglichst gut zu sein in unserem Job als Pferdebesitzer. Die Krux: Die damit verbundene Anspannung, der Stress, den wir uns damit machen, schränkt uns in unserem Handlungsspielraum nur weiter ein. Wenn wir an all die falschen Entscheidungen in unserem Leben zurückdenken, werden wir vermutlich feststellen, dass sie in angespannten Momenten getroffen wurden. Je gestresster wir sind, desto weniger Optionen können wir sehen, und desto schlechter sind die Entscheidungen, die wir treffen.

Je mehr wir uns stressen, desto unwahrscheinlicher werden gute Entscheidungen

Es geht also erstmal darum, uns zu entspannen. Und darüber tatsächlich die Verantwortung anzunehmen. Für unsere Pferde. Aber erstmal: Für uns. Das mag weit hergeholt klingen, doch: Wie wollen wir denn für unsere Pferde gute Entscheidungen treffen, wenn wir das oft nicht mal für uns selbst können? Wir behandeln unseren Körper, als wäre er nur dafür da, unseren Kopf von A nach B zu tragen. Wir blenden körperliche Beschwerden aus, bis es nicht mehr geht und verlassen uns auch danach eher auf Ärzte und Medikamente, als auf unser Gefühl. Wir ernähren uns von Dingen, die mit der Natur oft nichts mehr zu tun haben. Wir übernehmen so ungern die Verantwortung für unseren eigenen Körper, ob wir uns selbst „artgerecht“ halten, ist sehr zu bezweifeln. Aber das merken wir meist nicht einmal, denn wir fühlen unsere inneren Bedürfnisse immer weniger, verlassen uns viel zu oft blind auf das einmal Gelernte und sehen neue Möglichkeiten nur schwerlich. Was für Erfahrungen bleiben uns wohl dadurch verschlossen? „Horsemanship ist die Kunst, die eigenen Bewegungen, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen in den Griff zu bekommen. Und nicht die des Pferdes“, so der amerikanische Horseman Mark Rashid. Unsere Pferde spiegeln uns, und im Umgang mit ihnen spiegelt sich oft auch unser Blick auf uns und die Welt. Was heißt das im Bezug auf die Entscheidungen, die wir für unsere Pferde treffen? Wir müssen uns selbst wieder fühlen lernen. Verstehen, wer wir sind und wie wir uns genug entspannen können, um dann mündige Entscheidungen zu treffen – auch, aber nicht nur zum Wohle unserer Pferde. Unser Gefühl und unseren gesunden Menschenverstand wieder anschalten und ihm vertrauen lernen. Auch dann werden wir hin und wieder Fehler machen – aber wir werden hinter den Entscheidungen, die wir treffen und getroffen haben, stehen und aus ihnen lernen können. Dadurch werden wir stark für neue Entscheidungen. Das ist etwas unbequemer als direkt jemand anderem die Schuld zu geben, wenn etwas schief läuft. Aber es macht uns frei und zu echten, verlässlichen Partnern für unsere Pferde. Ich habe das schmerzlich lernen müssen. Lange Zeit habe auch ich für mich selbst nur ein Mindestmaß an Verantwortung tragen wollen, mich sehr vertrauensvoll auf die „Respektpersonen“ in meinem Umfeld verlassen. Gemacht, was andere sagen, blind darauf vertrauend, dass sie schon wissen, was sie tun. Bis sie sich mal einen ganz groben Schnitzer erlaubt haben, der mich daran zweifeln ließ. In Bezug auf andere und in meiner Arbeit als Pferdetrainerin sah es jedoch ganz anders aus: Hier habe ich mich in der anderen Rolle gesehen, immer eher zu viel Verantwortung übernehmen, die anderen maximal entlasten wollen, „ich kann das schon schultern“. Beides ist gerade unter Frauen ein verbreitetes Problem, wie ich inzwischen gelernt habe. Einen besseren Umgang mit dem Fluch und Segen der Verantwortung habe ich erst in den letzten Jahren entwickelt: Durch meine immer intensivere Yogapraxis. Im Yoga übt man ständig, seinen Körper bewusst wahrzunehmen, flexibel im Körper und Geist zu sein, ein feineres Gefühl für sich und die eigenen Bedürfnisse zu bekommen und: Auch als Lehrer immer Schüler zu bleiben. All das hilft mir enorm in meinem Horsemanship, ständig entdecke ich neue Möglichkeiten. Vor allem selbst Schüler zu bleiben und Fragen daher auch mal nicht beantworten zu dürfen, war erleichternd für mich. Das ermöglicht Neugier auf den nächsten Schritt, anstatt eine Lösung zu erzwingen. Mark Rashid schreibt dazu in seinem neuen Buch „Jedes Pferd verdient eine Chance“:  „Wenn Menschen das Gefühl haben, sie müssten immer Recht haben, schränken sie ihre verfügbaren Möglichkeiten ein und zwar in dem Moment, wenn alles, was in der Vergangenheit funktioniert hat, jetzt plötzlich nicht funktioniert. Wenn dies eintrifft, können sie nur die ihnen bekannte Lösung vermehrt einsetzen oder versuchen, sie noch vehementer mit noch mehr Energie anzuwenden. Tatsächlich sollten sie dann nach etwas völlig anderem Ausschau halten.“ Das braucht Aufmerksamkeit, Flexibilität und Selbstvertrauen. Bei all dem hilft mir das Yoga, aber es gibt auch viele andere Wege, sich hier zu stärken, feiner und klarer zu werden.

Wir müssen einen Weg finden, die richtigen Eigenschaften in uns zu kultivieren

Auch unsere Pferde können uns helfen, uns weiterzuentwickeln – gerade dort, wo es am Ende um sie gehen soll: „Jede Bewegung, die wir machen, führt zu einer Reaktion des Pferdes, dazu dass das Pferd sich sichtlich besser oder schlechter fühlt. Wir müssen lernen, die feinen Reaktionen des Pferde zu beobachten und auf Basis dieser Beobachtungen gute Entscheidungen zu treffen,“ so Elsa Sinclair, eine amerikanische Trainerin, die u.a. mit dem Film „Taming Wild“ bekannt geworden ist. Er dokumentiert, wie sie ein Jahr lang ohne jegliche Hilfsmittel mit einem Mustang gearbeitet hat – und dabei vieles über sich selbst und die Arbeit mit Pferden gelernt hat (ein ausführliches Interview mit ihr finden Sie unter dem u.g. Link). Sie rät dazu, sich vor allem in der Wahrnehmung von Ursache-Wirkungszusammenhängen zu üben. Anhand der Wahl des richtigen Trainers für das Pferd gibt sie folgendes Beispiel: „Wenn Du Deinem Trainer bei der Arbeit zuschaust, siehst du dann mehr Nachdenken, Entspannung oder Spielverhalten in den  Pferden oder eher  Anspannung, Flucht oder Kampf? Die Pferde werden Dir sagen, wie sie sich fühlen. Wenn Du hinsiehst und wenn Du zuhörst.“ Ich weiß inzwischen, dass ich auch als Trainerin nicht alles wissen kann. Nicht immer befreit mich das von allen Ansprüchen, und natürlich möchte ich meinen Schülern weiterhin möglichst gut weiterhelfen, meine Erfahrungen und meine Gedanken weitergeben. Aber es erleichtert mich, auch mal etwas nicht wissen zu dürfen und uns beiden die Chance zu geben, etwas Neues entstehen zu lassen. Ich glaube, mit dieser ehrlichen, offenen und entspannten Einstellung bin ich ihnen ein deutlich besserer Wegbegleiter. Weil sie es mir ermöglicht, mehr den Weg des einzelnen Schülers zu sehen, als meine eigenen Überzeugungen. Ihn und das Pferd individuell wahrzunehmen und daraus zu handeln. Und interessanterweise kommen wir darüber auch im Training zu spannenden neuen Ergebnissen, aus denen wir beide weiterlernen. Diese Art Wachstum, dieses Aufblühen in Pferd und Mensch zu sehen, gibt mir das gute Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, auch wenn viele Fragen natürlich weiterhin offen zu bleiben. Und genauso versuche ich es auch mit meinem Pferd zu halten. Unseren Pferden auf allen Ebenen gerecht zu werden, kann eine Lebensaufgabe sein. Aber je besser wir wahrnehmen, auf unser Pferd und unsere eigene Stimme hören und vertrauen, desto leichter wird diese Aufgabe. Und wer weiß: Mit Blick auf die Lösung statt auf das Problem, kann diese spannende, herausfordernde Reise vielleicht sogar Spaß machen.

Sechs Tipps für das Treffen guter Entscheidungen:

  1. Durchatmen, wahrnehmen, im Hier und Jetzt sein Die wichtigste Voraussetzung für gute Entscheidungen: Eine entspannte Atmosphäre, möglichst wenig Stress. Dieser lässt uns nämlich regelmäßig in gewohnte Verhaltens- und Reaktionsmuster fallen und beschränkt damit unsere Sicht auf die Möglichkeiten, die wir tatsächlich haben.  Warum also nicht üben, kurz innezuhalten, bevor eine wichtige Entscheidung ansteht? Eine Pause zu machen, kurz aus der Situation herauszugehen und Abstand zu gewinnen von den Stressfaktoren? Das kann heißen, dass wir kurz die Augen schließen, 5x tief durchatmen, den Raum verlassen oder drüber zu schlafen. Es hilft uns, besser wahrzunehmen, was das Problem ist und wo wir und unsere Pferde eigentlich jetzt gerade stehen.
  2. Ziele setzen Bevor wir eine Entscheidung treffen, sollten wir uns genau überlegen, was wir eigentlich wollen. Was unser Ziel, unsere Vision ist für uns, unsere Pferde und unser gemeinsames Leben. Und was dieses wirklich unterstützt. Es macht einen Unterschied, ob wir den Grand Prix anstreben oder maximale Entspannung im Umgang mit dem Pferd vor Augen haben. Wenn wir das große Ganze vor Augen haben, fällt es leichter, auch die kleineren Faktoren angemessen zu bewerten.
  3. Den richtigen Leuten die richtigen Fragen stellen Natürlich ist es klug und richtig, andere Menschen mit mehr Erfahrung (oder etwas Abstand) um Rat zu bitten, Bücher zu lesen und sich auf bestimmten Themen von schlauen Leuten weiterbilden zu lassen. Aber wir sollten uns genau überlegen, wen wir fragen und wie wir mit den gesammelten Informationen umgehen. Auf welcher Erfahrung beruht die Meinung des anderen, welche Gründe könnten vielleicht sogar noch in seine Sicht hineinspielen, und inwiefern ist es für meine Situation anwendbar? Was für andere gut und richtig ist, muss es nicht für uns sein – oder vielleicht nicht jetzt. Oft lohnt es sich dabei auch, mehrere Meinungen einzuholen, oder auch mal wirklich nachzuhaken und sich nicht mit „Halb-Antworten“ zufrieden zu geben.
  4. Selbstbewusst auf die innere Stimme hören Während unser Kopf noch Pro- und Contra-Listen anfertigt, weiß unser Bauch oft schon, was wir eigentlich wollen. Das merken wir dann daran, dass wir das Ergebnis in eine Richtung interpretieren oder enttäuscht sind, wenn das „Falsche“ heraus kommt. Wir alle haben bereits viele Erfahrungen gesammelt, wissen eine ganze Menge und kennen unsere Pferde irgendwann auch sehr gut. Dadurch wissen wir viel mehr, als uns bewusst ist. Wenn wir im entspannten Zustand in uns hineinhorchen, wartet da oft schon die richtige Lösung auf uns. Dann müssen wir uns nur noch trauen, sie auszusprechen und nach ihr zu handeln – egal, was andere sagen.
  5. Neugierig bleiben Egal, wie lange wir schon mit Pferden zu tun haben – es wird nie langweilig. Wir alle lernen immer weiter. Da hilft es, offen zu bleiben, sich daran zu gewöhnen, dass wir immer Schüler bleiben und neugierig auf neue Lösungen zu sein. Wenn wir weniger verhaftet in unseren Überzeugungen sind,  können wir besser fühlen, wie der natürliche nächste Schritt aussieht, anstatt eine Lösung zu erzwingen.
  6. Nachsichtig mit sich sein Niemand hat auf alle Fragen die richtige Antwort. Und wir alle handeln manchmal irrational, machen bescheuerte Sachen. „Perfekt“ werden wir niemals sein. Das wäre doch auch langweilig. Anstatt dann die Schuld bei uns zu sehen, sollten wir Rückschläge eher als „Schule“ begreifen. Verstehen, was falsch gelaufen ist und uns beim nächsten Mal bemühen, bessere Entscheidungen zu treffen. Wenn wir  empathisch mit uns bleiben und uns nicht stressen mit dann bereits alten Geschichten, stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass wir dazulernen, immer bessere Entscheider werden und vielleicht auch einfach mal glücklich sein können. Mit uns und unseren Pferden.

Leseempfehlung:

Mark Rashid: Jedes Pferd verdient eine Chance, Kosmos-Verlag, 2018, EAN: 9783440157794, 2018, 19,99 Euro

Dein Pferd – dein Partner: Wahrnehmen, leiten, vertrauen, Mark Rashid: Dein Pferd – dein Partner: Wahrnehmen, leiten, vertrauen, Kosmos-Verlag, 2013, ISBN: 978-3-440-13984-4, 14,99 Euro

Das Rushing Woman Syndrom: Was Dauerstress unserer Gesundheit antut, Dr. Libby Weaver: Das Rushing Woman Syndrom: Was Dauerstress unserer Gesundheit antut, Trias-Verlag, 2017, ISBN: 978-343210433, 19,99 Euro

(Die Links führen zu Amazon.de. Wenn Ihr – wie ich – manchmal einfach den Komfort schätzt und darüber bestellt, erhalte ich einen kleinen Vermittlungsbetrag. Ich lade Euch aber ausdrücklich dazu ein, Euren nächstgelegenen Buchhändler zu unterstützen. Auch die Buchhandlung um die Ecke kann Euch in der Regel jedes Buch innerhalb eines Tages bestellen, wusstet Ihr das?)

Ausführliches Interview mit Elsa Sinclair: www.danielakaemmerer.de/wissenswertes/elsa

18 Gründe, warum Yoga Dich zu einem besseren Reiter macht

18 Gründe, warum Yoga Dich zu einem besseren Reiter macht

Anlässlich meines neuen Kurses „Yoga für Reiter“, der nächste Woche wieder in Wedel startet, habe ich einmal die Gründe gesammelt, warum Yoga für Reiter so sinnvoll ist.

Yoga, was ist das gleich nochmal?

Beim Yoga geht es immer um Einheit, es lässt sich sogar damit übersetzen. Was auch oft missverstanden wird: Yoga ist kein Sport, sondern eine Lebensart, ein ganzheitliches System der Entwicklung von Körper, Geist und Seele, wenn man so will. Die körperlichen Übungen, die man hierzulande oft mit Yoga verbindet, stellen nur einen kleinen Teil dieser Philosophie dar. Und interpretiert wird dieser kleine Teil auch noch ganz unterschiedlich. Yoga ist also nicht gleich Yoga, aber Yoga ist immer: Einheit. Yoga zu praktizieren, in welcher Form auch immer, macht daher gerade für Reiter eine Menge Sinn, suchen sie doch auch die Einheit mit ihrem Pferd. Wie ich in dem Beitrag zu den Parallelen zwischen Reiten und Yoga bereits schrieb, ist das Reiten selbst für mich auch eine Form von Yoga, zumindest, wenn man es mit dem richtigen Mindset praktiziert. Wie dem auch sei.  Ein paar konkrete Vorteile – physischer wie emotionaler/psychischer Natur – schreibe ich hier für Dich auf.

Körperliche Vorteile von Yoga für Reiter

  1. Yoga spricht Dich als Gesamtpaket an. Im Gegensatz zu anderen sportlichen Disziplinen spricht Yoga neben unserem Körper auch unseren Kopf und, wenn man es zulässt und es so nennen möchte, auch unsere Seele an. All unsere Facetten werden auf Harmonie eingestimmt – und diese lässt sich dadurch umso besser mit dem Pferd herstellen. Außerdem beeinflusst es unsere Entwicklung als Individuum positiv, wenn wir uns Zeit und Mut nehmen, uns auf all diesen Ebenen mit uns selbst auseinander zu setzen. (Wie weit der Einzelne dies treiben möchte, steht ihm natürlich frei.)
  2. Yoga schult Deine Körperwahrnehmung. Kennst Du das, wenn Du lange an keinem Spiegel mehr vorbeigeritten bist, es dann irgendwann tust und denkst „Oh Gott, wie sitze ich denn da?“? Die meisten von uns sind nicht wahnsinnig geschult im Punkto Körperwahrnehmung und dadurch auf gelegentliche Hinweise von Reitlehrern oder Videoanalysen angewiesen. Yoga kann uns schulen, besser zu fühlen, was unser Körper macht, ob wir uns symmetrisch bewegen, ob wir in Balance sind oder nicht – und uns selbst immer genauer zu steuern. Die auf der Matte gesammelten Erkenntnisse helfen uns auf dem Pferd enorm weiter.
  3. Yoga bereitet Deinen Körper auf das Reiten vor. Genau wie Dressur den Pferdekörper stark und geschmeidig hält, ein Gleichgewicht schafft, dass es auf Dauer gesund hält, macht Yoga genau dies für unseren Körper. Ein spezielles Yoga-Programm für Reiter spricht gezielt die Muskelgruppen an, die beim Reiten besonders gebraucht werden – und schafft in den anderen einen fairen Ausgleich. Vor dem Reiten praktiziert, kann damit auch Muskelkater oder anderen körperlichen Überlastungen vorgebeugt werden, nach dem Reiten hilft es dem Körper zu einer besseren Regeneration.
  4. Yoga bringt Dir Entspannung und neue Energie. Jeder trägt Anspannung in seinem Körper, auch wir Reiter. Durch die langsamen, bewussten Bewegungen löst Yoga stressbedingte Verspannungen auf sanfte, aber effektive Art. Dadurch sinkt der Blutdruck, das sympathische Nervensystem kommt zur Ruhe und Körper, Geist und Seele regenerieren. Zugleich fühlen wir uns energievoller und klarer im Kopf.
  5. Yoga verbessert Deine Beweglichkeit und Deine Körperspannung. Richtiges Yoga stärkt und dehnt die Muskeln des gesamten Körpers und schafft Beweglichkeit in den Gelenken. Dein Körper lernt, sich in einer korrekten Haltung selbst zu tragen, Fehlhaltungen, auch im Sattel, werden korrigiert und . Die Gelenke werden geschmeidiger, die Stoßabsorption beim Reiten funktioniert besser.
  6. Yoga gleicht Deine Asymmetrien aus. Eine beständige Yogapraxis kann Dir helfen, Deine eigene Schiefe auszugleichen und nach und nach zu korrigieren. Wenn Du die Bedeutung und das Gefühl eines geraden Beckens und einer aufrechten Wirbelsäule kennst, fällt es Dir leichter, Deinen restlichen Körper entsprechend zu organisieren – im Sattel und am Boden. Wenn Du Deine Körperhaltung verbesserst, hilft es Dir mit mehr Anmut und Ausdruck zu reiten.
  7. Yoga hilft Dir ein „fauler Reiter“ zu sein. Je besser Du Deinen Körper kennenlernst, desto besser wirst Du auch darin, unnötige Muskelspannung zu erkennen. Du lernst, nur die Teile Deines Körpers zu gebrauchen, die gerade wirklich benötigt werden und die übrigen Muskeln zu entspannen. Das lässt sich dann auch mit in den Sattel nehmen und erleichtert es Deinem Pferd, sich unter Dir zu bewegen.
  8. Yoga hilft Dir, Deine Muster zu erkennen. Du knickst immer in der Hüfte ein oder lässt den Kopf hängen? Die verbesserte Körperwahrnehmung hilft Dir auch, deine physischen Muster zu erkennen und mit der Zeit auszubalancieren. Durch neue Bewegungsmuster lassen sich die alten zudem oft leicht „überspielen“, die Körperhaltung wird auch jenseits der Yogamatte flexibler und offener für neue Gewohnheiten. Vielleicht wirst Du feststellen, dass Du anfängst, Dich auch in Deinem Alltag ganz anders zu bewegen.
  9. Yoga hilft Deinem Pferd. Die positiven Effekte, die Yoga auf unseren Kopf und unseren Körper hat, bemerkt unser Pferd als Allererstes – und spiegelt sie Dir zurück. Vielleicht wirst Du plötzlich feststellen, dass die Bewegungen viel raumgreifender werden, dass der Linksgalopp entgegen jeder Erwartung plötzlich wieder auftaucht, dass Dein Pferd sich weniger erschreckt oder insgesamt lieber mit Dir kooperiert. Lass Dich überraschen!

Vorteile für den reiterlichen Kopf und die Seele

  1. Yoga hilft Dir, präsent zu sein. Die Konzentration auf den Atem und Körper schafft eine Verbindung mit dem aktuellen Moment. Die Gedanken, die sonst ja oft in der Vergangenheit oder der Zukunft hängen, werden so ins Hier und Jetzt geholt. Die Sinne werden schärfer, Achtsamkeit entsteht.
  2. Yoga hilft Dir, Deine Gedanken zu beruhigen. Neben unserem Körper, lernen wir beim Yoga auch, unsere Gedanken zu beobachten und das innere Geplapper nach und nach gezielt zu beruhigen. Wenn wir diese Kopf-Klarheit mit aufs Pferd nehmen, sind wir besser in der Lage, den Moment und die Bewegungen von Pferd und Mensch wahrzunehmen. Wir reiten also mit mehr Gefühl und können dem Pferd besser zu hören.
  3. Yoga lehrt Dich, die Stille zu genießen. In einer Zeit, in der wir täglich Millionen von Sinneseindrücken ausgesetzt sind, ist es sinnvoll, einen Gegenpol zu schaffen. Yoga und Meditation helfen Dir, Stille in Deinem Kopf zu finden und zu genießen. Um dann aufgetankt und frisch zurück in den Alltag zu gehen und aus dieser ruhigen, zentrierten Position heraus uns und auch das Pferd unvoreingenommen wahrzunehmen.
  4. Yoga hilft, konstruktiv mit Deinen Emotionen umzugehen. Wir sind nicht unsere Emotionen. Wenn wir uns das bewusst machen,fällt es uns leichter, uns von ihnen nicht umwerfen zu lassen, sondern zu lernen sie anzunehmen und zu warten, bis sie wieder vorbeigehen. Und das geht auf der Yogamatte wunderbar, wo wir (wie überall – nur eben kontrolliert und konzentriert) immer wieder mit den eigenen Grenzen und Dämonen konfrontiert werden. Außerdem lernen wir, wie wir über Atem- und Bewegungstechniken unsere Stimmung ganz gezielt beeinflussen und alte Gefühle loslassen können. Das macht uns nicht nur gefühlt gleich etwas leichter, sondern hält uns auch mental gesund.
  5. Yoga tut Dir ganzheitlich gut. Während einer Yogastunde arbeiten wir uns systematisch durch den ganzen Körper, bringen ihn auf allen Ebenen in Balance. Dadurch entsteht ein übergreifendes Gefühl von Harmonie und Wohlbefinden.
  6. Yoga hilft Dir Mitgefühl zu entwickeln – gegenüber Dir selbst und Deinem Pferd. ..Und das nicht nur wegen der körperlichen Beanspruchung. Yoga hat die spannende Eigenschaft, über den intimen Kontakt mit dem eigenen Körper auch ein Gefühl von Verbundenheit mit unserer Umwelt herzustellen. Plötzlich gibt es mehr das uns verbindet, als das uns trennt. Dieses Mitgefühl hilft Dir auch, Deinem Pferd anders zu begegnen.
  7. Yoga hilft Dir, schwierige Situationen zu deeskalieren. Je besser Du Deine Atmung kennst, desto schneller wirst Du lernen, Dich auch in einer schwierigen Lage „herunterzuatmen“ und dadurch handlungsfähig und relativ entspannter zu bleiben.
  8. Yoga hilft Dir, positiv zu denken. Wir bauen uns unsere Welt in unserem Kopf. Wenn wir erwarten, einen schlechten Tag zu haben, werden wir ihn wahrscheinlich auch bekommen. Yoga hilft uns aufzudecken, wo wir uns in unserem Kopf selbst im Wege stehen, macht uns offener für neue Gedanken und entspannter im Umgang mit unseren eigenen Fehlern.
  9. Yoga hilft Dir, Deinen eigenen Weg zu finden. Je besser wir uns und unseren Körper kennenlernen, desto leichter fällt es uns auch zu erkennen, was uns gut tut – und was nicht. Diese Sensibilität, die Schulung unserer Intuition, wenn man so will, hilft uns dabei immer schneller zu erkennen, wo unser Weg im Leben entlang führt und wo nicht.

…Wenn man die so liest, klingt das, als wäre Yoga eine Art Allheilmittel. Das Potenzial dazu hat es kurioserweise tatsächlich – allerdings bedarf es natürlich entsprechender Eigenleistung in Form von fortwährender Übung und Geduld sowie etwas Offenheit.

Wenn Ihr darüber nachdenkt, mit Yoga zu beginnen und nicht wisst, wie ihr anfangen sollt, oder konkrete Fragen zum Thema Yoga für Reiter habt, meldet Euch jederzeit sehr gerne.

Quelle: u.a. „Yoga for Equestrians“ Benedik/Wirth, North Pomfret, VT, 2000

Das haben Yoga und Reiten gemeinsam

Das haben Yoga und Reiten gemeinsam

Nächste Woche startet zum zweiten Mal mein Kurs „Yoga für Reiter“ in Wedel. Ich freue mich riesig über die Möglichkeit, Reitern das Yoga näher zu bringen – und sie damit ihren Pferden. Für mich ist Reiten Yoga. Das liegt nicht nur daran, dass es ganz Yoga uns zu besseren Reitern macht sondern auch daran, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt.

Parallelen zwischen Reiten und Yoga

  • Alter Wein in aktuellen Schläuchen. Sowohl die klassische Reitkunst als auch das traditionelle Yoga sind uralt. Und am Anfang ging es bei beidem im Kern um Mitgefühl, Freundlichkeit und Bewusstheit. Die erste bekannte Schrift zum Thema Reiten war die von Xenophon, einem griechischen Soldaten und anscheinend Top-Horseman seiner Zeit. Seine Methoden fußten auf Intuition, Güte und Mitgefühl gegenüber dem Pferd. Im Yoga lernen wir, unseren Körper und den des Pferdes auf gleiche Weise zu behandeln. Statt auf Zwang und Unterwerfung zu setzen, lehrt das Yoga uns Dinge anzunehmen, genau hinzuhören und freundlich zu fragen.
  • Ganzheitliches Training. Reiten und Yoga haben Einfluss auf den Körper und den Geist – und können uns hier wie dort an Grenzen bringen! Beide bieten einen relativ geschützten Raum um zu üben, die eigenen Grenzen langsam zu erkennen und zu erweitern. Im Yoga müssen wir uns aber dabei tatsächlich nur auf uns konzentrieren – das hilft uns, das Gelernte leichter auch mit aufs Pferd zu nehmen.
  • Effektive Ausbildung. Die klassische Reitpferdeausbildung lehrt das Pferd Gleichgewicht, Beweglichkeit, Durchlässigkeit und mentalen Fokus. Das Yoga entwickelt genau diese fundamentalen Qualitäten in uns Reitern, so dass wir unser Pferd besser unterstützen und uns gemeinsam effektiv weiterentwickeln können.
  • Lebenslanges Lernen. „Je mehr du lernst, desto mehr Fragen hast Du.“ Auch das trifft für mich auf beide Disziplinen zu. Je mehr man sich in die Themen hineingräbt, desto mehr stellt man auch fest, dass es noch viel, viel mehr zu wissen gibt. Weder Reiten noch Yoga hat man je „ausgelernt“, beides ist auch eng an den gesamten inneren Wachstumsprozess geknüpft, den wir im Laufe des Lebens durchlaufen.
  • Ehrliches Feedback. Yoga hilft uns, ein Gefühl für unseren Körper und dessen Symmetrie zu bekommen, sowie Ungleichmäßigkeiten, die wir alle haben, aufzudecken und auszugleichen. Auch das Pferd zeigt uns dies an, so dass wir als aufmerksamer Reiter ein ähnliches (aber oft weniger leicht behandelbares) Feedback bekommen.
  • Bei beidem geht es um Gefühl mehr als um die Technik. Techniken sind wichtig, aber es kommt sowohl im Reiten als auch beim Yoga der Punkt, wo das Gefühl entscheiden muss.
  • Ziel der Einheit. Sowohl beim Reiten als auch beim Yoga geht es am Ende um Verbindung, um die Herstellung einer Einheit. Im Yoga, was frei übersetzt sogar „Einheit“ bedeutet, umfasst dies alle Aspekte des Selbsts, d.h. deinem Körper, deinem Geist und deiner Seele. Wenn wir lernen, uns selbst zu „vereinheitlichen“, hilft uns das auch eine Einheit mit dem Pferd herzustellen. Und wenn wir mit dem gleichen mentalen Fokus und der gleichen Achtsamkeit gegenüber aller Bestandteile dieser Einheit Reiten, wie wir Yoga praktizieren, wird Reiten zum Yoga!

Und weil ich gerade warm bin, verfasse ich gleich einen zweiten Artikel über die Vorteile des Yoga für Reiter. Quelle: u.a. „Yoga for Equestrians“ Benedik/Wirth, North Pomfret, VT, 2000

Über die Geduld, oder: 2018 wird endlich alles anders

Über die Geduld, oder: 2018 wird endlich alles anders

Ist das nicht verrückt? Knapp zwei Wochen ist 2018 nun schon wieder alt. Und damit auch mein Vorsatz, oder besser, mein kleines Jahresexperiment: Die Auseinandersetzung mit meiner (mangelnden) Geduld.

Ich werde immer besser darin, rund um Silvester das neue Jahr vorzuplanen. Mir zu überlegen, was ich mir für die Zukunft wünsche und einmal zu reflektieren, was bisher gut gelaufen ist – und wo noch Luft nach oben ist. Weniger „reinzurutschen“, als mehr selbst die Segel zu setzen und sich sehenden Auges hineinzusteuern in die nächsten 365 Tage. Gut vorbereitet also, und dennoch wohlwissend, dass Überraschungen hinter jeder Ecke lauern. (Aber auch denen kann man ja so oder so begegnen.)

Dieses Jahr starte ich bereits zum zweiten Mal mit KLARHEIT (Kalender und Papier-Coach in Einem, sehr cool), außerdem habe ich mir das „Mapping 2018“-Video von Elena Brower angesehen, in dem die New Yorker Yoga-Lehrerin zeigt, wie sie das neue Jahr für die verschiedenen Lebensbereiche „kartographiert“. Die Idee ist, dass man sich zu Beginn eines solchen neuen Abschnitts einmal ganz bewusst macht, wer man ist und wo man steht – und wie man das Neue angehen möchte. Elenas Tipps dazu sind insgesamt sehr wertvoll und spannend, schon in den letzten Jahren haben mir ihre Jahreswechselvideos sehr geholfen.

Was mir in diesem Jahr aber besonders in Erinnerung geblieben ist: Elena Brower empfiehlt, dem Jahr eine Art Leitmotiv zu geben. Ein Thema, das die nächsten Monate im Großen wie im Kleinen untermalen soll, verpackt in ein einziges Wort. Das kann natürlich alles Mögliche sein. Selbst- oder Nächstenliebe, Nachhaltigkeit, Bewunderung, Genuss, Stabilität, Bewegung, Wachstum usw. oder auch Softness, was ich sehr hübsch finde. Dennoch, das Wort, das mir schicksalhaft schnell in den Sinn kam, ist: Geduld.

Tatsächlich ist Geduld für mich eine förderungswürdige Eigenschaft. Denn entgegen dem Eindruck, den ich anscheinend regelmäßig verbreite, bin ich nicht gut in Geduld. Zumindest nicht immer. Ich kann stundenlang entspannt mit einem unsicheren Pferd vor dem Anhänger stehen, kann (Yoga-)Schülern immer wieder, wenn es darauf ankommt, gern auch auf 100 verschiedene Arten erklären, was ich von ihnen möchte – das stört mich tatsächlich gar nicht. Dennoch erfasst mich regelmäßíg eine bissige Unruhe. Wenn die Schlange an der Supermarktkasse sich mal wieder so gar nicht vorwärts bewegt, wenn der Autofahrer vor mir einfach nicht in die Gänge kommt, wenn ich durch die Stadt laufe und in eine Herde staunend schleichender Touristen gerate, die meine Agenda durcheinanderzubringen drohen. Oder: Wenn ich meine Lebensumstände insgesamt nicht so schnell verändern kann, wie ich gerne möchte. Ach, wäre es doch schon soweit, dann… ist endlich alles besser!? Schnell her mit dem guten neuen Leben, lieber heute als morgen! Noch besser, eigentlich: Gestern.

Nun bin ich mit diesem Thema sicher nicht allein, schließlich leben wir ja in einer Gesellschaft der unmittelbaren Bedürfnisse (….fliegen die ersten Amazon-Drohnen eigentlich schon?).  Aber wie erleichternd wäre es, dem Alltag und auch den großen Dingen des Lebens mit etwas mehr Gelassenheit zu begegnen?

2018 soll also mein Jahr der Geduld werden. Dazu muss ich mich natürlich erstmal fragen, wann ich denn eigentlich so ins „Rennen“ komme, wann ich nicht möchte, dass jetzt „jetzt“ ist, sondern „gleich/morgen/nächste Woche/in ein paar Monaten“. Und wovor ich eigentlich wegrenne. Was ist denn so furchtbar an der Zeit zwischen „jetzt“ und meinem Zielzeitpunkt? Die Unsicherheit? Das Gefühl, nicht selbst entscheiden zu können? Die Befürchtung verschwendeter Zeit? Die innere Leere vor dem großen Ereignis? Ich habe beobachtet: Meine Ungeduld triggern vor allem die Situationen, die sich fremdbestimmt anfühlen, die ich fürchte, nicht kontrollieren zu können – und die ich gerade deshalb auf Biegen und Brechen in die Hand nehmen und damit bändigen möchte. Hängt vielleicht mit meinem Sternzeichen zusammen oder so.

Was mir also gut tun würde, und darauf kommt jeder Küchenpsychologe, ist natürlich Vertrauen – in mich, die anderen und vor allem: Den Lauf der Dinge. In das große Ganze (/die große Kraft/Gott/Buddha/Allah/Brahman/das Universum/Elvis?), das schon dafür sorgt, dass alles so kommt wie es kommen soll (und dies übrigens mit oder ohne mein Zutun). Und, eigentlich schon eine relativ gut gefestigte Grundannahme von mir: Die dafür sorgt, dass alles irgendwie passt und gut wird. Vertrauen zu haben werde ich also üben – mal schauen, wie konkret.

Während meiner Recherche zum Thema Geduld, auch im Zusammenhang mit Yoga und Meditation (beides sicher per se keine schlechte Idee an dieser Stelle), bin ich aber auch auf einen anderen spannenden Gedanken gestoßen, der sich ein bisschen konkreter festigen lässt: Dass man die Geduld auch als aktive Konzentrationsübung sehen kann. Dass man sich der zu überbrückenden Zeit nicht passiv ausgeliefert fühlen muss, sondern sie bewusst zur Fokussierung nutzen kann – auf den Moment und die Dinge, die uns in der jeweiligen Situation tatsächlich weiterbringen oder die uns den Moment denkwürdiger erleben lassen (Buzzword: Achtsamkeit).

Anstatt an der Supermarktkasse also innerlich hochzukochen, möchte ich die Wartezeiten in diesem Jahr nutzen, um die Menschen um mich herum bewusst zu sehen. Zum Beispiel die nette Kassiererin, die womöglich schon zwei Stunden auf ihre Mittagspause wartet und trotzdem lächelt. Zu hören, was um mich herumpassiert (wie den kleinen Jungen, der seine Mutter gerade charmant zu einem Süßigkeitenkauf überreden möchte), zu riechen, was es zu riechen gibt (ja, auch das kann mal schön sein! :)) und zu fühlen, was es zu fühlen gibt – oder, im Zweifel immer gut: Zu atmen und dadurch aus dem Kopf heraus und wieder etwas mehr in meinen Körper zu finden. Und im Großen: Anstatt zu warten, bis die große Lebensveränderung kommt, entspannt, offen und neugierig zu bleiben. Auf die kleinen und großen Wunder des Lebens, auf die man nie wartet, weil sie sich in jeder Minute ereignen.

Wie so oft im Leben ist  der Umgang mit Geduld bzw. Ungeduld also eine Frage der inneren Einstellung. Dahinter steht die Frage, wie wir leben wollen und vor allem: wann.

Wie gesagt ist das Jahr aber ja nun schon zwei Wochen alt. Werde ich diesen hehren Ansprüchen gerecht? Natürlich leider nicht so oft, wie ich möchte. Natürlich werde ich nicht über Nacht vom Road Runner zum Flaneur, das wäre ja auch langweilig. Aber ich erinnere mich sehr regelmäßig an mein Leitmotiv, manchmal auch durch den sanften Seitenhieb wohlwollender Freunde (danke Euch, fast immer freue ich mich darüber). Und hin und wieder gelingt es mir, einmal durchzuatmen und etwas anders zu machen. Und auf diese kleinen Erfolgserlebnisse versuche ich nun aufzubauen, Gelegenheit für Gelegenheit für Gelegenheit. Warten wir also mal ab, wie sich die nächsten Monate entwickeln Lässt sich das Jahr so vielleicht momentweise zu unserem Jahr zusammenpuzzeln, ohne dass wir auf irgendetwas Tolles warten müssen…? Für mich ein lohnenswertes Experiment.

Auf ein wunderbares 2018 für uns alle!

„Love is everywhere“ – Jeden Tag ein bisschen Weihnachten

„Love is everywhere“ – Jeden Tag ein bisschen Weihnachten

Weihnachten ist das Fest der Liebe – und leider gerade wieder vorbei. Wäre es da nicht viel schöner, wenn jeder Tag ein „Fest der Liebe“ sein kann? Oder man zumindest nicht nur auf diese 2,5 Tage angewiesen ist (zumal der Plan, dann besonders viel Liebe zu erfahren und zu geben, selten so richtig aufgeht, wie wir ja wissen)?

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin mit einem sehr pathetischen, abstrakten Verständnis von Liebe aufgewachsen. Man soll seine Familie (und einige enge Freunde) extrem gerne haben und am Besten über alles setzen (= Liebe?). Vor allem aber soll man sein Liebesleben auf die Suche nach dem einen „Richtigen“ ausrichten und den dann idealerweise bis zum Lebensende rund um die Uhr „lieben“. Wenn man das Glück hat, ihn zu finden. Wenn nicht, leider nicht. (Danke, Disney.)

Das hat für mich alles bisher ganz gut funktioniert, aber ich habe schon immer geahnt, dass es das nicht gewesen sein kann. Und vor Kurzem habe ich ein Buch gelesen, das mein Verständnis von Liebe grundlegend verändert und erweitert hat. In „Love 2.0“ (deutsche Ausgabe: „Die Macht der Liebe: Ein neuer Blick auf das größte Gefühl“, erschienen bei Campus) beschreibt die Psychologin Barbara L. Fredrickson Liebe aus wissenschaftlicher Sicht. Als unsere stärkste Emotion, die uns in körperliche und seelische Höhen hebt – die als solche aber flüchtig ist.

„Liebesmomente“ sind laut ihrer Definition damit „Mikro-Momente“ geteilter positiver Gefühle zwischen mindestens zwei Individuen. Das Lachen mit einer Freundin. Die Umarmung, die man einem Kollegen aus Mitgefühl schenkt. Das Lächeln, das man mit einem Baby im Bus austauscht. Das „Dankeschön“ der Kellnerin für das minimal höhere Trinkgeld. Das kollektive Jubeln nach dem Tor des Lieblingsvereins. (Oder auch, da bin ich mir ganz sicher: Die besonders nahen, verbundenen Momente mit unseren Pferden oder anderen Tieren.) Alles, laut dieser Definition, Momente der Liebe.

Biologisch spielt sich dabei ein wunderschön choreographierter Tanz zwischen den Menschen ab: Lächeln, Mimik, Gestik und Körperhaltungen werden gespiegelt, die Herzrythmen, die Biochemie und sogar die neuronalen Reaktionen gleichen sich für einen kurzen Moment an. Das Gefühl der „Liebe“ schwappt gleichzeitig über zwei Gehirne und Körper hinweg und stellt dadurch einen kurzen Resonanzmoment des guten Gefühls und der positiven Absicht her.

Und diese tun nicht nur total gut, sie sind auch wahnsinnig gesund. Und außerdem: Trainierbar. Je mehr dieser Mikro-Verbindungs-Momente wir in seinem täglichen Leben haben, desto leichter finden wir weitere. Und desto mehr verändern wir uns zum Positiven. Nicht nur sozial und seelisch, sondern auch körperlich. Unser Körper und jede Zelle in ihm ist lebende Materie, die sich mit unseren täglichen Handlungen verändert – und wenn wir ihm mehr „Liebe“ geben, wird er es uns auf unzähligen Arten danken. Was da genau passiert, lest ihr am Besten selbst bei Frau Dr. Fredrickson nach.

Mich bewegt diese neue Definition der Liebe seit Wochen sehr. Das Verständnis, dass Liebe mit jedem Menschen und in jeder Begegnung herstellbar ist, verändert nicht nur meine Begegnungen mit allen anderen Menschen, die ich nun als Chance sehe, dieses Gefühl zu suchen, sondern auch meine engen Beziehungen. Die Bindungen zu unseren lieben Menschen machen es laut Fredrickson natürlich leichter, Resonanzmomente zu finden – und das merke ich und genieße ich sehr. Andererseits entlastet es mich auch, nicht jeden jederzeit gleich „lieben“ zu müssen, sondern einfach dankbar zu sein, für die schönen Momente und die Beziehungen, die dadurch genährt werden.

Außerdem versetzt es mich in „Geberlaune“: Auf der Suche nach der Verbindung, nach positiven Resonanzmomenten mit egal wem, ist es nämlich notwendig, dass man sich einlässt. Dass man vom Bildschirm aufsieht, den Menschen ansieht und tatsächlich in Kontakt geht. Dass man sich Zeit nimmt und den anderen wirklich wahrnimmt. Das geht nicht immer gleich gut und ist auch manchmal ein bisschen anstrengend, aber ich glaube ganz fest daran, dass es sich auszahlt. Und so jeder Tag ein bisschen wie Weihnachten werden kann – und die Welt ein bisschen netter.

In diesem Sinne: Schöne Tage Euch und viele tolle Momente auch im neuen Jahr!

P.S. Eine ganz schöne Liebesgeschichte der anderen Art, ebenfalls mit Weihnachtskonnotation, findet Ihr diese Woche übrigens im Podcast meiner lieben Freundin Johanna van Löchtern, „Lebe Dein wahres Selbst“. Wenn Ihr mögt, hört rein, ich empfehle ihn wärmstens!

 

Mark Rashid, „Softness“ – und ich in der aktuellen „Mein Pferd“

Mark Rashid, „Softness“ – und ich in der aktuellen „Mein Pferd“

image1Vor einer Weile kam Inga Dora Meyer von der „Mein Pferd“ auf mich zu und bat mich, mit ihr ein Experteninterview zu „Pferde sanft führen“, dem neuen Buch von Mark Rashid, zu führen. Es ging um Hilfengebung, Softness, Führung und Kommunikation. Und daraus entstanden ist ein, wie ich finde, sehr lesenswerter Artikel zum Thema, für den auch neben mir auch die liebe Sonja Bucher Input gegeben hat, die Marks Kurse in der Schweiz organisiert und die ich vor Jahren auch einmal bei Marks Besuch in England kennenlernen durfte. Ich freue mich, dass ich einen Beitrag leisten durfte, aber das Beste daran ist: Ich darf Euch das Ergebnis nun zum Download bereitstellen. Viel Spaß damit: Das Prinzip der Softness

Wenn Ihr mehr über den Horseman aus Colorado erfahren wollt: Hier ist ein ausführliches Interview, das ich mit Mark Rashid vor Kurzem für die FEINE HILFEN geführt habe. 

Weiter wachsen

Weiter wachsen

IMG_3665Jetzt ist es schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal etwas geschrieben habe. Ich freue mich, dass wenigstens damit rechtfertigen zu können, dass seit meinem letzten Post tatsächlich viel geschehen ist.  „Yoga und Horsemanship – da bahnt sicht etwas an“ war der Titel und in der Tat ist an dieser Front seitdem eine ganze Menge passiert: Das erste Halbjahr diesen inzwischen schon fortgeschrittenen Jahres habe ich nun tatsächlich dazu genutzt, eine Yogalehrer-Ausbildung zu machen. Hätte mir das jemand vor ein paar Jahren gesagt – ich hätte es nicht geglaubt. War ich doch früher eher so der handfeste, bodenständige, maximal Pilates-Typ. Yoga hat mich dann schleichend überzeugt. In dem ich, warum auch immer, immer wieder in Stunden gegangen bin und irgendwann einen klaren Zusammenhang erkennen konnte (und dann auch wusste, worum es mir ging): Wenn ich Yoga mache, geht es mir besser. Und das nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch. Ich begann, verschiedene Stile und Lehrer auszuprobieren und fand dabei immer besser heraus, was mit mir wie resoniert und kam „mir“ dabei gefühlt immer näher. Meine Ausbildung habe ich nun im Vinyasa-/Power-Yoga gemacht – eine dynamische Yoga-Form, in der die Verbindung zwischen Atmung und Bewegung eine große Rolle spielt. Flying Yogi, das Yogastudio in Hamburg, in dem ich meine Ausbildung gemacht habe, legt außerdem zum Glück sehr viel Wert auf die Beachtung des individuellen Knochenbaus. Gerade bilde ich mich sehr im sehr ausrichtungsfokussierten, sehr von Inneren heraus gedachten Anusara Yoga weiter, und im nächstem Jahr beginne eine sehr anatomisch- und auch ernährungsphysiologisch-orientierte Yogatherapie-Ausbildung. Es gibt so viel zu Lernen! Yoga ist für mich ein spannender Weg, der aber letztendlich auf einer parallelen Route nur mein eigentliches Ziel verfolgt: Besser mit mir selbst (und in Erweiterung auch besser mit meinem Pferd) zu harmonieren.

Seit ich das erkannt habe, suche ich überall nach Themen und weiteren Ansätzen, die mich hier unterstützen. Neben Yoga und dem Umgang mit Pferden, der für mich auch immer schon sehr erdend und wohltuend war, gehört für mich auch Ernährung, aber auch die gedankliche Reflektion und Verbindung von anderen Themen dazu, die uns in unserem Leben begegnen.  Dabei finde ich nach und nach eine immer bessere Verbindung zu mir selbst, lerne (Ich? Unglaublich!) achtsam zu sein und ein glücklicheres, zufriedeneres Leben zu führen.

Und lustigerweise zeichnet sich gerade ab, dass es für mich auch professionell in diese Richtung weitergeht und ich andere Menschen auf diesem Weg unterstützen darf und möchte. Aus diesem Grund nehme ich nun gerade einen kleinen (auch beruflichen) Kurswechsel vor. Bleibt mit mir gespannt, wie es weitergeht. Ich freue mich darauf.

Yoga und Horsemanship – Da bahnt sich etwas an

Yoga und Horsemanship – Da bahnt sich etwas an

9189_1263904426972154_8748508525081628783_nIn meinem Leben hat, wie in vielen anderen auch, seit ein paar Jahren Yoga einen immer größeren Platz gefunden. Ich merke einfach, dass ich in allem besser bin in den Phasen, in denen ich mehr Yoga mache – entspannter und zufriedener und so besser mit mir selbst zurecht komme und letzlich auch meinen Mitmenschen mehr zu geben habe. Vor einer Weile, ziemlich genau zu der Zeit, als ich auch kurzzeitig vergessen hatte wie man reitet übrigens, habe ich mich entschieden, diese Spur gezielt weiterzuverfolgen und mich einfach mal zu einer Yoga-Lehrer-Ausbildung angemeldet.

Im Januar ging es los und seitdem habe ich auch schon einen ganzen Berg neues Wissen und Erfahrungen dazu gesammelt, es macht wahnsinnig Spaß und ist alles ganz toll. In dieser Woche (innerhalb des 10-Tage-á-8-Stunden-Superintensiv-Teils) habe ich aber zum ersten Mal deutlich gespürt, was diese Ausbildung mit mir macht – und mit meinem Horsemanship bzw. schon der Art, wie ich meinem Pferd begegne.

Nun, befinde ich mich momentan, wie gesagt, mitten in einer Intensivphase, 8 Stunden täglich nur Yoga, Theorie und Praxis, inklusive Meditationssessions und freiem Gedankenaustausch mit inspirierenden Menschen den ganzen Tag. Sprich: Ich war selten so zentriert, ruhig, entspannt und klar im Kopf, wie ich es momentan bin. Trotzdem habe ich die letzten Tage neugierig und überrascht beobachtet, wie extrem viel besser ich für mein Pferd sein muss.

Zum Beispiel gestern Abend. Ich war mit Diva spontan noch ausreiten, weil das Wetter einfach danach schrie. Ohne Ansprüche, aber mit etwas zeitlichem Druck, weil es schon langsam dunkel wurde. Ich wollte also einen entspannten, aber flotten Ritt, wohlwissend, dass genau diese Kombination oft nicht optimal funktioniert. Egal, Gedanken beiseite. Stattdessen habe ich mich von Vornherein bewusst auf eine extrem tiefe, auch hörbare Atmung (Ujayi-Atmung aus dem Yoga, für die Insider ;)) konzentriert, meinen Beckenboden bewusst etwas angespannt und so wirklich jeden Atemzug von vorne bis hinten maximal ausgekostet. Mit jedem Atemzug merkte ich, wie ich ruhiger wurde, dem Pferd näher kam und auch das Pferd ruhiger wurde und feiner auf mich reagiert hat. Ich hörte Vogelgezwitscher, sah Krokusse am Wegesrand, roch die Osterfeuer und merkte, wie tiefenentspannt und, ja, achtsam, wir uns so tatsächlich fortbewegen konnten.

Ich habe mich nun schon viel mit Atmung und Reiten beschäftigt und auch schon tolle Ergebnisse erzielt – aber wie viel direkter und enger die Verbindung zu meinem Pferd  und dessen Bewegungen die letzten Tage durch diese Technik war, war magisch.  Natürlich kann man, wenn man so atmet, sich auf wenig anderes als auf den Moment und eben diese Atmung konzentrieren – daher macht das schon Sinn, aber wie viel besser Diva, die ja ohnehin schon toll mitarbeitet, auf kleinste Veränderungen und „gedachten“ Hilfen reagiert hat, da unsere Pferde ja ohnehin immer im Moment leben und dort oft vergeblich auf uns warten. Aber dass es uns gelingen würde, so viel besser auf der Spur zu bleiben, auch an merkwürdigen Gegenständen und Osterfeuern vorbei, Takt und Tempo, auch Seitengänge haargenau zu kontrollieren und SO entspannt durch das für uns ja zurzeit recht neue Gelände zu kommen war dennoch enorm. Das hat uns nochmal ein ganzes Stück nach vorne gebracht, das Fenster in Richtung „was könnte da noch möglich sein?“ ein Stückchen weiter aufgeschoben.

Und während ich so begeistert durch die Holmer Sandberge ritt, fielen mir plötzlich ganz viele Bilder und Gedanken ein, die ich von Amanda Barton und Mark Rashid, vor Jahren schon kennengelernt habe – und die jetzt erst ganz natürlich und so richtig bei mir ankommen (klar habe ich sie damals schon grundsätzlich verstanden und ausprobiert, aber das war anders, vielleicht wie ein paar Schuh, das zwar total schön aussieht und auch passt, das man dann aber doch stehen lässt, weil man es aus irgendeinem Grund nie anzieht). Beispiel: Mark Rashid sagt oft, dass Pferde unheimlich gut darin sind, eine Verbindung zu anderen Lebewesen herzustellen. Menschen sind das nicht (mehr) unbedingt. Wir können uns aber so aufstellen, dass andere sich leichter mit uns verbinden können. „Let the horse connect to you“ – sagt er dann. Und plötzlich fühlte ich, was er damit meinte. Es geht nicht darum, aktiv dafür zu arbeiten, dass eine Verbindung zustande kommt – sondern sich so weit zu zentrieren, so weit bei mir und im Moment anzukommen, dass das überhaupt möglich ist – dann entsteht sie von ganz alleine bzw. durch das Pferd, das oftmals genau darauf wartet. In diesem Unterschied zwischen aktiv und passiv liegt eine entspannte Offenheit, die ich so bisher selten klar gespürt hatte. Der aufmerksame Leser entdeckt auch hier eine Parallele zu meinem Präsenz-Artikel von oben. Der Unterschied zwischen meinem „Wow“ damals und meinem „Wow“ in diesen Tagen ist: Dass ich plötzlich eine Bandbreite von Techniken und Möglichkeiten sehe (weil ich sie ja letztlich erlernt habe und erlerne), diese Präsenz abzurufen und herzustellen.

Ich wurde dann gestern noch übermütig und habe meine Zügelhilfen komplett durch Gedanken ersetzt – auch das hat prima funktioniert, aber das ist fast schon ein eigener Artikel.

Mit diesen Erfahrungen freue ich mich jedenfalls nun umso mehr auf alles, was ich in diesem Zusammenhang noch dazulernen und auch weitergeben kann. Denn es macht ja Sinn: Im Horsemanship wie im Yoga geht es letztlich um Einheit und Harmonie – von Pferd und Mensch hier, von Körper, Geist und Seele dort. Darum, weg vom Denken und (wieder) mehr in Richtung Fühlen zu kommen. Beim Yoga geht es nicht um die bilderbuchmäßige Ausführung der Übungen – und beim Reiten, zumindest so wie ich es verstehe, auch nicht um das krampfhafte Erlernen ausgewählter Lektionen. Aber es geht darum, dass wir kurz oder sogar länger zu uns kommen, durchatmen, Muster und Grenzen erkennen und nach und nach überwinden und uns so kontinuierlich weiterentwickeln, von Ängsten lösen und freier und glücklicher werden. Und schöne Momente sammeln. Und wo geht das denn besser, als in der harmonischen Verbindung mit einem großen warmen Tier, mit dem man über Felder und durch Wälder fliegen kann? (Fuchur etwa? Nein, in meinem Fall die kleine, nun schon achtjährige Diva.)

 

„Pretty cool Stuff!“ – Oder die „Wiederverzauberung des Horsemanships“

„Pretty cool Stuff!“ – Oder die „Wiederverzauberung des Horsemanships“

IMG_1279Ich habe gerade ein Buch gelesen: „Liebe, Wissenschaft und die Wiederverzauberung der Welt“, von Jeremy Hayward. Erstmal: Was für ein Titel, oder? Wow. Hayward ist promovierter Physiker, hat aber auch lange in einem buddhistischen Zentrum gelebt, was ja an sich auch schonmal eine spannende Mischung ist. Das Buch besteht nun aus Briefen an seine Tochter Vanessa, die er geschrieben hat, um ihr die Augen zu öffnen für die Seiten unserer Welt, die sich nicht wissenschaftlich nachweisen lassen. Dinge, die jenseits der Lehrbücher stattfinden und damit in unserer rationalen Welt eigentlich keinen Platz haben. Er möchte ihr helfen, die Welt als weniger „tot“ wahrzunehmen, als unsere Kultur suggeriert, sondern sich für die feinen Zwischentöne zu öffnen, die die Welt und unser Leben wirklich reich machen, es „verzaubern“ können: Merkwürdige „Zufälle“, die uns stutzen lassen. Die Macht der Intuition, die unsichtbare Verbindung zwischen zwei Menschen, die selbst über lange Distanzen bestehen kann, aber beispielsweise auch zwischen Mensch und Pferd, usw.

Seine Kernbotschaft: Alles ist eins. Es gibt Phänomene jenseits der wissenschaftlichen Thesen und Erkenntnisse (von denen der Autor zweifelsohne auch Ahnung hat). Und wenn wir ins Fühlen kommen, wieder lernen, den Moment und unsere Umgebung wahrzunehmen, wird die Welt eine reichere für uns sein.

Wer das jetzt alles relativ abgefahren findet, bei wem der Esoterik-Alarm schrillt und wer zumindest innerlich schon mit den Augen rollt, ist damit nicht alleine. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Buch mein Denken so sehr durchgeschüttelt haben muss, dass ich die Ideen dahinter völlig normal finde, und täglich daran arbeite, meine Wahrnehmung entsprechend zu schärfen. Weil es für mich einfach so viel Sinn macht. Das scheint vielen aber anders zu gehen, vielleicht auch, weil die meisten von uns gelernt haben, dass alles Unsichtbare Humbug sein muss. So dass die Erkundung von Gefühlen uns unsichtbaren Zusammenhängen für das Gros der Menschen in unseren Kulturkreisen vermutlich relativ ungewohnt ist. Trotzdem wage ich es, dieses Buch allerwärmstens und selbst Skeptikern zu empfehlen, weil Hayward durch seine wissenschaftliche Herangehensweise auch diese recht gut abholen sollte. (Ich kann aber natürlich nicht garantieren, dass es für jeden in jeder Situation so ein Augenöffner sein wird wie für mich.)

Wie dem auch sei. Jede Menge von diesem „Cool Stuff“ gab es dieses Wochenende auch beim Horsemanship-Kurs mit Amanda Barton zu sehen. Auch hier ging es unter anderem um Dinge, die unsere Wissenschaft nicht in Gänze erklären kann.
Warum kann ein Gedanke an die Oberseite unserer geschlossenen Hand reichen, um unser Pferd davon abzuhalten, mit dem Kopf hinter die Senkrechte zu kommen? Warum können wir durch ein inneres Bild einzelne Hufe unseres Pferdes fest im Boden verankern? Warum hilft es, wenn wir uns Kreise mit Energieströmen vorstellen, um die Vorhand des Pferdes anzuheben? Keine Ahnung, aber es funktioniert. Spürbar für Reiter und offenbar auch das Pferd – und sichtbar für den Zuschauer.

Was das Buch und den Kurs verbindet ist, dass beide durch die Anerkennung dieser weniger greifbaren, „zauberhaften“ Komponente nicht weniger ernst zu nehmen sind. Dass Techniken und Faktenwissen Sinn machen und definitiv ihre Berechtigung haben, dass es aber manchmal sinnvoll ist (und Spaß macht!) sich zu erlauben, auch mal über den erforschten, rationalen Tellerrand hinaus zu denken, zu fühlen und zu gucken was passiert. Denn warum nicht? Sollten wir nicht alles, was uns hilft und uns auch noch ein gutes Gefühl gibt, mit offenen Armen begrüßen? „Open your mind“, ist die Botschaft, die sich auf Deutsch nie so schön kurz fassen ließe.

Und wir Reiter haben das große Glück, in unseren Pferden ganz hervorragende Lehrmeister auf diesem Gebiet haben. Die uns enorm viel beibringen können, in Bezug auf das Fühlen, emotionale Intelligenz und das große Geheimnis der absoluten Präsenz im jeweiligen Moment, die es ihnen ermöglicht, auf minimale Veränderungen mit maximaler Sensibilität zu reagieren,

Ich habe jedenfalls dieses Wochenende einmal mehr die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, neuen, auch ungewöhnlichen Ideen offen und unvoreingenommen zu begegnen, sich zu erlauben, auch mal das Fühlen über das Denken zu stellen und dass dabei immer wieder wunderbare Sachen zustandekommen. Und wenn dem einmal nicht so ist, probiert man eben etwas anderes. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, sagte der französische Schriftsteller Francis Picabia einmal. Und auch und gerade jenseits des guten, alten Lehrbuchwissens gibt es so viel zu entdecken. Schenken wir uns doch ruhig hin und wieder ein paar Sekunden des Staunens abseits oder innerhalb des sonst drögen Eintags und geben wir uns damit die Chance, einen offenen, unzynischen Blick auf die Welt zu bewahren.

Bindungshormone und Horsemanship: Ist es für Dich genauso schön wie für mich…?

Bindungshormone und Horsemanship: Ist es für Dich genauso schön wie für mich…?

DSC_0531Heute morgen las ich einen Beitrag in der GEO (Ausgabe 9/2015, S. 99), der mich sehr bewegt hat und seither beschäftigt: Es ging darin um den Grund, „warum wir treuen Hundeaugen nicht widerstehen können“. Die Antwort: Wegen des Oxytocins, das ausgeschüttet wird, wenn wir eine freundliche Verbindung zu dem Tier aufbauen und eben den Hund ansehen. Es handelt sich dabei um das „Kuschelhormon“, das beispielsweise auch für die Mutter-Kind-Bindung ausschlaggebend ist und allgemein für warme, weiche Gefühle und Wohlbefinden sorgt. Da ich vorher schon großer Fan und Anhänger dieses tollen Hormons war, hat mich das alleine nicht weiter überrascht.

Was ich allerdings nicht wusste und japanische Wissenschaftler nun scheinbar nachgewiesen haben: Nicht nur bei uns wirkt das Bindungshormon in Momenten des innigen Beisammenseins, sondern auch bei den Tieren. Nach einer halben Stunde Interaktion (gegenseitiges Ansehen, Sprechen, Tätscheln) waren sowohl beim Menschen als auch bei den Hunden in der Studie mehr Oxytocin im Körper nachweisbar als vorher. Ausschlaggebend: Vor allem die Dauer des Blickkontakts (!). Ganz ohne Berührung lösen hier also Vertreter zweier Spezies chemische Effekte im Körper des jeweils anderen aus, schlussfolgert auch die GEO. Das finde ich wahnsinnig faszinierend und führt mich direkt zu der Frage: Ist das bei Pferden auch so? Was für Lehren können wir daraus für unseren Horsemanship ziehen?

Nun, der Versuch, darüber auf die Schnelle valide Informationen zu finden, ist leider nicht geglückt. Allerdings hat Cheryl Ward in ihrem Blog schon einen sehr schönen Beitrag zum Thema Oxytocin im Umgang mit Pferden verfasst, der sehr lesenswert ist. Ich werde an diesem Thema dranbleiben, weitersuchen und Euch ggf. informieren.

Bis mir jemand das Gegenteil beweist, bin ich auch nach einigem Nachdenken aber der Meinung: Natürlich ist es bei Pferden genauso. Wir bilden uns nicht nur ein, dass auch sie positiv berührt sind, in diesen besonderen Zaubermomenten der Verbindung zwischen Pferd und Mensch. Das Oxytocin fließt auf beiden Seiten, man sieht es in ihren Augen, finde ich. Merkt es an ihren Bewegungen und an den kleinen und großen Geschenken, die sie einem zurückgeben. Die einzige Frage, die für mich wirklich offen bleibt, ist, ob’s für die Pferde wirklich auch der Blickkontakt tut. Als Fluchttiere hat dieser einfach eine andere Wirkung auf sie, als auf das ursprüngliche Raubtier Hund. Vielleicht ist es eher die Berührung oder die gemeinsame Bewegung, die innere Verbindung, der geteilte Flow…? Was meint Ihr?

Aber wie dem auch sei: Festzuhalten ist, dass die Wissenschaft uns nun noch mehr Grund zur Annahme gibt, dass es für unsere Pferde genauso schön ist, wie für uns, wenn wir gerade mal wieder gut zueinander sind – und das macht mich heute sehr zufrieden. Es ist einfach immer netter, wenn sich alle einig sind.

In diesem Sinne, einen oxytastischen Tag für Euch!

Über Präsenz. Oder: Wie ich vergessen habe, wie man reitet*… Und es mir dann wieder eingefallen ist.

Über Präsenz. Oder: Wie ich vergessen habe, wie man reitet*… Und es mir dann wieder eingefallen ist.

prasenzEs hat eine Weile gedauert, es mir einzugestehen, aber leider ist es so: In letzter Zeit habe ich ein bisschen die Freude an meinem Pferd verloren. Und ich bin sicher: Mein Pferd auch die Freude an mir. Die Szenen, in denen ich meinte, viel deutlicher werde zu müssen, als ich es doch eigentlich möchte, um meine Ziele zu erreichen, häuften sich. Jeden Schritt musste ich ihr aus der Nase ziehen. Der Weg zum Reitplatz, den wir lange Zeit beinahe trabend und in freudiger Erwartung hinter uns gebracht haben, wurde immer länger und schwerer, die Abzweigung zur Weide immer attraktiver für das kleine Pferd, mein Protest dagegen um so lauter. Dabei hatte ich doch so viel vor diesen Sommer, wollte sie unbedingt mal ein bisschen weiter bringen, schwierigere Aufgaben stellen, den Galoppwechsel endlich zuverlässig „einbauen“, grundsätzlich mehr vorwärts und Aufrichtung „herausreiten“, solche Sachen. Wir sind doch jetzt so weit, sie macht das alles so gut, da geht doch sicher noch was… Stattdessen wurde alles schwieriger, angespannter, stressiger. Der Sattel, ja, selbst das Reitpad, (für uns beide) immer schwerer, der gefühlte Aufwand für Kleinigkeiten immer höher.

Aber Moment, Stress beim Pferd? Kenne ich doch eigentlich gar nicht, hier war immer meine Insel: Im Stall findet der Alltag nicht statt. Alles, was mich den Tag über beschäftigt hat, gebe ich spätestens am Stallparkplatz ab und sammle es dort, manchmal auch erst später, bei der Rückkehr in die Stadt, wieder ein. Dazwischen zählt nur das Hier und das Jetzt, nur das Pferd und ich. Normalerweise.

In letzter Zeit haben mich die allgemeine Hektik, die ständige Verfügbarkeit, der Versuch des ständigen Überallseins und Allestuns mehr und mehr ergriffen. Ich konnte immer schlechter schlafen, merkte, dass mein Körper mir zunehmend Warnsignale (Wahnsignale?) sendete, ich konnte immer schlechter abschalten und auch mein Erinnerungsvermögen und meine Konzentration ließen mich zunehmend im Stich. Nun hat mich mein Körper ein paar Tage aus dem Verkehr gezogen, mit verschiedenen Entzündungssymptomen, Schmerzen, Schwindel und Ekzemen, hat er mich endlich überzeugt, kürzer zu treten.

Mit diesem guten Vorsatz bin ich zum ersten Mal seit Tagen wieder auf mein Pferd gestiegen. Bewusst nichts erreichen wollen, einfach abschalten, tragen lassen, fünfe gerade sein lassen, die Ziele reduzieren – für mich und das Pferd. Ich wählte einen großen Ausritt – zu groß wäre die Versuchung gewesen, auf dem Reitplatz meinen gewohnt hohen Ansprüchen genügen zu wollen.

Mein Ziel für diesen Ritt war das Reiten. Das Mit-dem-Pferd-sein. Das Ein- und Ausatmen beim Genießen der Natur in seinem faszinierenden Zusammenspiel. Ein Ziel, das eigentlich immer mein höchstes war – und mir, ohne dass ich es gemerkt habe, mit der Zeit entglitten ist. Und während ich so ritt, und spürte, wie die Bewegungen des Pferdes mich mit jedem Schritt mittrugen, die Bäume und Feldwege an uns vorbeizogen, die Sonne meine Haut wärmte und (glücklicherweise nur einige wenige) Insekten um uns herumsurrten, merkte ich, dass mein kleines Pferd plötzlich wieder ganz bei mir war. Und dass ich nur denken musste, um ihre Füße zu bewegen. Schneller, langsamer, Galopp, Schritt, Trab, langsamerer Trab, vorsichtiges Anfragen von Schulterherein, Kruppeherein, Galoppwechsel auf dem Waldweg (!) alles war plötzlich greifbar und faszinierend einfach. Magisch.

Ich spürte an jeder zweiten Weggabelung und nach jedem kleinen tollen Moment kurz den Impuls, vor Freude und Dankbarkeit abzuspringen und meinem kleinen Pferd um den Hals gefallen, aber sie wirkte ganz gelassen und einfach zufrieden: Ist doch schließlich klar, dass sie das alles kann – wenn ich sie einfach lasse und freundlich darum bitte. Und vor allem: Präsent bin.

Denn dies fiel mir dort im Wald tatsächlich wie Schuppen von den Augen: Ich habe meine Präsenz verloren (- und sollte das mal aufschreiben, weil ich sicher nicht alleine mit dieser Erfahrung bin). Kein Wunder, dass alles so schwer fiel, denn: Ich war gar nicht wirklich bei meinem Pferd in letzter Zeit. Hatte zwar ehrgeizige Ziele vor Augen, war aber nicht bei ihr, um diese Ziele zu erreichen. Plötzlich begriff ich wieder, dass jeder einzelne Moment eine neue Chance birgt, gut zu reiten, sich selbst und sein Pferd zu spüren und dass buchstäblich jeder Schritt gleich wichtig ist und toll sein kann, wenn man sich nur ehrlich auf ihn einlässt. Wie leicht es ist, Harmonie mit seinem Pferd zu erleben, wenn man offen dafür ist, sie in jedem Moment finden. Die „Ja!“s sucht, und nicht die „Hm, ich weiß nicht, was war das denn!?“s. Und sie dann innerlich feiert.

Ich weiß jetzt wieder, wie man reitet. Bzw. wie ich reiten will. Und freue mich schon darauf, meinen Pferd künftig wieder neu, neugierig und ehrlich aufmerksam zu begegnen. Mal schauen, wohin wir uns von dort tragen lassen. Der Alltag, der Leistungsgedanke und aller Stress aus der großen Stadt haben zwischen uns beiden auf jeden Fall mal gar nichts zu suchen.

*Ich schreibe hier „reiten“, aber natürlich lässt sich der Gedanke auf jede Art der Arbeit und des Zusammenseins mit dem Pferd, des Horsemanships, übertragen. „Reiten“ funktioniert hier nur sinnbildlich so gut.

Aus „Just Say Whoa“ wird „Quiet Horsemanship“

Aus „Just Say Whoa“ wird „Quiet Horsemanship“

Neuer Name, altes Programm: Um die Essenz des Ganzen noch greifbarer zu machen, heißt diese Seite ab nun „Quiet Horsemanship“. Ruhig, leise und entspannt – so kann man „quiet“ aus dem Englischen übersetzen, und das passt sehr gut zu einer pferde- und menschenfreundlichen Arbeit mit Pferden, finde ich. „Quiet“ steht außerdem im Gegensatz zu dem landläufigen Begriff des „Pferdeflüsterns“, der falsche Vorstellungen weckt und vor allem impliziert, dass man als „Pferdeflüsterer“geboren sein muss, um auf ruhige, pferdegerechte Art und Weise zu seinen reiterlichen Zielen zu gelangen: Dabei kann theoretisch jeder entspannt mit seinem Pferd umgehen und dabei die gemeinsame Zeit positiv und produktiv gestalten.

Vor allem aber ist mein Ziel in der Arbeit mit jedem Pferd, aber auch mit in der Zusammenarbeit zwischen mir, den Pferden und Besitzern in meinem mobilen Pferdetraining, ein ruhiges und entspanntes Pferd (englisch: „a quiet horse“). Denn nur in diesem entspannten Zustand ist es in der Lage, zu lernen und wirklich freiwillig und motiviert mit uns zusammen zu arbeiten – schließlich sucht auch das Fluchttier Pferd ständig nach diesem Zustand der entspannten Sicherheit. Genug Gründe also für „Quiet“.

Der alte Name „Just Say Whoa“ war mir ein treuer Begleiter in den letzten zehn (!) Jahren, hat im Laufe der Zeit aber  immer wieder Fragen aufgeworfen, außerdem konnte ihn ohnehin kaum jemand aussprechen – auch daher der Namenswechsel.

In den nächsten Wochen und Monaten wird die Umstellung dann komplett, freut Euch auf (hoffentlich) viele neue Blogartikel, Veränderungen auf der Website, und gerne viel Interaktion mit Euch – ansonsten bleibt alles beim Alten. In diesem Sinne: Willkommen auf quiet-horse.de, ich freue mich auf Euch!

Das „Wohle des Pferdes“ im Reitsport

Das „Wohle des Pferdes“ im Reitsport

In letzter Zeit, und gerade anlässlich der Olympiade, ist die Frage, inwiefern das Wohle des Pferdes wirklich ein Maßstab im Pferdesport ist, sehr aktuell geworden. Inzwischen ist die Olympiade vorbei, das ZDF zeigte noch eine Doku rund um einen Sport, in dem Gier und Ehrgeiz auf dem Rücken des Pferdes ausgelebt werden (siehe unten), aber ansonsten ist alles beim Alten? Jeder von uns hat es in der Hand. (mehr …)

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