“Wie man auf Negativität reagiert”

10.Okt 2012 | Uncategorized

Ich habe neulich einen Artikel im amerikanischen Forbes-Blog gefunden, der mich nicht nur sofort angesprochen hat, beim Lesen habe ich auch interessante Parallelen zu dem entdeckt, was wir im “Aikido for Horsemen”-Kurs im Mai besprochen haben. Der Titel: “Wie man auf Negativität reagiert”.

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den Situationen im Alltag, die wir mit anderen Menschen erleben, und der Arbeit mit Pferden – alles beruht auf Kommunikation, viel auf Körpersprache und Empathie. Wenn man diesen Artikel liest, lässt sich das ganz gut erkennen. Und anstatt ihn nur zu teilen, dachte ich, ich übersetze ihn Euch mal grob – Englisch lesen macht ja nicht jedem gleich viel Spaß. 😉 In diesem Sinne, viel Spaß – ich hoffe, ihr findet genauso viele Anwendungsmöglichkeiten wie ich.

Wie man auf Negatitvität reagiert – von Peter Bergman (hier geht’s zum Original-Artikel, der vorher schon im Harvard Business Review erschienen ist)

“Ich bin mit meiner Geduld am Ende,” sagte mir Dan, Verkaufsleiter einer Finanzfirma. “Es gibt so viel Potential – die Umsätze steigen, die Arbeit macht Soaß und die Boni sollten dieses Jahr auch großzügig ausfallen – aber alles was ich von meinen Kollegen höre, sind Beschwerden.”

Wenn ihm die Angestellten im Flur begegnet sind und er sie fragte, wie es lief, antworteten sie mit einem kritischen Kommentar zu einem Kunden oder moserten über die ganze Arbeit, die sich auf ihrem Schreibtisch türmt.

“Was kann ich gegen diese negative Einstellung tun, die mein Team beherrscht?” fragte er mich. (Hatte einer von Euch schonmal ein unmotiviertes Pferd am Seil? ;))

Ich fragte ihm, was er denn bisher dagegen getan hätte. “Am Anfang habe ich ihnen von den ganzen Möglichkeiten erzählt, die vor uns liegen und habe aus unserer Unternehmensphilosophie zitiert”, sagte er. “Ich wollte sie an die Ziele erinnern, auf die wir hin arbeiten. Aber jetzt?” Er warf seine Hände über seinen Kopf, ” “Ich bin einfach sauer. Ich möchte sie schütteln und sie aus ihrem Sumpf herausholen!”

Dan’s Reaktion ist völlig normal und intuitiv. Leider ist sie aber auch komplett ineffektiv.

Anfangs versuchte er die Negativität mit Positivität zu bekämpfen. Als das nicht funktioniert hat, wurde er selbst negativ. Beides führte zum selben Ergebnis: Mehr Negativität.

Der Grund: Negativität mit Positivität zu bekämpfen (und damit den gegensätzlichen Standpunkt einzunehmen) funktioniert nicht, weil es einen Streit provoziert. Menschen hören nicht gern, dass sie etwas “Falsch” wahrnehmen und wenn man versucht, sie zu überzeugen etwas nicht zu empfingen, fühlen sie es eher noch mehr. Und wenn eine Führungskraft versucht positiv herüberzukommen, wirkt es sogar noch schlimmer, weil sie sich nur dadurch nur noch weiter von ihren Mitarbeiter und ihrer Wahrnehmung distanziert.

Der zweite instinktive Lösungsansatz – die Negativität eines anderen mit der eigenen Negativität zu beantworten – funktioniert nicht, weil es die negative Einstellung des anderen noch verstärkt. Als würde man Benzin in ein Feuer kippen: Negativität schafft Negativität.

Doch wie kann man Negativität positiv beeinflussen?
Die Idee kam mir, als ich Dan’s Fehler in einem Gespräch mit meiner Frau Eleanor. Sie beschwerte sich über unsere ständig streitenden Kinder. Anfangs versuchte ich sie zu überzeugen, dass alle Kinder streiten und unsere so schlimm gar nicht sind. Als das nichts brachte, frustrierte mich ihr Meckern irgendwann und meckerte zurück.

Sie wurde böse. Wem würde es anders gehen? Doch dann tat sie etwas, was mir sehr geholfen hat: Sie sagte mir, welche Reaktion sie von mir erwartet.

“Ich möchte nicht das Gefühl haben, dass ich damit alleine da stehe,” sagte sie. “Ich möchte, dass du mich verstehst. Ich möchte, dass Du mir sagst, dass wir da zusammen drin stecken. Und wenn du genauso frustriert bist, wie ich, möchte ich das auch wissen.”

In Wirklichkeit ging es mir tatsächlich ähnlich, ich hatte nur versucht, die Situation nicht so negativ zu sehen – was, natürlich, das Ganze noch negativer gemacht hatte.

Nach meiner Unterhaltung mit Eleanor hatte ich einen überraschenden Geistesblitz: Man muss seine Reaktion gar nicht verändern. Man sollte sie einfach umleiten.

Das Problem zwischen Dan und seinen Mitarbeitern war, dass er negativ GEGEN sie gearbeitet hat (“Ich möchte sie schütteln und sie aus ihrem Sumpf herausholen!”) und vorher positiv, aber wieder GEGEN sie gearbeitet hat (“Am Anfang habe ich ihnen von den ganzen Möglichkeiten erzählt, die vor uns liegen”).

Eine produktivere Reakion wäre es, negativ MIT ihnen zu zu argumentieren und dann positiv MIT ihnen.

Ich schlage Folgendes vor, übersetzt in einen 3-Stufen-Prozess um negative Menschen effektiv zu bewenden:

1. Verstehe, wie sie fühlen und nimm dies ernst. Dies ist vielleicht etwas schwierig, da man das Gefühl bekommen könnte, ihre negativen Gefühle nur noch zu verstärken. Dies ist aber nicht der Fall. Weder stimmst Du ihnen zu, noch rechtfertigst Du ihre Negativität. Du zeigst ihnen nur, dass Du verstehst, wie sie fühlen.

2. Suche nach einer Gelegenheit, ihnen zuzustimmen. Du musst ihnen nicht in jedem Punkt zustimmen, doch, wenn Du kannst, gib ihm wenigstens in einigen Punkten zu verstehen, dass du ihre Gefühle teilst. Wenn auch Dich irgendetwas frustriert, sag ihnen was genau.

In Schritt 1 und 2 reagierst Du so negativ MIT den anderen – nicht GEGEN sie. Dies entspannt sie und gibt ihnen Raum, sich zu öffnen. Du nimmst ihnen das Gefühl, dass sie alleine mit ihren Gedanken sind und du unerreichbar bist (Dies trifft natürlich besonders auf die Situation zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten zu).

Anstatt Eleanor zu sagen, dass sie nicht so schlecht über unsere Kinder denken soll, sagte ich ihr, dass auch mich die vielen Streitereien frustrieren. Das auch ich nicht wüsste, wie man richtig damit umgehen soll und dieses Gefühl der Hilfslosigkeit kenne – denn das stimmte auch alles. Es wäre nicht genug gewesen, nur zu sagen “Ich verstehe, wie es Dir geht.” Damit die Methode funktionieren kann, sollte man sehr genau sein.

3. Finde heraus, was sie positiv sehen und verstärke dieses Gefühl. Dies bedeutet nicht, dass Du versuchen solltest, sie zu überzeugen, dass sie jetzt positiv sein müssen. Stattdessen schenkst du den positiven Gefühlen, die sie ebenfalls empfinden, Aufmerksamkeit – und die Chancen stehen gut, dass sich diese auch mal gezeigt haben, denn es gibt (zum Glück) wenige Menschen, die ausschließlich negative Gedanken haben. This doesn’t mean trying to convince them to be positive. It means giving attention to whatever positive feelings they do show — and chances are they will have shown some because it’s unusual to find people who are purely negative. Und falls es doch mal nur negative Gefühle gibt, dann sorge dafür, dass derjenige sieht, dass du andere unterstützt, die ein wenig Positivität gezeigt haben. Die Idee dahinter ist, positiven Gefühlen eine positive Aufmerksamkeit zu schenken. If they are purely negative, then make sure they see you supporting others who have shown positivity. Und konkrete Hoffnung zu bieten. Diese ist konkret, weil sie auf echten, positiven Gefühle beruht, die bereits in den Menschen stecken, anstatt auf positiven Gefühlen herumzureiten, von denen man meint, der andere sollte sie haben.

Im dritten Schritt reagiert man also positiv MIT den anderen, nicht GEGEN sie. Man zeigt ihnen, dass man sie unterstützt. Und man zeigt ihnen, dass sie belohnt werden – mit Deiner Unterstützung und Aufmerksamkeit – wenn sie positive Dinge tun und sagen. Im dritten Schritt wendet man die Negativspirale in eine positive um.

In meine Gespräch fragte ich Eleanor also, was denn half, damit die Kinder ruhig miteinander spielen. Sie erzählte von einem bestimmten Morgen, als wir ihre Aufmerksamkeit proaktiv gesteuert hatten, indem wir mit den Kindern gemalt haben. Es würde auch immer dann gut klappen, sagte sie, wenn wir die Kinder trennen und mit einzelnen Aufgaben versehen.

In weniger als fünf Minuten nahm meine Unterhaltung mit Eleanor eine komplett positive Wendung.

Die drei oben genannten Schritte sind nicht ganz einfach umzusetzen, da wir gegen unsere eigene hochemotionale – und auch vernünftige – Tendenz kämpfen müssen, negativ auf meckernde Menschen zu reagieren.

Als ich das erste Mal mit Dan gesprochen habe, war er kurz davor, sein halbes Team zu entlassen. Dies hätte natürlich die Negativität der verbleibenden Mitarbeiter ins Unermessliche getrieben.

Stattdessen begann er, ihnen zuzuhören und ihre negativen Gefühle ernstzunehmen. Was unter den Beschwerden zum Vorschein kam, war Angst. Es hatte vor Kurzem einige Entlassungen gegeben und die “Überlebenden” waren immernoch schockiert. Standen auch ihre Jobs auf dem Spiel? (Schritt 1)

Dan konnte Ihnen leider nicht sagen, dass es nicht so gewesen wäre – vor allem da er ja beinahe einige der Beschwerer gefeuert hätte. Was er jedoch tat, war ihnen zuzuhören und ihnen zu sagen, dass er ihre Furcht zum Teil teilte – nicht weil er auch Sorge hatte, entlassen zu werden, sondern weil die Lage so ungewiss war, mit so vielen Aufgaben und nun sogar weniger Leuten um diese zu bewerkstelligen. Mit anderen Worten war er MIT ihnen negativ (Schritt 2).

Dann hob er einige positive Dinge hervor, die er im Team beobachtet hatte – dass Leute Risiken eingegangen sind, gemeinsam an komplizierten Vertriebsprojekten gearbeitet haben oder erfolgreich mit den Kunden zusammengearbeitet haben – und die der Firma halfen, weiter zu wachsen und Jobs zu sichern. Mit anderen Worten war er MIT ihnen positiv.  (Schritt 3)

Vorher hat er kaum eine Gelegenheit ausgelassen die Negativität seiner Mitarbeiter zu betonen – und zu kritisieren. Nun ließ er keine Gelegenheit aus ihre Positivität zu betonen – und zu loben.

Und es funktionierte. Mit der Zeit veränderte sich die Stimmung im Vertriebsteam und gemeinsam gewonnen sie den größten Kunden in der Firmengeschichte.

Und ich? Die Wahrheit ist, dass es oft einfacher ist, diese Dinge zu lehren, als sie auch selbst umzusetzen. Im Eifer des Gefechts frustrieren mich die Frustrationen anderer noch immer manchmal. Doch diese drei Schritte durchzugehen hat mir enorm geholfen. Und einen Partner zu haben, der mich an sie erinnert? Das hilft noch mehr.

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Mit unseren Pferden ist es ähnlich. Wir können mit ihnen arbeiten und ihre Ängste und Reaktionen ernst nehmen, um dann mit ihnen zusammen darüber hinweg zu arbeiten, oder sich frustrieren lassen, sich ärgern oder die Augen rollen und womöglich in einen Kampf einsteigen. Wir können entscheiden, ob die Situation positiv oder negativ ausgeht.

Seht ihr jetzt, was ich meine? 🙂

 

photo credit: Eduardo Amorim via photopin cc

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Horsemanship Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.