“… Muss ja.” – Über ein blassgraues Gefühl namens “Languishing” und Wege zu mehr Farbe im Leben

28.Jan 2022 | 2022

Diesen Artikel lese ich dir hier vor:

Kennst du dieses Gefühl des “Dahindümpelns”? Wenn sich alles irgendwie grau und gleich anfühlt, und das über Tage und vielleicht sogar Wochen oder Monate? Dann bist du damit nicht allein. “Languishing”, so heißt dieses Gefühl, scheint aktuell der dominierende Zustand der westlichen Welt zu sein. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar. Aber die Auswirkungen nicht immer harmlos. Zeit, dieses Gefühl einmal näher zu beleuchten und ein paar Ideen für neue Farbe zu verbreiten.

Gestern habe ich ein neues Wort gelernt. Es lautet “Languishing”, ist Englisch und bedeutet soviel wie “dahindümpeln” oder “dahinvegetieren”. Gemeint ist damit das roboterartige Abarbeiten der einzelnen Tage, ohne dass irgendetwas Dramatisches passiert, aber eben auch ohne größere Highlights. “Muss ja,” ist dann oft die Antwort auf die Frage, wie es uns geht. Oft begleitet von einem halbherzigen Seufzen.

Das Gute daran: Es ist alles okay, wir sind (noch) nicht depressiv, haben auch kein Burn-Out, es ist nicht dramatisch. Das Doofe: Es ist auch nicht richtig gut. Es gibt keine Begeisterung, keine echte Freude. Eigentlich lassen sich gar keine richtigen Gefühle ausmachen. Denkste – denn natürlich ist auch das ein Gefühl und es hat sogar einen Namen: “Languishing”.

“Languishing” als dominierendes Gefühl 2021

Nachdem der Psychologe Adam Grant “Languishing” bereits im April 2021 in den New York Times zu dem dominierenden Gefühl des Jahres erklärt hat, griffen auch deutsche Medien es zunehmend auf. Zuletzt Perspective Daily, das Portal für gute Nachrichten – wo ich schließlich auf den Begriff stieß. Scheinbar beschreibt “Languishing” das Lebensgefühl der gesamten westlichen Gesellschaft in dieser Phase der Pandemie.

Ehrlich gesagt hat mich das sehr traurig gemacht. Ich habe ziemlich starke Antreiber – manchmal natürlich auch zu starke. Aber einer davon ist, das starke Bedürfnis mein Leben zu LEBEN, zu gestalten und zu genießen – und zu fühlen, gerne immer mehr zu fühlen. Das liegt zum einen natürlich an der Tatsache, dass mir sehr bewusst ist, dass unsere Zeit hier begrenzt ist. Und zum anderen habe ich für mich irgendwann die Entscheidung getroffen, dass ich leben und glücklich sein möchte. Und das nicht erst eines Tages, wenn ich mal groß bin, genug Geld habe, endlich alles gelernt habe, was ich lernen möchte, sondern einfach heute schon. Und morgen auch wieder. Denn: Warum nicht!? Das heißt natürlich nicht, dass in meinem Leben jeder Tag aufregend und neu ist. Und auch nicht, dass sich immer alles lustig und leicht anfühlt. Natürlich gibt es auch negative Gefühle, Rückschläge und Tiefpunkte. “Viel fühlen” heißt natürlich auch mal unangenehme Gefühle. Aber ich versuche mir wirklich kleine Highlights zu schaffen, z.B. in der Art wie ich meine Tage plane oder meine Wahrnehmung ausrichte, sodass es nicht langweilig wird. Mir macht es Spaß, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und dieses aktiv zu gestalten.

Worauf lenken wir unsere Aufmerksamkeit?

Wenn ich also höre, dass es so viele Menschen gibt, bei denen viele Tage, Wochen oder sogar Monate vergehen, ohne dass es nennenswerte Ausschläge nach oben und unten gibt, besorgt mich das. Ich weiß natürlich, dass zwei Jahre Pandemie mit all ihren Konsequenzen – wirtschaftlich, emotional, gesundheitlich, gesellschaftlich, innerfamiliär… unweigerlich zehren und dass es sehr viele Menschen sehr hart getroffen hat. Dass es viele traurige Corona-Geschichten gibt, viel Einsamkeit, viel Verlust, viel Verzicht und, ja, tatsächlich: wenig Abwechslung. Und, dass sich der Schlamassel einfach zieht wie Kaugummi. Klar! Aber Corona ist ja nicht das Einzige, was ist, und unser Leben ausmachen kann, oder?

Es konnte aber auch schon vorher herausfordernd sein, sich zu motivieren, die Tage zu gestalten und aus dem monoton drehenden Alltagshamsterrad auszusteigen. Der Soziologe Corey Keyes, der den Begriff “Languishing” bereits 2010 geprägt hat, war damals schon alarmiert, wie viele Menschen sich – wohlgemerkt lange vor Corona – in diesem Gefühl wähnen. In seiner Studie hat er daraufhin herausgefunden, dass die Menschen, die am wahrscheinlichsten innerhalb der nächsten zehn Jahre Depressionen oder Angststörungen diagnostiziert bekommen werden, nicht diejenigen sind, die aktuell entsprechende Symptome zeigen. Sondern diejenigen, die zum Betrachtungszeitpunkt “languishen”. In Italien hat sich zudem gezeigt, dass die dortigen Pandemie-Helfer, die im März 2020 angegeben hatten, im Zustand des “Dahindümpelns” zu sein, inzwischen dreimal so häufig Post-Traumatische-Belastungsstörungen diagnostiziert bekommen haben.

Eine Gefahr dieses grauen Zustands des “Muss ja” besteht nämlich darin, dass sich die Abstufungen des “graus” nicht so leicht unterscheiden lassen. Es ist nicht wirklich gut, es ist nicht schlecht, es ist irgendwo dazwischen. Aber wo? Wir merken nicht so leicht, wenn wir langsam abrutschen – nach und nach immer weniger Energie haben, immer weniger Freude empfinden, immer einsamer werden. Und wenn wir nicht merken, dass wir irgendwann tatsächlich leiden, können wir uns auch keine Hilfe holen oder selber helfen.

Das Problem: Das Dahindümpeln verwandelt sich schleichend in ein echtes Problem

Ich dachte: Naja, unter Pferdemenschen wird das vermutlich anders sein – wir haben ja die Pferde, mit denen es nie langweilig wird, die Natur und die Bewegung! Aber eine spontane Umfrage per Instagram Story unter meinen dortigen Followern zeigte mir auch: 72 % der Abstimmenden haben tatsächlich das Gefühl, dass sie gerade so “dahindümpeln”. Geht dir das auch so…? Aber selbst wenn es dir nicht so geht, kennst du bestimmt einen Teil der vielen Menschen, die sich gerade irgendwie freud- und ziellos fühlen.

Lass uns also verstehen, was da vor sich geht und uns und anderen helfen, soweit wir können.

Gut, dass wir jetzt ein Wort dafür haben!

Dass “Languishing” ein Wort und damit ein richtiges Phänomen ist, ist ja erstmal prima – wenn wir wissen, wie wir unseren Zustand beschreiben sollen, fühlen wir uns gleich etwas normaler und vielleicht sogar ein bisschen verbundener. Außerdem können wir es besser benennen, beschreiben und auch in unserem Umfeld besser beobachten, wenn wir ein Wort dafür haben. Wie es aber immer so ist mit der Sprache, gilt es ein bisschen achtsam zu sein, wie wir mit dem Begriff umgehen – Zumal, wenn wir uns selbst als Languisher identifizieren (Obacht!): Languishing ist ein flüchtiger Zustand, KEINE Daseinsform und auch kein Teil unserer Identität. Wir können ihn jederzeit ablegen, er kann jederzeit vergehen.

Du hast mehr in der Hand, als du vielleicht denkst

“Wir können” ist das nächste gute Stichwort: Wir können unser Leben gestalten. Wir können unsere Emotionen und Gedanken beeinflussen. Wir können unsere Wahrnehmung lenken und unseren Fokus. Jederzeit. Und das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung kann nachgewiesenermaßen enorm beflügeln. Leider gehört das zu den Dingen, die uns zu selten jemand beibringt. Aber lass dir gesagt sein: Du bestimmst vielleicht nicht immer die äußeren Umstände, aber du bestimmst immer deinen Umgang damit, deinen Fokus sowie deine Energie. Neben dieser schlichten Erkenntnis braucht das vor allem etwas Mut, Erfahrung und natürlich manchmal auch etwas externe Unterstützung. Wenn ich dir da z.B. mit einem Coaching unter die Arme greifen kann, sag gern Bescheid – auch sowas machen wir da. Aber vielleicht kennst du auch Menschen, bei denen du das gut beobachten kannst. Achte mal drauf!

Lerne den Flow-Zustand als “Gegenmittel” zu nutzen

Laut Adam Grant, dem NYT-Autor von oben, könnte das Gegenmittel zu Languishing ein Zustand von Flow sein, den wir uns bewusst suchen. In seinem TED-Talk vergleicht er die Wirkung von Flow mit der von Netflix – nur dass Flow eine aktive Beteiligung in der realen Welt braucht, anstatt einer passiven Beteiligung in einer fiktiven Welt. Flow entsteht, wenn wir in einer Tätigkeit ganz aufgehen und darüber die Zeit vergessen. Kinder spielen beispielsweise oft im Flow.

Flow benötigt drei Komponenten: “Mastery, Mindfulness und Mattering”. Damit Flow entstehen kann, müssen wir also Fortschritte in der Tätigkeit machen können, wir müssen uns ihr mit unserer vollen Aufmerksamkeit verschreiben und wir müssen das Gefühl haben, dass sie irgendwie Sinn hat.

Da steckt viel drin, also nochmal im Einzelnen:
Konzentriere dich auf kleine Fortschritte. Fortschritte müssen nicht immer groß sein, “Small Wins”, also kleine Fortschrittsmomente, können schon reichen. Kennst du das Gefühl, wenn du endlich mal wieder deine Steuerunterlagen sortiert, den Sattel geputzt oder den Schrank aufgeräumt hast? Auch das sind “Small Wins”, die zu einem Flow-Zustand beitragen können.

Schenk dir etwas ununterbrochene Zeit. Wusstest du, dass wir uns nur durchschnittlich zehn Minuten auf eine Tätigkeit konzentrieren, bevor wir uns ablenken lassen? Das ist nicht viel. Ich habe irgendwo mal gehört, damit liegt unsere Aufmerksamkeitsspanne unter der eines Goldfischs. Zusammen mit unserer Zeit ist unsere Aufmerksamkeit wohl unser höchstes Gut. Ein Schatz, den wir schützen sollten. Wir dürfen uns also trauen, einen kleinen Schutzwall um unsere Aufmerksamkeit zu ziehen und ganz bewusst zu entscheiden, wer oder was hineindarf. Ein strenger Türsteher zu werden rund um unsere Aufmerksamkeit. Nur wenn wir uns zu 100 % einer Tätigkeit verschreiben, können wir in einen Zustand des Flows kommen – und damit in den Moment.

Finde etwas, das dir Spaß macht. Die dritte Komponente für einen Flow-Zustand ist, dass wir sie als sinnstiftend empfinden. Das bekommen wir aber nicht nur, wenn wir uns bei der freiwilligen Feuerwehr anmelden. Vielmehr dürfen wir uns fragen, was uns wirklich Freude bringt. Wenn du etwas tust, das dich wirklich erfüllt, das dir Spaß macht und dich so richtig zum Leuchten bringt – leuchtet dann dein gesamtes Umfeld nicht gleich etwas mit? Haben sie es nicht alle gleich etwas netter mit dir? Freiwillige Feuerwehr ist super, aber das reicht hier an Sinnstiftung schon.

Der Flow-Zustand kann uns helfen, in den Moment und damit ins Gefühl zu kommen – und damit den Zustand der Gefühlslosigkeit zu überbrücken. Wann hast du den Flow-Zustand das letzte Mal gefühlt? Mit deinem Pferd? Bei einer kreativen Tätigkeit? Beim Spazierengehen in der Natur? Bei einem guten Gespräch mit einem Freund? Was kann dir dabei helfen, diesen Zustand zu finden? Probiere hier gern unterschiedliche Dinge aus, du kannst nur gewinnen.

Guck mal, all die bunten Farben!

Ein weiterer Weg heraus aus der Languishing-Spur führt über die gute alte Wertschätzung und Dankbarkeit. Ja, ich weiß – das sind schon etwas abgegrabbelte Buzzwords, aber sie stehen für das Richtige. Wenn wir üben, wertzuschätzen, was wir haben, finden wir immer mehr Dinge, die wir wertschätzen können. Und wenn wir sehen, was wir alles Tolles in unserem Leben haben – auch in den kleinen Dingen – ist es schwer, sich nicht zumindest ein bisschen zu freuen oder darüber zu begeistern. Ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, in das du jeden Morgen oder Abend drei Dinge notierst, für die du dankbar bist, wirklich, ehrlich und vor allem FÜHLBAR (!) dankbar bist, ist z.B. ein Mittel, das nachgewiesenermaßen für mehr Zufriedenheit sorgt. Hier sind wir wieder beim Fokus, den wir bei der Gelegenheit auf die netten Dinge in unserem Leben lenken und weg von den langweiligen oder sogar problematischen.

Vielleicht helfen diese Tipps ja dir oder jemandem, den du kannst, und du kannst – in einem guten Moment – mal damit herumspielen.

Sprich auch gerne mit deinen Lieben über deine Wahrnehmung und lass dir ihre erklären. Das schweißt nicht nur zusammen, sondern führt vielleicht auch zu neuem Verständnis – und vielleicht sogar zu neuen und weiteren Ideen, sich die Welt gemeinsam etwas bunter zu malen.

Fangen wir bei uns an.

Das Problem, dass ganze Gesellschaften “herumdümpeln”, dadurch nie wirklich glücklich sind und perspektivisch womöglich sogar krank werden, ist natürlich ein Größeres. Leider leben wir in einem Umfeld, in dem physische Probleme als normal und mentale Probleme noch immer stigmatisiert werden.

Es ist Zeit, dass wir unser eigenes Wohlbefinden ernst und in die eigenen Hände nehmen lernen. Und damit Mensch für Mensch mehr Zufriedenheit, mehr gegenseitiges Verständnis und damit nach und nach eine neue Realität schaffen.

Über die Autorin

Daniela Kämmerer

Daniela Kämmerer

Pferde-Menschen-Coach, Yogalehrerin, Autorin

Daniela möchte Menschen und Pferden helfen, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen und aufzublühen. Nicht zuletzt, da sie nur so auch gut füreinander sein können – und für ihre sonstige Umwelt.